Stolberg: Diskussion über Sozialwohnungen an der „Rotsch“

Stolberg: Diskussion über Sozialwohnungen an der „Rotsch“

Anfangs wollten die Bürger nicht so recht der Zusicherung vertrauen, dass weder Verwaltung noch Politik aktuell eine noch weiter gehende Änderung der Bauleitplanung für die frühere Robert-Grünzig-Kampfbahn im Sinn hätten. Am Ende der etwa zweistündigen Bürgeranhörung im Rathaus stand dann aber doch der Wunsch, über weitere Veränderungen der Bauvorschriften nachzudenken.

Zumindest wünschten Anlieger des Jordansberges, dass auf dem Eckgrundstück an der „Rotsch“ (Abschnitt 1) zukünftige Neubauten nicht mit zwei Geschossen plus Staffelgeschoss errichtet werden. Das würde der bestehenden Bebauung wieder das Licht nehmen, das die Anwohner nach einer Durchforstung des Hangbewuchses vor vier Jahren erst gewonnen hatten.

Doch das war eher ein Randaspekt der Diskussion über den geplanten sozialen Wohnungsbau auf dem mittleren Teil des städtischen Grundstücks (Abschnitt 2) an der „Rotsch“. Nachdem bereits bei früheren Rats- und Ausschusssitzungen Anlieger ihren Unmut über Art und Umfang der geplanten Bebauung kundgetan hatten, präsentierte die Verwaltung nun erstmals Pläne, die zumindest von ihrer Optik her mit Befürchtungen aufräumen konnten.

So hat sich die Verwaltung die südliche Ecke des Sportplatzgeländes ausgesucht, die architektonisch und städtebaulich einige Vorteile bietet. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt eine Grünanlage ohne jegliche Bebauung. Hinter der Kurve in Richtung Walther-Dobbelmann-Straße (Abschnitt 3) bleibt Raum für zwei, nördlich neben dem Vorhaben für drei bis vier und auf der Ecke zum Jordansberg für drei Baugrundstücke. Ihnen gemeinsam ist die Festsetzung als Einfamilien- oder Doppelhaus mit maximal zwei Wohneinheiten sowie eine Zweigeschossigkeit, wobei ein zusätzliches Staffelgeschoss möglich ist.

Angesichts der Topographie hatte der Rat absolute Firsthöhen von 250,5 (Abschnitt 1 & 2) bzw. 251,5 (Abschnitt 3) Meter über Normalnull festgesetzt. Das bedeutet im Fall der projektierten Mehrfamilienhäuser, dass sie an der Straße „Rotsch“ etwa 5,70 Meter hoch sind und damit dem Niveau der umliegenden Bebauung entsprechen; dabei werden dort lediglich die beiden Obergeschosse über die Bordsteinkante lugen.

Angesichts der Hanglage liegt das Erdgeschoss zur „Rotsch“ hin in der Böschung, während der Zugang über die derzeitige Erschließungstrasse (239,5 über Normalnull) auf dem alten Sportplatz erfolgen soll, wo zudem je acht Parkplätze angelegt werden sollen.

Die Variante, den Eingangsbereich der Gebäude zur „Rotsch“ hinzuzulegen, fand keine Zustimmung unter den Anliegern. Sie regten allerdings an, den Zugang des nördlichen Hauses auf dessen Südseite zu verlegen, so dass die Eingänge beider Gebäude im geplanten Gartenhof münden.

Architektonisch sind beide Häuser identisch geplant mit zentralem Versorgungsschacht und drei tragenden Seitenwänden, die eine flexible Aufteilung der Zuschnitte der Wohneinheiten ermöglichen. Vorgesehen sind pro Gebäude acht Wohnungen zwischen 32 und 116 Quadratmeter für Ein- bis Fünf-Personen-Haushalte.

