Stolberg: Dialyse-Patienten fürchten Kürzungspläne

Stolberg: Dialyse-Patienten fürchten Kürzungspläne

In der Kupferstadt ist er vielen durch seine politische Arbeit bekannt, doch wenn es um die im Januar getroffene Absprache zwischen dem GKV (Gesetzliche Krankenversicherung)-Spitzenverband und der kassenärztlichen Bundesvereinigung geht, ist Mathias Prußeit nicht Fraktionsvorsitzender und Sprachrohr einer Partei, sondern äußert sich als Patient.

„Die zentrale Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen und die kassenärztliche Vereinigung planen, die Wochenpauschalen für die ambulante Dialysetherapie um etwa 100 Millionen Euro jährlich in der ersten Stufe und im weiteren um nochmals 80 Millionen Euro abzusenken.“ Zu Lasten der Patienten, wie Prußeit befürchtet.

Ist als betroffener Dialysepatient beunruhigt: Mathias Prußeit aus Stolberg. Foto: D. Müller

Der 56-Jährige ist selbst betroffen, benötigt seit zwei Jahren regelmäßige Dialysebehandlungen. Dreimal in der Woche wird sein Blut je fünf Stunden lang im Nierenzentrum des Kuratoriums für Dialyse und Nierentransplantation an der Ritzefeldstraße gereinigt. „Dort haben wir Patienten noch einen ,Garten Eden‘, in dem wir medizinisch sehr gut behandelt werden und uns zugleich auch menschlich wirklich aufgehoben fühlen“, beschreibt Prußeit seine Sorgen: „Die Frage ist, wie lange das noch so bleiben kann, wenn die Kürzungspläne greifen. Und er verweist darauf, dass die Betroffenen alternativlos auf die Behandlung angewiesen sind: „Bei uns geht es ja nicht um einen Schnupfen, sondern schlichtweg um Leben und Tod.“

Wenn die Dialysezentren dem Kostendruck nachgeben müssten, käme dies unweigerlich Risiken für die Patienten gleich. So hätten Einsparungen beim Material bereits für Komplikationen gesorgt. „Über ein Schlauchsystem werden etwa 300 Milliliter Blut pro Minute abgepumpt, in einem Filter gereinigt und dem Körper wieder zugeführt. Die Schläuche werden wegen der Infektionsgefahr nur einmal pro Patient benutzt, und dann entsorgt“, erklärt Prußeit. In günstigen, aber auch minderwertigen Schlauchsystemen hätten sich bereits Stoffe gelöst und zu allergischen Reaktionen bei Patienten geführt.

„Verantwortungsbewusst“

Auch „Billignadeln“ hätten als Verbindung zwischen der Dialyseapparatur und dem Körper des Patienten vereinzelt versagt, indem sie gebrochen seien. „Die Sachkostenpauschale wurde vor zehn Jahren ermittelt und ist seitdem nicht angepasst worden. Wird sie jetzt auch noch gekürzt, werden die Dialysezentren reagieren müssen.“

Zum Beispiel durch Verkürzung der Behandlungszeiten. „In den USA etwa werden nicht 300, sondern 400 bis 450 Milliliter Blut in der Minute bei der Dialyse gereinigt.“ Studien hätten ergeben, dass dieses Verfahren zwar Zeit spart, aber die Qualität der Dialyse schlechter sei. „Zudem werden dabei die Patienten wesentlich stärker körperlich belastet“, betont Mathias Prußeit.

Die geplante Kürzung der Kostenpauschale würde sich auch auf das Personal der Dialysezentren auswirken: „Entweder werden weniger Menschen beschäftigt, oder sie werden schlechter bezahlt. Beides führt dazu, dass nierenkranke Patienten von weniger Fachpersonal behandelt werden.“

Mit seiner eindeutigen Kritik an den Kürzungsplänen steht der Stolberger Dialysepatient Prußeit nicht alleine da: Eine Petition gegen die damit verbundenen drastischen Einschnitte bei der Behandlung wurde bundesweit von bisher 28000 Menschen unterzeichnet.

Den Befürchtungen der Patienten hält Dr. Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), entgegen: „Der gemeinsam mit den Krankenkassen gefällte Beschluss ist ein verantwortungsbewusster Kompromiss.“ Eine zweite Abstufung etwa erfolge ausschließlich dann zum 1. Januar 2015, wenn KBV und GKV-Spitzenverband gemeinsam feststellen würden, dass damit auch weiterhin eine ausreichende Kostendeckung bei Durchführung der Dialyse gegeben sein werde.

Johann-Magnus von Stackelberg, stellvertretender Vorsitzender des GKV, bestätigt dies und ergänzt: „ Wir planen außerdem, die Kostenpauschalen jährlich zu überprüfen, um auf Kostensteigerungen in den nächsten Jahren reagieren zu können.“

Mathias Prußeit indes bleibt mehr als skeptisch: „Wäre man wirklich verantwortungsvoll und auf das Wohl der Patienten bedacht, hätte man die Kürzung erst gar nicht beschlossen.“