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Stolberg: Der Adler erinnert noch an die frühere Pracht der Fassade

Stolberg : Der Adler erinnert noch an die frühere Pracht der Fassade

Komfort hatte Winand Dzikowski nicht anzubieten, als er 1925 beschloss, in seinem Haus Salmstraße 7 fünf Fremdenzimmer einzurichten. Die Zimmer lagen schwer erreichbar im Dachgeschoss des dreistöckigen Wirtshauses und besaßen keinerlei sanitäre Einrichtungen. Nur die Beleuchtung wurde elektrisch betrieben.

Als 1955 Josef Crützen das traditionsreiche Gaststättengebäude übernahm, gehörten die Fremdenzimmer längst der Vergangenheit an. Sie wurden inzwischen für den Eigenbedarf der Inhaberfamilie genutzt oder waren an Kriegsflüchtlinge vermietet worden, die im Stolberg der 1950er Jahre nur schwer eine eigene Wohnung fanden.

Doch Crützen hatte eine andere Attraktion anzubieten. In seiner Gaststätte wurden Getränke besonders günstig verkauft. So kostete Mitte der 1970er Jahre ein bei Crützen bestelltes Köppelchen nur rund eine Mark. Als Köppelchen wurde ein Gedeck bezeichnet, das aus einem Glas Bier und einem Gläschen Schnaps bestand.

Das Gebäude Salmstraße 7 besitzt eine spannende Geschichte. Sie erhält Kontur, wenn man in den alten Akten des Stadtarchivs blättert oder vom Kaplan-Dunkel-Platz aus die Rückfront des historischen Hauses betrachtet.

Das alte Gaststättenhaus besteht eigentlich aus zwei Gebäuden: einem Bruchstein- und einem Ziegelsteinbau. Der Ziegelsteinbau wurde 1912 errichtet. Er vergrößerte den bis zum Vichtbach reichenden zweistöckigen Ursprungsbau aus Bruchstein, der schon Mitte des 19. Jahrhunderts eine von den Arbeitern der benachbarten Jordanshütte gern besuchte Gaststätte enthielt.

Anders als bei der Einrichtung der Fremdenzimmer hatte Dzikowski bei der Fassadengestaltung ganz andere Maßstäbe gelten lassen. Prachtvoller Historismus prägte nämlich den Anfang des 20. Jahrhunderts errichteten Bau. Ein Blickfang war der Mittelerker, der von einer Turmhaube gekrönt wurde. Als Abschluß des Erkers wählte Dzikowski einen Adler, der auf seiner Brust ein Wappenschild trägt.

Auch wenn inzwischen die Turmhaube verschwunden ist - sie fiel den Kriegeszerstörungen zum Opfer - haben die Besitzer des alten Hauses viele Elemente aus der Vergangenheit bewahrt. Denn Adler und Erker sind nach wie vor zu sehen.

Grundlegende Veränderungen brachten die 80er Jahre. Josef Crützen stellte 1981 den Gaststättenbetrieb ein. Nun wurde der stillgelegte Gastronomiebetrieb umgebaut.

Die Inhaber des Modengeschäftes Schümmer brauchten Platz für das im Haus Salmstraße 5 liegende Konfektionsgeschäft, dessen Sortiment erweitert werden sollte. Beide Häuser wurden miteinander verbunden und durch eine durchgehende Schaufensterfront optisch aufgewertet.

Mehr als 130 Jahre Gaststättenbetrieb gehörten somit endgültig der Vergangenheit an. Inzwischen hat sich in den Gebäuden Salmstraße 5 - 7 wieder etwas verändert.

Das Modengeschäft hat seinen Betrieb eingestellt. Seit September 2007 beherbergen die Häuser an der Salmstraße ein von einem türkischen Inhaber geleitetes Geschäft, das neben Brautmoden auch Kommunion- und Schützenkleider anbietet.