Dieter Meier hilft in Stolberg Kindern und Erwachsenen bei Mathe

Ehrenamt : Dieter Meier begeistert Klein und Groß für die Mathematik

Dieter Meier schlägt seinen Block auf und reißt eine Seite Papier heraus. Er halbiert den Bogen mit seinem Taschenmesser und knickt die Ecken so um, dass aus dem rechteckigen Blatt ein Dreieck entsteht. Ganz akkurat arbeitet Meier.

Währenddessen erklärt er, wie man den Flächeninhalt des neu entstandenen Gebildes berechnet. Die Flächeninhaltsberechnung eines rechtwinkligen Dreiecks ist für Menschen, die sich nicht unbedingt für Mathematik interessieren, sicherlich kein spannendes Thema. Doch wer den Erklärungen von Dieter Meier lauscht, ist schnell fasziniert, wie leicht und logisch diese Aufgabe gelöst werden kann.

Lehrer ist Dieter Meier übrigens nicht und doch bringt er seinen Schülern mit seiner unverwechselbaren Art eine ganze Menge bei. Das wird in etlichen Situationen deutlich. Zum Thema Multiplikation hat er beispielsweise ein Aufgabenblatt erstellt, das seine Schüler ausfüllen sollen. Eine Aufgabe, die man sich nicht schwerer machen müsse als sie eigentlich sei, ist er sich sicher und liefert dafür selbst den Beweis. Untereinander schreibt Dieter Meier die Zahlen von 0 bis 9 auf ein Blatt Papier. Direkt daneben schreibt er die Zahlenreihe rückwärts von unten nach oben.

Heißt: Neben die Neun gesellt sich die Null, neben der Acht steht die Eins. Am Ende schreibt er neben die Null eine Neun. Das Ergebnis? Die Neuner-Reihe. Zwischendurch untermalt Meier seine Ausführungen immer wieder mit kleinen Witzen, schweift kurz vom Thema Mathematik ab und schafft es nach wenigen Minuten dann doch wieder die Aufmerksamkeit auf die Zahlen zu lenken. So wid es seinen Schülern – egal, ob Klein oder Groß – auch definitiv nicht langeweilig. Doch wenn der 77-Jährige kein Lehrer ist, was ist er dann? Ganz einfach.

„Förderung von Migrantenkindern im Bildungsbereich“

Dieter Meier ist Mitglied des Arbeitskreises „Förderung von Migrantenkindern im Bildungsbereich“, den der Stolberger Apotheker Hartmut Kleis gemeinsam mit Layeal Bechir, Mazeena lsmail und Yilmaz Nursen ins Leben gerufen hat. Meier bietet für Klein und Groß ehrenamtlich sogenannte Lernhilfe an. „Mein größtes Anliegen ist es, den Kindern zu vermitteln, dass Lernen nichts Schlimmes ist, sondern Spaß und Freude macht“, sagt Meier. „Dumme Kinder gibt es nämlich nicht. Oft haben sie nur die falschen Lehrer“, ist er sich sicher.

Zu vermitteln, dass Lernen Spaß machen kann, ist nicht unbedingt eine einfache Aufgabe. Schließlich hilft Meier in einem Fach, das nicht bei Jedermann beliebt ist: Mathematik. Die Berechnung von Flächen, Addition, Multiplikation oder auch die Bruchrechnung versucht Meier seinen Schülern so anschaulich wie eben möglich beizubringen. „Viele Lehrer und Kinder sind damit zufrieden, wenn etwas auswendig gelernt wird. Das heißt aber nicht, dass man auch etwas begriffen hat“, sagt Meier.

Seine Woche beginnt in der Regel montagsmorgens gegen 8 Uhr. Dann steht die erste Lernhilfe auf dem Programm. Fast jeden Tag ist er unterwegs und bringt seinen Schülern die Mathematik und Physik näher. „Mathematik und Physik sind auf der ganzen Welt gleich“, sagt Meier.

Neben dem anschaulichen Erklären legt Meier Wert darauf, dass seine Schüler nicht nur dem Lernen, sondern auch den Prüfungen gegenüber positiv eingestellt sind. „Auch wenn mal eine Arbeit daneben geht, geht davon nicht die Welt unter. Das ist doch nichts Schlimmes. Was soll denn schon passieren?“, fragt er. Meier selbst sei zu einer Zeit in die Schule gegangen, in der die Prügelstrafe noch zum Alltag gehörte. Das sei heute glücklicherweise nicht mehr der Fall.

Bleistift und Radiergummi

Bekommt er neue Schüler hat der 77-Jährige ein kleines Geschenk dabei: einen Bleistift mit einer ein Millimeter dicken Miene und einen Radiergummi. Damit ließe es sich besonders gut schreiben, meint er. Vor rund einem halben Jahr machte er im Kultur- und Generationenhaus („Kugel”) an der Breslauer Straße eine neue Bekanntschaft. Mazeena Ismail, Vorsitzende des Vereins „Frauen für Frauen in Stolberg“, sprach ihn an, ob er einer weiteren Familie helfen könne. Schnell stimmte er zu. „Kinder haben es verdient, dass sie die Chance bekommen, auch etwas Richtiges zu lernen. Ich versuche, ihnen dabei zu helfen“, sagt Meier. Mittlerweile seien die Töchter schon deutlich besser geworden, berichtet die Familie.

Rund 25 Ehrenamtler sind Teil des Arbeitskreises. Mehr Mitstreiter könnten definitiv noch gebraucht werden, sagt Meier. Schließlich gebe es etliche Familien in Stolberg, bei denen Bedarf bestehe. Doch genügend Ehrenamtler zu finden, wird ein immer schwierigeres Unterfangen – nicht nur für den Arbeitskreis. Erst kürzlich wurde bekannt, dass das Projekt Familienpaten – eine Kooperation zwischen dem Bethlehem-Gesundheitszentrum und dem Stolberger SKM – bald schon der Vergangenheit angehören wird (siehe Infobox).

Ein Leben ohne die Lernhilfe kann man sich bei Dieter Meier kaum vorstellen. Die Freude ist ihm in jeder Minuten anzumerken und anzusehen. „Für mich ist das keine Arbeit und auch keine Belastung, obwohl ich nicht dafür bezahlt werde“, sagt Meier und fügt schnell lachend hinzu: „Das war natürlich ein Scherz.“

Er selbst hat vor 62 Jahren eine Lehre zum Fernmeldehandwerker absolviert und war bei der Bundespost angestellt. 1969 kündigte der damalige Beamte, studierte und arbeitete nebenbei noch im Fernmeldewesen. Mittlerweile ist der Ingenieur, der ursprünglich aus Köln kommt, in Rente. Seine Schüler seien ihm ans Herz gewachsen und auch Dieter Meier werde oft als Teil der Familie bezeichnet. Ein Kompliment, mit dem er sehr gut leben könne, sagt Meier und den Stolz merkt man ihm dabei an.

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