Angesichts des Umstandes, dass die Bewohner des Quartiers dem städtischen Projekt grundsätzlich eher ablehnend gegenüberstehen, gab es dennoch lobende Worte für die architektonische Lösung. „Es ist gut gelöst und würde sich optisch in die Umgebung einfügen“, sagte eine Teilnehmerin. „Eine nette Lösung“, sagte ein anderer.

Größere Sorgen als die Baukörper, die bei der angestrebten öffentlichen Förderung 25 Jahre zweckgebunden genutzt werden müssen, bereitet den Anwohnern die geplante Nutzung als Sozialwohnungen. Ein Gebäude soll Flüchtlinge aufnehmen, das andere Inhaber von Wohnungsberechtigungsscheinen. Etwa 40 bis 50 Personen inklusive Kinder würden so zur „Rotsch“ kommen.

„Das ist keine dezentrale Unterbringung“ angesichts von knapp 100 Altbürgern, kritisierte eine Anwohnerin: „Eine homogene Gruppe kommt in eine schön durchmischte Nachbarschaft.“ Die Gefahr eines „sozialen Kippens“ werde heraufbeschworen. „Sie setzen hier Leute hin, die sich ein Haus in dieser Gegend nicht leisten können“, argumentierte ein Redner. Eine andere Rechnung machte die Verwaltung auf, die mit Bürgermeister, beiden Beigeordneten und weiteren Amtsleitern hochkarätig auf dem Podium vertreten war. In Relation zu 900 Flüchtlingen plus WBS-Inhabern sowie 1800 öffentlich geförderten Wohnungen in allen Stadtteilen sah die Verwaltung die Voraussetzungen für eine dezentrale Unterbringung gegeben. Extrem hoher Bedarf bestehe an Ein- und Zwei-Personen-Haushalten. Ein Anrecht auf „einen Wohnungsberechtigungsschein zu haben bedeutet nicht, asozial zu sein“, markierte ein anderer Bürger. Als Beispiel wurde die alleinerziehende Mutter zweier Kinder angeführt.

Kritisch hinterfragt wurde außerdem eine soziale Betreuung der zukünftigen Bewohner sowie eine Mehrbelastung durch Autoverkehr. Während sich nach Ansicht der Verwaltung ein überschaubares zusätzliches Verkehrsaufkommen in diesem Teil der Liester problemlos verteile, werde man sich Gedanken über einen Anschluss an das Busnetz innerhalb des Verfahrens machen, kündigte der Technische Beigeordnete Tobias Röhm an.

Ihren Ausklang fand die Debatte über den sozialen Wohnungsbau mit der Wortmeldung von Dr. Herbert Limpens, der am Jordansberg aufgewachsen ist. Aus rechtlicher Sicht sah der ehemalige Präsident des Aachener Verwaltungsgerichtes keine erfolgversprechende Handhabe gegen das Projekt, das kommunalpolitisch beschieden werde. Und die Gefahr eines sozialen Kippens des Quartiers sei seiner Sicht nach nicht erkennbar. Limpens erinnerte auch an die Obdachlosenunterkunft, die die Stadt in den 1950er Jahren am Jordansberg betrieben habe.

Letztlich blieb die Frage, ob im Umfeld der „Rotsch“ diesen beiden Gebäuden weitere ihrer Art folgen und auch der östliche Teil des Sportplatzes bebaut werden soll? Bürgermeister Tim Grüttemeier versicherte, dass weder Verwaltung noch Stadtrat dies aktuell anstreben würden. Für die verbleibenden Grundstücke, für die ohnehin maximal zwei Wohneinheiten vorgeschrieben sind, habe die Stadt als Verkäuferin die Entscheidung in der Hand. Und aufgrund der hohen Gründungskosten wegen der Bodenbeschaffenheit sei die Bebauung der zweiten Sportplatzhälfte wirtschaftlich nicht interessant. Der Bürgermeister verschwieg aber auch nicht, dass der Stadtrat mit mehrheitlichem Beschluss einen Bebauungsplan immer ändern könne. Auch, um wie angeregt über weitere Beschränkungen im ersten Bauabschnitt nachzudenken.

(-jül-)