Historiker Armin Meißner: Der Weg in Stolberg vom Untertan zum Bürger

Historiker Armin Meißner: Der Weg in Stolberg vom Untertan zum Bürger

Der Historiker Armin Meißner kann Geschichte erzählen, und wenn er dies über das angekündigte Maß von neunzig Minuten heraustut, ist das für das Publikum des Stolberger Heimat- und Geschichtsvereins nicht nur kein Problem, sondern ein Gewinn.

„Vom Untertan zum Bürger“ war der Titel des Vortrags, zu dem der Verein jetzt in den Rittersaal der Burg geladen hatte. Wie immer für alle Besucher kostenfrei und zum Stadtjubiläum zu dritten Mal in diesem Jahr in Stolbergs ältestem Saal.

Betrachtet wurde der Zeitraum von 1794 bis 1856. Also der historiographische Rahmen von der französischen Eroberung des Rheinlands 1794 bis zur Stadtwerdung Stolbergs im Jahr 1856.

Sechzig Jahre, die angefüllt waren mit der Überwindung des Feudalwesens, Einführung zunächst französischer und sodann preußischer Verwaltung, Industrialisierung der Region und gesellschaftlicher Umbrüche. Während der Mikrokosmos Unterherrschaft“, wie Meißner es nannte, isoliert betrachtet werden könne, stellt sich die Welt des 19. Jahrhunderts komplexer dar.

Meißner, studierter Historiker und profunder Kenner der rheinischen Geschichte, erzählte den Stolberger Hörern aus einem Kapitel ihrer Geschichte, das zwar kurz, aber komplex und vor allem nicht besonders erforscht ist.

Nur Eckdaten bekannt

Chronologische Eckdaten sind bekannt und publiziert, der Fokus meist auf wirtschaftshistorischen Komplexen. Für die Industriestadt Stolberg wichtig, aber nicht alles. Der Referent begnügte sich nicht mit der chronologischen Aufreihung von Ereignissen, die in der Gemeinde an der Vicht von Bedeutung waren. Meißner sucht stets den übergeordneten Blick und sieht als Profi die Geschichte nicht allein in der lokalen Perspektive.

Verwaltungsgeschichtlich war der Konflikt um die Stellung von Land- und Stadtgemeinden Thema wie auch die Bürokratie an sich. Preußens Verwaltungsapparat und Rechtssystem wurde im Rheinland als rückständig empfunden, da das geltende französische Recht moderner war. Und die Unternehmer beklagten sich über die Bürokratie der Verwaltung, wo Meißner einen kritischen, wissenschaftlichen Blick anmahnte: „Man muss das mal erforschen, nicht immer nur abschreiben, wie die Unternehmer am Jammern sind.“

Schließlich war im Frühkapitalismus eine Mentalität verbreitet, die jegliche Freiheit für den Markt forderte, während soziale Standards, Arbeitsschutz, Umweltschutz und andere regulierende Maßnahmen im Gemeininteresse unterlaufen werden sollten.

Das Wie und das Warum

Weniger das „Wann?“, sondern mehr das „Wie?“ und „Warum?“ beschäftigte also den Eschweiler Historiker in seinem spannenden Vortrag, der das Verstehen des Beginns der Neuzeit in unserer Region durch Analyse der Phänomene und Hintergründe möglich machte.

Da spielt die Stellung Preußens zur ungeliebten Rheinprovinz eine Rolle. Diese war rechtlich liberal, industrialisiert und katholisch. In drei wesentlichen Punkten unterschiedlich zum Kernland. Eindrucksvoll stellte Meißner allgemeine Phänomene in den stadthistorischen Kontext. „Acht bis zehn Leute lebten in Dreck und Elend in den Häusern der Altstadt hier unter uns“, erklärte Meißner, da die Industrialisierung auch Verelendung und Massenarbeitslosigkeit bedeutete.

Gewinner waren Investoren und Spekulanten, wie der fragwürdige Marquis des Sassenay, der in Stolberg scheiterte und so schnell verschwand, wie er gekommen war. Weiter beschäftigten den Referenten die Stadtwerdung 1856, wenige Wochen nach Inkrafttreten der neuen Städteordnung und die Krisenjahre rund um die Revolution von 1848.

Viele Fragen halten diese Vorgänge für Stolberg bereit und viel Forschungsbedarf für neugierige Historiker. Historiker Meißner stellte eine Fülle von Themen und Fragestellungen vor und bot einen interessanten Einblick in die Lebenswelt der Menschen des 19. Jahrhunderts.

Anspruchsvoller Beitrag

Das Publikum war fasziniert von der inhaltlichen Breite und Helmut Schreiber als Vorsitzender wie der gesamte Stolberger Heimat- und Geschichtsverein haben mit dem dritten und letzten Vortrag des Referenten Armin Meißner aus der Indestadt zum Kupferstädter Stadtjubiläum einen anspruchsvollen Beitrag zur Aufarbeitung der Stadtgeschichte geboten.

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