Stolberg: Der Euregio Railport nimmt Fahrt auf

Stolberg: Der Euregio Railport nimmt Fahrt auf

Bevor zum Ende diesen Jahres die Machbarkeitsstudie zum Industriedrehkreuz Weisweiler und dem Euregio Railport Stolberg auf den Tisch kommen soll, ist die Kupferstadt mit ihren Bemühungen um ein Hinterland-Terminal für Nordseehäfen bereits deutlich vorangekommen.

„Es gibt einen möglichen Betreiber aus dem Rotterdamer Hafen“, bestätigt Bürgermeister Tim Grüttemeier. Bei einer gemeinsamen Informationsveranstaltung mit der Industrie- und Handelskammer wurde jetzt das Projekt Unternehmen aus der Region vorgestellt. „Es gibt offensichtlich einen großen Bedarf“, fasst der Bürgermeister die Resonanz der Firmen zusammen.

Großes Interesse an Transporten mit der Bahn ab dem Stolberger Hauptbahnhof: Rolf Eigelshoven. aus Euchen. Foto: Jürgen Lange

Ein gutes Beispiel dafür ist am Donnerstag und zukünftig wohl auch im Wochenrhythmus im Stolberger Hauptbahnhof zu erleben. Ein Ganzzug mit Holz aus Bayern wird für das Sägewerk Eigelshoven in Euchen entladen. Auf 20 Waggons mit einer Ladelänge von jeweils 22 Meter sind gut 1200 Festmeter Rundholz eingetroffen.

Das entspricht einem Gewicht von 1000 Tonnen oder 40 Lkw-Ladungen und einer Tagesproduktion des Sägewerkes in dem Würselener Stadtteil. Über 100.000 Festmeter hat Rolf Eigelshoven nach einem lokalen Sturm im Landkreis Freyung-Grafenau aufgekauft. Als Lösung der Transportfrage kristallisiert sich schnell die Schiene heraus: zu viel und zu weit für Lastwagen, zu teuer und zu unflexibel der Wasserweg. Doch mit der Deutschen Bahn war kein Übereinkommen zu erzielen.

Direkter Weg nach Euchen

Thomas Fürpeil vermittelte den Kontakt zur Salzburger Eisenbahn- und Transportlogistik GmbH (SETG). Schon vor vier Jahren organisierte sie den Transport von Holz aus Eifel und Ardennen via Stolberg nach Sachsen-Anhalt, erklärt der Geschäftsführer der Euregio Verkehrsschienennetz GmbH (EVS), die die Infrastruktur im weiträumigen Hauptbahnhof betreibt.

Allein im Bezirk 5, wo der auf zwei Gleisen abgestellte Transport aus Bayern umgeladen wird, werden zwölf jeweils 500 Meter lange Stränge vorgehalten; weitere 27 Gleisstränge liegen in zwei weiteren Bahnhofsbezirken. Darunter auch ausgedehntere Schienenabschnitte für längere Ganzzüge. Aber diese Bezirke sind an diesem Tag nahezu ausgelastet. Zudem bietet der Güterbahnhof an der Haldenrandstraße den Vorteil, dass angesichts der Baustelle in der Rhenaniastraße die Holztransporte über die Steinbachstraße und Würselener Straße auf direktem Wege nach Euchen rollen können.

Aber auch Bezirk 5 erfreut sich wachsender Nachfrage. Der Holzzug teilt sich den Gleisfächer mit Schottertransporten. Für den Rückbau von Eisenbahninfrastruktur im belgischen Montzen wird in Stolberg das Material konfektioniert und zur Wiederverwertung weiter transportiert. Kali-Lieferungen für landwirtschaftliche Genossenschaften, Kupfer, Erze, Stahl: Weit über 1,5 Millionen Tonnen Güter werden bereits heute auf den Anlagen der EVS umgeschlagen — mit steigender Tendenz und mit wachsendem Interesse auf Seiten der regionalen Unternehmen.

So wie bei Rolf Eigelshoven. Mit einem ersten Ganzzug voller Holz aus den Niederlanden hatte er im April die Funktionalität der Stolberger Logistik getestet. Es folgen 40 bis 50 weitere Ganzzüge. Und Eigelshoven möchte in Zukunft noch mehr auf den sich entwickelnden Euregio Railport setzen. „Ideal wäre auch ein Versand unserer Produkte per Bahn“, sagt der weltweit exportierende Unternehmer.

