Aachener Modell für begabte Kinder: Die „Viermeilenstiefel“ fest geschnürt

Aachener Modell für begabte Kinder : Die „Viermeilenstiefel“ fest geschnürt

„Kennt ihr Karl den Großen? Also: Er war ein sehr mächtiger Herrscher seines Reiches. Karl regierte im frühen Mittelalter. Lebte in Aachen. Hier war seine Pfalz, so hat es die jetzt zehnjährige Emilie Limpens aus Stolberg in dem Buch mit dem Titel „Viermeilenstiefel“ geschrieben. Das Akrostichon (der Leistenvers) ist ein Gedicht, das sich nicht unbedingt reimen muss.

Gelernt hat sie diese Art des Schreibens beim Aachener Modell, das sich seit 2003 vornehmlich der schulischen Förderung besonderer Begabungen von Schülerinnen und Schülern in der Städteregion widmet.

In der Grundschule fiel der Lehrerin früh auf, dass Emilie ihre Aufsätze spannend und in gutem Stil schrieb. Frau Vera Liebreich-Hohn machte die Eltern auf das Aachener Modell aufmerksam. Nachdem sie ihre Einwilligung für das Bewerbungsverfahren gegeben hatten, nominierte die Lehrerin Emilie für das Begabten-Schreibprojekt, worauf die junge Dame bald die Zusage erhielt. Mit weiteren 13 Kindern aus dem 3. und 4. Schuljahr der Städteregion startete das Projekt Ende Januar 2017 in Aachen.

Einmal in der Woche, immer dienstags von 14 bis 16.30 Uhr, kamen die Kinder zusammen und befassten sich zunächst mit den Inhalten und Raffinessen des kreativen Schreibens und setzten sich dann mit der eigenen Geschichte Aachens auseinander. Inhalte waren Karl der Große als Person mit dem Centre Charlemagne, dem Katschhof und dem Karlsbrunnen, Führungen durch die Stadt und den Dom (Thron, Karlsschrein, Bärwolf), RWTH Aachen, alter und neuer Campus in Verbindung mit der Palastschule Karls, Besuch der Roboter-Abteilung und Besichtigung durch das Tuchwerk in der Soers, wo der Weberaufstand 1830 in Aachen erklärt wurde und es eine szenische Lesung durch das Theater K gab.

Zum Thema Grenzen schauten sich die Kinder den Westwall zwischen Herzogenrath-Bank und Pannesheide an. Vor Ort wurde fotografiert und es wurden Kurzgeschichten und Gedichte geschrieben.

Dieses Modell für begabte und schreibbegeisterte Kinder gibt es aber nicht nur in Aachen. Bei einem internationalen Bildungskongress in Münster entstand im Anschluss an den Workshop „Zu Bildern schreiben“ von Beatrix Christanell (Pädagogische Abteilung der Deutschen Bildungsdirektion Bozen) und Hermann Rogger (Schulverbund Pustertal) im Austausch mit Marlies Schiefer aus Aachen und Marion Rogalla aus St. Gallen die Idee zu einem gemeinsamen, länderübergreifenden Schreibprojekt: Italien, Österreich, Schweiz und Deutschland. Für Italien waren es Schüler des Schulverbundes Pustertal, für Österreich aus dem Schulverbund Tirol, für die Schweiz aus St. Gallen und für Deutschland aus der Städteregion Aachen.

Herausgekommen ist nun eine fantastische Geschichte, die im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit von 61 Kindern im Alter von acht bis 14 Jahren aus diesen vier europäischen Ländern verwirklicht wurde. Im März 2018 fuhren jeweils vier Kinder, auch Emilie, aus den beteiligten Ländern nach Innichen, um die Geschichte von Karl und seinem Vetter Tassilo auf ihrer Reise durch die heutige Zeit gemeinsam zu Ende zu schreiben. Obwohl Innichen, Aachen, St. Gallen zum Teil 1000 Kilometer voneinander entfernt liegen, sind sie durch eine 1000-jährige Geschichte eng miteinander verbunden.

Jede Gruppe brachte die Besonderheit ihrer Region zum Ausdruck und erkundete die gemeinsame Geschichte ihrer Heimatorte. Dabei schlüpften sie selbst in die Rolle historischer Persönlichkeiten, wie Kaiser Karl den Großen, dessen Vetter, den Bayernherzog Tassilo III., den Klostergründer Gallus oder Abt Otmar von St. Gallen.

„Viermeilenstiefel“ ist ein originelles, schwungvoll und lustig erzähltes Buch, das von Freundschaft, Toleranz, gemeinsamen Wurzeln und spannenden historischen Zusammenhängen handelt. Die europäische Geschichte, verpackt in einer spannenden Rätseltour von Südtirol über St. Gallen nach Aachen, ist eine Zeitreise und beginnt damit, als Kaiser Karl der Große gemeinsam mit seinem Cousin Tassilo III. nach mehr als 1000 Jahren auf die Erde geschickt wird, um eine bis heute offene Frage zu klären: Wo genau befand sich das Benediktinerkloster von Innichen, das im Jahr 769 n.Chr. auf Geheiß von Herzog Tassilo errichtet worden war?

Auch wenn die beiden sich liebend gerne streiten, am Ende halten sie doch zusammen. Denn nicht nur ein geheimnisvoller Klosterplan und das Lösen eines jahrhundertealten Rätsels verlangt den beiden einiges an Mut und Erfindungsgabe ab, sondern auch die moderne Welt mit ihren technischen Errungenschaften lässt die beiden Abenteurer ganz schön ins Schwitzen geraten. Für Emilie bedeutet das Schreiben ein Eintauchen in eine andere Welt.

Gleichzeitig hilft es ihr, die Fantasie zu entfalten und dadurch im Fach Deutsch eine gute Note zu bekommen. In der Arbeit mit Gleichgesinnten sind neue Freundschaften entstanden und sie hofft, dass das Schreibprojekt unter einem anderen Thema wiederholt wird. Auf der Leipziger Buchmesse wurde dieses Buch kürzlich vorgestellt. Über Christi Himmelfahrt findet in Innichen anlässlich der 1250 Jahrfeier die 1. offizielle Präsentation statt und in Aachen voraussichtlich im Juni.

Mehr von Aachener Zeitung