Stolberg-Vicht: Ein extrem harter Job im Urlaubsparadies

Stolberg-Vicht: Ein extrem harter Job im Urlaubsparadies

Eine Ordensschwester, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht und im Leben genau den richtigen Platz für sich gefunden hat, ist Silke Andrea Mallmann. Sie gehört dem Orden der Missionsschwestern zum Kostbaren Blut in Wernberg/Kärnten an.

Viele Stolberger kennen Schwester Silke, denn sie wurde 1968 in Vicht geboren und wuchs, seit sie vier Jahre alt war, in Mausbach auf. Die Freundschaften aus der Kinderzeit gibt es immer noch für sie und natürlich die Familie. Hin und wieder reist Silke Andrea Mallmann aus Kärnten an, um ihre Eltern in Mausbach zu besuchen. Diesmal war sie eigens gekommen, um der Einladung von Rudi Dreuw zum 38. Vichter Nachmittag zu folgen.

Schwester Silke arbeitete neun Jahre lang in Südafrika und Mosambik mit Aids-Waisenkindern, jetzt leitet sie die Caritas-Beratungsstelle „Tahitha“ für Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution in Kärnten. Seit 2009 haben dort 70 Frauen Schutz und Unterstützung gesucht. „Ich bin da gelandet, wo meine Eltern mich nicht haben wollten, nämlich im Kloster und im Puff“, kommentierte die humorvolle Nonne ihren Werdegang bei einem Vortrag mit dem Titel „Wenn Glaube nicht mehr lustig ist“.

„Ich lebe und wohne im Kloster und arbeite mit Damen aus dem Rotlichtmilieu.“ Noch immer findet sie ihren österreichischen Wohnort wunderschön, liebt die Landschaft und die sauberen Gewässer dort. Aber längst ist das Urlaubs-Feeling vorbei, weil ihre nicht gerade leichte Arbeit viel Raum einnimmt. Neben ihrer Beratungstätigkeit gehört Silke Andrea Mallmann in Österreich der Volksanwaltschaft an, einem hoch angesehenen staatlichen Gremium, das öffentliche und private Einrichtungen im Hinblick auf mögliche Menschenrechtsverletzungen kontrolliert. Für ihr Engagement wurde die Ordensfrau im Dezember vergangenen Jahres mit dem Kärntner Menschenrechtspreis ausgezeichnet.

Wachstumssektor Rotlichtmileu

Wer Kärnten aus Touristensicht kennt, fragt sich vielleicht, ob Prostitution und Menschenhandel dort überhaupt eine so große Rolle spielen. Doch das kann Schwester Silke nur unterstreichen. Viele Prostituierte würden vor allem aus Rumänien, Bulgarien und Ungarn nach Kärnten gebracht. Oft mit Gewalt, doch es gebe auch Armutsprostitution. Dass gerade Kärnten ein Wachstumssektor für das Rotlichtmilieu ist, liege unter anderem daran, dass Prostitution in Italien und Slowenien gesetzlich verboten wurde.

„Wir sehen, was das für Folgen hat. Durch Verbote hebt sich nicht das moralische Niveau, sondern das Verbotene wird im Untergrund oder anderswo betrieben“, stellt Schwester Silke fest. Neben Beratung und Hilfe für Prostituierte leistet die Caritas-Beratungsstelle Aufklärungsarbeit in Schulen und Pfarreien. „Menschenhandel ist ein Tabu-Thema, und es ist schockierend, dass vor der eigenen Haustür so etwas passiert“, sagt sie.

Silke Andrea Mallmann lernte die Gemeinschaft der Ordensschwestern vom Kostbaren Blut in Wernberg als Kind und Jugendliche kennen. In deren Gästehaus wohnte sie während mehrerer Urlaube mit ihren Eltern. „Sie waren sehr offen, sie kommen aus der befreiungstheologischen Richtung.“ Vor dem Eintritt in das Kloster absolvierte sie mehrere Praktika in Afrika, um sich mit Menschen zu beschäftigen, die am Rande der Gesellschaft leben. Auch diese Arbeit hat die studierte Pädagogin und Psychologin begeistert. Noch heute reist sie hin und wieder nach Mosambik, um die von ihr aufgebauten Tageszentren für Aids-Waisen zu besuchen.

„Ordensfrau wird man, weil man eine Angerufenheit durch Gott erfährt“, erklärt sie ihre Motivation, dem Orden als Anfang Zwanzigjährige beizutreten. „Eine Einladung von Gott kann man annehmen oder ablehnen, das war spannend“, erinnert sie sich. „Wofür lebe ich, wofür werde ich gebraucht, was möchte Gott von mir?“ waren Fragen ihrer Jugend. Ordensfrau zu werden, kam ihr als Idee, als Lebensentwurf und als Gefühl, „das sollst du aus deinem Leben machen“ in den Sinn.

Mit ihren Worten über ihre Arbeit und über ihren Glauben gewann die sympathische Nonne im Handumdrehen auch die Herzen ihrer Zuhörer beim Vichter Nachmittag.

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