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Projekt der Demokratiewerkstatt: Ein Podcast über das Leben auf der Mühle

Projekt der Demokratiewerkstatt : Ein Podcast über das Leben auf der Mühle

Wie kann man Politikverdrossenheit entgegenwirken? Das ist eine Frage, mit der Benjamin Hoven von der Stolberger Demokratiewerkstatt sich Tag für Tag beschäftigt. Er hat dafür ein neues Format gewählt: einen Podcast über die Mühle.

„Demokratie hört nicht nach den Wahlen auf. Zur Wahl gehen ist immens wichtig. Aber darüber hinaus muss Demokratie auch im Alltag passieren“, betont Benjamin Hoven. Der 24-Jährige ist pädagogischer Mitarbeiter der Stolberger Demokratiewerkstatt – ein gemeinsames Projekt des Nell-Breuning-Hauses in Herzogenrath und der VHS Stolberg. Gefördert wird dieses von der Landeszentrale für politische Bildung.

Neben Duisburg-Marxloh, Düsseldorf-Oberbilk und Köln-Kalk gehört auch der Stolberger Stadtteil Mühle zu den Einsatzorten. Ursprungsgedanke für das Projekt war die geringe Wahlbeteiligung in diesen Vierteln bei der Bundestagswahl 2017. Auf der Mühle lag sie damals bei 39,71 Prozent. „In den Vierteln mit der niedrigsten Wahlbeteiligung wurde daraufhin die Demokratiewerkstatt angesiedelt, um der Politikverdrossenheit entgegenzuwirken und die politische Bildung zu stärken“, sagt Benjamin Hoven.

Der 24-Jährige ist seit 2020 als pädagogischer Mitarbeiter für das Projekt tätig. „Politische Bildungsinhalte zu vermitteln ist schwierig. Es gibt nicht viele Menschen, die sich in ihrer Freizeit damit beschäftigen möchten“, sagt Benjamin Hoven. Von Politikverdrossenheit auf der Mühle will der pädagogische Mitarbeiter allerdings keineswegs sprechen. „Leider wird die Mühle oft als eine Art Ghetto in Stolberg wahrgenommen, aber das stimmt überhaupt nicht. Hier gibt es auch Leute, die Lust haben, sich für ihre Community und ihre Stadt zu engagieren. Ich versuche heruaszufinden, wie ich sie unterstützen kann.“

Dies geschieht derzeit noch von einem der grünen Container auf der Frankentalwiese aus. Denn Hovens Büro, das er sich mit dem Stadtteilmanagement teilte, befand sich an der Salmstraße und wurde vom verheerenden Hochwasser Mitte Juli 2021 vollkommen zerstört. Auf lange Sicht sei geplant, wieder ein Büro auf der Mühle zu eröffnen. Wann dies der Fall sein wird, kann Benjamin Hoven zum momentanen Zeitpunkt allerdings noch nicht sagen.

Kurz vor der Flutkatastrophe hatte er ein neues Projekt ins Leben gerufen: einen Podcast über die Mühle und die Menschen, die dort leben, sich engagieren und arbeiten. Mit seinen Gästen spricht der pädagogische Mitarbeiter über den Stadtteil, über Demokratie, Politik und Soziales. Die Gespräche werden aufgenommen und sind als Audiodateien auf der Internetseite des Podcasts zu finden.

„Auf die Idee bin ich gekommen, als ich im Rahmen der Integrationsratswahl Videos gedreht habe. Da waren unter anderem zwei Interviews dabei. Und dieses Format kam besonders gut an, weil meine Gesprächspartner einfach viel zu erzählen hatten“, blickt Benjamin Hoven auf die Anfänge des Projekts zurück. Zunächst veröffentlichte er jeden Monat eine neue Folge. „Seit der Flut ist es weniger geworden, aber ich bemühe mich, alle paar Wochen eine neue Episode aufzunehmen.“

Und mit wem würde der 24-Jährige gerne einmal sprechen? „Natürlich wäre es interessant, mit dem Bürgermeister oder Vertretern der Verwaltung zu sprechen. Ich möchte mich aber vor allem auf die ‚ganz normalen‘ Leute konzentrieren und wissen, wie sie sich die Zukunft der Stadt vorstellen“, sagt Benjamin Hoven und fügt hinzu: „Außerdem möchte ich den Menschen, die sich auf der Mühle engagieren, eine Plattform bieten. So funktioniert Demokratie eben auch.“

Ein weiteres Format, das Hoven künftig weiter vorantreiben möchte, ist die Bürgerbeteiligung. „Es ist wichtig, dass aus diesem abstrakten Begriff Projekte vor Ort entstehen.“ An Ideen scheitere es nicht. „Erst kürzlich kam ein Jugendlicher zu mir, der sich im Bereich Umweltschutz einsetzen möchte. Wir möchten gerne an etwas arbeiten, das man dann auch im Stadtbild sehen kann. Es ist nämlich auch wichtig, dass die Leute, die sich engagieren, auch Erfolgserlebnisse haben.“

Eine feste Klientel hat Benjamin Hoven nicht. Präsenz zeigen sei in seinem Beruf das A und O. „Damit man gemeinsam Ideen entwickeln und Projekte umsetzen kann, ist es wichtig, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und Vertrauen zu schaffen“, weiß er aus seiner täglichen Arbeit. Immer wieder erfährt der 24-Jährige so auch, wo der Schuh bei den Menschen auf der Mühle drückt.

Ein großes Thema sei bezahlbarer Wohnraum. „Viele Menschen haben dieses Problem, auch wenn die einzelnen Fälle ganz individuell sind.“ Hoven setzt sich damit auseinander, wie man die Betroffenen erreichen und wie man ihre Anliegen in die Öffentlichkeit und in die Kommunalpolitik tragen kann.

Immer wieder stellt er fest, dass es Bürger gibt, die das Vertrauen in die Politik verloren haben. „Viele Leute haben den Eindruck, dass sie mit ihren Problemen alleingelassen werden. Oft ist es dann schon hilfreich, wenn man sich ihre Anliegen einfach anhört. Das ist ein Punkt, an dem ich mit meiner Arbeit ansetzen möchte.“

Für die Zukunft hat Benjamin Hoven sich noch viel vorgenommen. Neben den Themen Bürgerbeteiligung und Erinnerungsarbeit – unter anderem arbeitet der 24-Jährige mit der Gruppe Z aus Stolberg zusammen und plant gemeinsam mit ihr die nächste Verlegung von Stolpersteinen – gehört dazu auch die Weiterführung seines Podcasts. „Das steht und fällt natürlich mit den Menschen, die etwas Interessantes zu erzählen haben“, sagt er und fügt hinzu: „Selbst wenn die Wahlbeteiligung auf der Mühle bei 100 Prozent läge, würde die Arbeit damit nicht aufhören.“