Stolberg: Ein Pionier der Argumente geht von Bord

Stolberg: Ein Pionier der Argumente geht von Bord

Er kam als Pionier in die Verwaltung, um flächendeckend die Straßen im Stadtgebiet zu begrünen und mit verkehrsberuhigenden Elementen zu bestücken. Das war am 1.September 1985. Am Freitag hat Josef Braun seinen letzten offiziellen Arbeitstag im Rathaus. Was bei dem Fachbereichsleiter wörtlich zu verstehen ist.

Denn bevor er seinen „trockenen Ausstand” - der „feuchte Anteil” geht als finanzielle Spende an den Verein Menschenskind - heute Mittag gibt, wird der Bauingenieur erst einmal gemeinsam mit dem Kämmerer bei der EWV über kostendämpfende Vereinbarungen bei der Straßenbeleuchtung weiter verhandeln.

Kaiserplatz neu gestalten

Die letzten Amtshandlungen prägten pflichtbewusst auch die vergangenen Tage. So wird Braun auch erst heute den Schreibtisch in der Führungsetage des Rathauses ausräumen. Er hinterlässt eine gut bestellte Abteilung, die ein umfangreiches Aufgabenpensum zu bewältigen hat. Nicht alles hat Josef Braun so abarbeiten können, wie er sich das aus technischen Gründen vorstellt.

Beispielsweise bei der Straßenunterhaltung. 250 Kilometer nennt die Stadt ihr Eigen; gut 50 Jahre beträgt die Lebenserwartung bevor eine Reparatur 20 weitere Jahre schenkt. „Wir müssten jedes Jahr fünf Kilometer Straße bauen”, um sie in einem so ordentlich Zustand zu halten, dass der Unterhalt wirtschaftlich ist. Mehr als ein bis eineinhalb Kilometer im Jahr werden in Stolberg aber nicht gebaut.

Zu den Wünschen von Josef Braun zählt auch eine Neugestaltung des Kaiserplatzes. Damit der wieder ein Platz wird. „Die Vorschläge von Simone Kaes-Torchiani waren richtig”, erinnert Braun an die Pläne der ehemaligen Technischen Beigeordneten. Die Pläne dafür liegen seit langem in der Schublade.

Ebenso wie die für eine Aufwertung des Bastinsweihers. Auch ein Wunsch des 59-Jährigen, der die Befristung von Stellen als Hindernis bei der Anstellung qualifizierter Bewerber und ihre Kontinuität als Mitarbeiter bei der Stadtverwaltung wertet. Und auch die enge Personalkapazität in den technischen Ämtern stößt nicht auf Gegenliebe. Aus fachlichen Gründen.

Weil immer mehr Aufträge an externe Ingenieurbüros vergeben werden müssen. Das rechne sich nicht. „Wenn wir Aufträge für 0,6 Millionen Euro extern vergeben müssen, könnten wir dafür zehn Ingenieure beschäftigen”, rechnet Braun. Fünf zusätzliche wären ausreichend, um das Pensum bewältigen zu können. Das würde sparen.

Argumente, technische Gegebenheiten und gesetzliche Rahmenbedingungen sind seit jeher der Maßstab des Handelns des Bauingenieurs. „Schwarze”, „rote” oder „grüne” Straßen sind ihm fremd; was zählt für den scheidenden Fachbereichsleiter zählt, ist ihr tatsächlicher Zustand.

Als Pionier fachlicher Argumente ist Braun über das Rathaus hinaus anerkannt. Zu leiden hat er allenfalls unter den schlechten finanziellen Rahmenbedingungen. Beispiel Rathaus. Das Gebäude müsste komplett saniert werden, um Geld und Energie zu sparen. Das würde zehn Millionen Euro kosten.

Erste Verkehrsberuhigung

Wie wenig man mit fünf Millionen Euro erreichen kann, hat das Konjunkturpaket offenbart. Drei Schulen, eine Sporthalle, ein paar Schilder und eine Reihe von Bordsteinabsenkungen wurden realisiert. „Aber auch beim Hochbau fehlen die Mittel, um die städtischen Gebäude in ihrer Substanz zu erhalten oder gar energetisch zu sanieren”, bedauert Braun.

Sogar der alte Ratsbeschluss, jährlich vier Millionen Euro in die Sanierung schlechter oder nicht ausreichend dimensionierter Kanäle zu stecken, ist zunehmend aufgeweicht. „Das liegt sicherlich auch an den Kapazitätsgründen in der Verwaltung”, konstatiert er.

20 Mitarbeiter ohne Bauverwaltung zählte das Tiefbauamt, als Josef Braun 1985 dort anfing. Heute sind des 16 inklusive Bauverwaltung. „Die reinen Personalkosten zu betrachten ist zu kurzsichtig”, sagt der Tiefbauamtsleiter, der das Gesicht der Stadt über 25 Jahre lang mit geprägt hat.

Beispielsweise im Peitschenweg, wo die erste Verkehrsberuhigung erfolgte. Beispielsweise auf der alten Prämienstraße, wo Beete entstanden, die mit Bahnschwellen eingefasst wurden. „So etwas würde man heute nicht mehr machen”, gesteht Braun ein. So ist auch ein Ingenieur den Modeerscheinungen der Zeit unterworfen.

Vieles wurde „überbegrünt”, zu kleine Beete für zu große Bäume zu nah an Häusern geschaffen. Vergleichbares gelte für Verkehrsberuhigung. „Geschwindigkeitsdämpfende Maßnahmen müssen da erfolgen, wo sie nötig und sinnvoll sind, aber nicht um jeden Preis”, sagt Josef Braun.

„Einen kühlen Kopf bewahren”

So ist der Fachbereichsleiter dann besonders stolz auf eine Baumaßnahme, wenn „alles zur Zufriedenheit ihrer Nutzer umgesetzt werden kann” und wenn „weitgehend unbegründete Bedenken im Vorfeld mit Argumenten ausgeräumt werden können”. Seinem Nachfolger Bernd Kistermann rät Josef Braun: „Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird”.

Ruhe, einen kühlen Kopf bewahren und sein Handwerk sauber ausüben, sind Maßgaben, die auch in Stolberg zum Erfolg führen.

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