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Stolberg: Die Stolberger Burg und ihre wechselvolle Historie

Stolberg : Die Stolberger Burg und ihre wechselvolle Historie

Keiner kennt die Burg besser als Christian Altena. Wenn sich der Historiker mit der Geschichte der Burg beschäftigt, dreht er quasi jeden Stein um. Dabei macht er Dinge sichtbar, die heute so nicht mehr zu sehen sind.

Wie beispielsweise den Treppenturm, eine Konstruktion aus Stein und Holz, die einst außen anliegend, die oberen Räume des Westturmes erschloss. Burgretter Moritz Kraus hat beim Burgumbau Ende des 19. Jahrhunderts den Treppenturm beseitigen lassen, so dass heute der unterhalb der Turmhaube liegende Raum nicht mehr zugänglich ist.

Auch verschwunden sind die großartigen Wappentafeln, die einst zur Ausstattung einer vom Schultheiß oder Gerichtsschreiber genutzten Verwaltungsstube im Westturm der Burg gehört haben. „Die Ahnenwappen des Burgherrn Johannes von Efferen waren von besonderer kunsthandwerklicher Qualität. Aufbau und Details der Renaissance-Schnitzereien waren wohlproportioniert und fein gearbeitet“, versicherte der Historiker, als er kürzlich im Saal des Kulturzentrums Frankental sich dem Thema widmete „Die Entwicklung von Burg Stolberg vom 15. bis zum 19. Jahrhundert“.

Gut, dass Altena von diesen neun hölzernen Wappentafeln, die einst den Renaissance-Kamin im heutigen Bürgermeisterzimmer geziert haben, im Stadtarchiv unbeschriftete Fotografien entdeckt hat, die er dem Turmzimmer zuordnen konnte. Somit konnte er den Besuchern des Vortrages, der die vom Stadtarchiv und der Volkshochschule initiierte Reihe anlässlich des 900-Jubiläums der Kupferstadt fortsetzte, die verlorenen Schnitzereien zeigen.

Dem Museum gestiftet

Verloren deshalb, weil Moritz Kraus sie 1906 dem Kunstgewebemuseum in Düsseldorf gestiftet hatte. Dort sind sie unter ungeklärten Umständen längst verschollen, wie der 37-Jährige versicherte, der sich seit seinem zwölften Lebensjahr mit der Burg beschäftigt. Zu den Objekten, auf die Altena detailliert einging, gehörten auch die Ausstattung, die Funktion und das äußere Bild des früheren Geschützturmes, dessen Überreste man im 19. Jahrhundert als Großen Turm auf die heutige Höhe gebracht hatte.

Schließlich hatte der zweistöckige Turm, der bis zur Traufhöhe des Palas gereicht hatte, einst Geschützluken besessen, die mit rotem Sandstein eingefasst waren, wie Altena erklärte.

Um den Besuchern ein Bild von dieser verlorenen Ausstattung zu vermitteln, zeigte der Historiker als Vergleich ein Foto von einem Geschützturm der Eschweiler Burg, dem heutigen Antonius-Krankenhaus. Denn dort sind Luken zu sehen, die ähnlich wie bei den verlorenen Luken auf Burg Stolberg mit rotem Sandstein eingefasst sind — und aus derselben Bauzeit um 1500 stammen.

Auch auf die früher auf Burg Stolberg genutzte Waffentechnik ging Altena ein. Wie der Historiker versicherte, hatte man zur Verteidigung der Burg, die man wie eine abwehrbereite Schildkröte mit mächtigen Mauern ausgestattet hatte, auch Hakenbüchsen genutzt.

Dass man Hakenbüchsen eingesetzt hatte, beweist der Überrest eines Geschützes, das man im 19. Jahrhundert im Innern der Burg entdeckt hatte. Um den Besuchern den Einsatz der Büchsen anschaulich vorzuführen, präsentierte der Historiker eine von ihm selbst angefertigte Rekonstruktionszeichnung, die zwei Personen beim Abfeuern eines Geschützes zeigte.

Im Übrigen spielten im Verlaufe des Vortrages rund 15 von Altena selbst angefertigte Rekonstruktionszeichnungen eine große Rolle. Sie zeigten verlorene Bauteile oder die Burg in ihrem jeweiligen Zustand im Verlaufe der Jahrhunderte.

Auch Knechte

Und die Burgbewohner, zu denen neben der adligen Familie auch Knechte, Mägde, Hunde, Hühner und viele mehr zählten. Des Weiteren präsentierte er Fotos von Burgen und Schlossanlagen innerhalb Deutschlands, deren Gestaltung typologische Ähnlichkeiten mit der an Burg Stolberg verwendeten Details und Bauformen aufweisen.

Altena ging auch auf die vormalige Gestaltung des heutigen Rittersaales ein. Schließlich hatten ein Kamin und eine Mauer den Rittersaal einst in zwei Räume geteilt. Zwei Räume hatte man, wie der Historiker erklärte, benötigt, weil man das Schlafgemach der Herrschaft und die Versammlungsstätte der Burgbesucher in unterschiedlichen Räumen untergebracht hatte.

Eine Rolle spielte im Verlaufe des Vortrages auch der frühere Gefängnisturm, der als ein Bestandteil der Vorburg, sich im heutigen Kräutergarten befunden hatte. Diesen viereckigen Turm, dessen Überreste mit im Mauerwerk verankerten Ringen Burgbesucher des 19. Jahrhunderts noch gesehen hatten, stellte Altena dar, indem ein um 1837 entstandenes Aquarell den Besuchern zeigte, das den Turm in der Nähe des Burgtores am Luciaweg darstellte.

Einen Gefängnisturm hatte man laut des Experten benötigt, weil im 16. Jahrhundert auf der Burg auch die so genannte Hohe Gerichtsbarkeit angesiedelt war, die auch Todesurteile aussprechen und vollstrecken konnte. Somit gelang es Altena ein Burgbild darzustellen, das sich in Stolbergs historischer Literatur mit Ausnahme seines 2014 erstellten Burgführers „Rundgang durch Burg Stolberg“ so nicht wieder findet.

Fortgesetzt wird die Vortragsreihe im Saal des Kulturzentrums, zu der keine Anmeldung und kein Eintritt erforderlich ist, mit dem Vortrag von Toni Dörflinger, am Dienstag, 29. Mai, um 19 Uhr: Thema sind dann die Stadtvillen Stolbergs im Historismus und Jugendstil.