Waren es noch zu Zeiten des irischen Wirtschaftsbooms 1000 Container pro Woche, so gehen derzeit immer noch täglich zwei bis drei Flat Racks (Container mit Stirn-, aber ohne Seitenwände und Dach) via Rotterdam oder Zeebrügge nach Irland. „Korea, Philippinen, überhaupt Asien ist ein wachsender Markt“, sagt Tochter Carolin Eigelshoven, die im vergangenen Jahr ins Familienunternehmen eingetreten ist: „Dieser Zug ist nur eine Tagesproduktion“. Jährlich werden mehr als 200.000 Festmeter Nadelholz eingeschnitten und mehr als 60.000 Kubikmeter getrocknetes Schnittholz an Kunden geliefert.

Groß ist bei Eigelshoven das Interesse, den Stolberger Hauptbahnhof als Logistik-Terminal zu nutzen. Hoch sei auch die Nachfrage bei den weiteren Unternehmen gewesen, die an der Informationsveranstaltung teilgenommen haben, betont Tim Grüttemeier. Bereits seit Monaten arbeite man intensiv an einer Realisierung des Euregio Railports.

Alle Rückmeldungen sehen danach aus, dass die Mindestmenge an pro Woche anfallenden Warenmengen allein schon mit Unternehmen aus Stolberg und seinem direkten Umfeld kontinuierlich aufgebracht werden kann. Dann könnten drei Züge pro Woche auf die Schiene gesetzt werden.

Bei einem derartigen Transportaufkommen würde das bestehende Straßennetz noch ausreichen. Bei einer weiteren Steigerung sei eine Ertüchtigung der Verkehrsanbindungen unerlässlich. Explizit nennt der Bürgermeister den Stolberger Autobahnanschluss bei Eilendorf und den dritten Bauabschnitt der L238 zwischen Pumpe und der Steinfurt.

Letztlich bleibe aber für einen Erfolg des Projekts die Frage der Wirtschaftlichkeit des Bahntransportes für die Unternehmen zu klären. Umgesetzt werden kann der Euregio Railport quasi von heute auf morgen, wie Thomas Fürpeil betont: „Wir sind startbereit“. Einige überschaubare Investitionen müssten sinnvollerweise zwar für den Umschlag von Containern erfolgen, aber im Grunde genommen steht die Infrastruktur: „Wir sind, wie man heute sieht, bereit, den Startschuss für den Euregio Railport zu geben“, so der EVS-Geschäftsführer.

Dem stimmt Adi Schmitz zu, der bei Eigelshoven die logistische Operation im Hauptbahnhof koordiniert. „Alles läuft wie am Schnürchen“, sagt Schmitz. Um 6 Uhr wird mit dem Entladen begonnen, gegen 12 Uhr sind die letzten Rundhölzer per Lastwagen abtransportiert. Die Waggons werden gesäubert und überprüft, ein Bremsentest durchgeführt; und um 13 Uhr tritt der 460 Meter lange Transport die Rückreise nach Bayern an. „Leider leer“, sagt Rolf Eigelshoven. „Schöner wäre es, wenn der Zug Produkte von uns mitnehmen könnte.“ Aber das kann ja noch werden.

Täglich 1000 Kubikmeter Späne

Beispielsweise mit Sägespänen. „Bei uns fallen jeden Tag rund 1000 Kubikmeter Späne an“, sagt Eigelshoven. Die wandern in die Zellstoff- und Pelletsproduktion: „in Ostdeutschland, in Belgien, überall“. Auf alle Fälle bietet der Stolberger Hauptbahnhof wesentlich günstigere Bedingungen für die Logistik als das Pendant im bayrischen Waldkirchen.

Aufgrund von Steigungen und wegen des Gewichts können bei der dortigen Ilztalbahn maximal zehn Waggons beladen werden, um den Transport zusammenzustellen, der dann über Passau die Kupferstadt ansteuert. Für die Ilztalbahn ist der Auftrag auch eine neue Herausforderung. Auf ihrer Strecke fand in den vergangenen Jahren nur noch touristischer Ausflugsverkehr statt. Fast so wie einst in Stolberg.

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