Stolberg: Eigenes Konto? Nicht jeder bekommt eins

Stolberg: Eigenes Konto? Nicht jeder bekommt eins

Jedesmal, wenn P. die Bank verlässt, ist seine Laune am Tiefpunkt. Überall bekommt er die gleichen Antworten, aber nirgendwo ein Girokonto. P. erlebte vor Jahren seinen persönlichen Absturz, verlor Familie und Arbeitsstelle, konnte seinen finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen.

Deutschlandweit geht es einem von hundert Bürgern wie ihm.

Wenn die Statistik stimmt, werden hierzulande über 2,1 Millionen Girokonten auf Guthabenbasis geführt; damit läge die Kontenabdeckung bei 99 Prozent. Das hört sich zunächst positiv an. Außerdem wäre damit die Quote so hoch wie in Schweden, Frankreich und Belgien, wo Kreditinstitute verpflichtet sind, Girokonten bereitzustellen, um finanzielle Ausgrenzung zu verhindern.

In Stolberg dürfte sich die Quote aber noch besser darstellen. Oder anders gesagt: Es stehen wohl nicht 580 Menschen - das entspräche etwa einem Prozent der Einwohner - ohne Konto da.

„Beim Wohngeld gibt es keine Barauszahlung”, berichtet Katharina Oebel vom Sozialamt, und auch alle Stolberger Sozialhilfeempfänger besäßen Konten. Neben Obdachlosen, von denen es in Stolberg durchschnittlich 30 bis 40 gebe, seien es Asylbewerber während der Zeit der „Duldung” und wohl auch Betreute, die keine eigenen Konten unterhielten. Ein kleiner Teil der Asylbewerber erhalte von der Stadt Schecks, die bei der Sparkasse als öffentlich-rechtlichem Geldinstitut gegen Bargeld eingetauscht werden könnten. Ab einem bestimmten Stand des Asylverfahrens ändere sich das meistens schnell.

Und ob Hilfeempfänger, Student oder Angestellter - bei den Banken ist die Einrichtung eines Girokontos Alltagsgeschäft, wie Erich Timmermanns, Direktor Öffentlichkeitsarbeit bei der Sparkasse Aachen, betont. „Ein Sozialhilfeempfänger ist ein normaler Kunde.” Damit habe man jeden Tag in jeder Geschäftsstelle zu tun.

Aber dennoch gibt es wohl Gründe, die dagegen sprechen, dass Banken jemandem ein Konto einrichten: „Oft sind Schulden im Spiel oder Pfändungssachen, wenn jemand einen Titel erwirkt hat”, weiß Andreas Fischermann, Leiter des Sozialkaufhauses aus Erfahrung. „Auch negative Schufa-Einträge führen zur Ablehnung der Banken.” In „seinem” Kaufhaus sind 66 Ein-Euro-Jobber beschäftigt. Fünf von ihnen besitzen kein Konto. Wobei Fischermann nicht verhehlt, dass es auch „Klienten” gebe, die gar kein Geld aufs Konto überwiesen bekommen möchten.

Wer selbst auf Guthabenbasis kein Konto bekommt, hat noch die Möglichkeit, ein sogenanntes Pfändungsschutzkonto einrichten zu lassen. Davon mache ein Reihe Arbeitssuchender in der Region Gebrauch, weiß Horst Mendez vom Jobcenter Städteregion Aachen. Ein solches Pfändungsschutzkonto gibts seit gut einem Jahr, allerdings nicht neu einzurichten; es besteht lediglich die Möglichkeit, ein vorhandenes Guthaben-Konto ohne Zusatzkosten mit dem Pfändungsschutz zu versehen.

Was bleibt P., um nicht länger - wie EU-Kommissar Michel Barnier es ausdrückt - den Zugang zu „so grundlegenden und wesentlichen Dienstleistungen” verwehrt zu bekommen? Am besten der Weg zu den Beratern der Sozialdienste oder zur Verbraucherzentrale. Dort gibt es eine kostenlose „Beratung rund ums Girokonto”. Aber diejenigen, die eines haben möchten, sind nach Auskunft der Aachener Verbraucherschützer wohl in der Regel besser bei der, ebenfalls kostenlosen, „Beratung bei Geld- und Kreditproblemen” aufgehoben.

Mehr von Aachener Zeitung