Stolberg: Dem Leben in der Vicht auf der Spur

Stolberg: Dem Leben in der Vicht auf der Spur

Glucksend plätschert die Vicht durch den sonnenbeschienenen Stolberger Wald. In der wildromantischen Idylle steht Heidi Selheim mit Gummistiefeln an den Füßen und Sieb in der Hand im Wasser und dreht vorsichtig jeden Stein um. Sie schaut, was darauf und darunter lebt, um darüber auf die Wasserqualität zu schließen.

Plötzlich hüpft eine Groppe unter einem Stein hervor. Selheim zückt das Sieb. Doch: „Oh nein, sie ist mir entwischt“, sagt die Biologin enttäuscht.

Groppen sind kleine, eigentlich nachtaktive Süßwasserfische. Die Fischart stellt hohe Ansprüche an ihren Lebensraum: Sie benötigt eine hohe Sauerstoffkonzentration, niedrige Wassertemperaturen und findet sich vorwiegend auf steinigem Grund. Deshalb ist sie ein guter Indikator dafür, wie sauber und lebensfreundlich das Wasser eines Flusses ist. Und genau dafür ist die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Biologischen Station der Städteregion hier; um sich anzuschauen, welche Lebewesen die Vicht ihr Zuhause nennen und was das für das Biotop bedeutet.

„Typischerweise wird aber nicht nur nach Fischen geschaut, sondern nach dem sogenannten Makrozoobenthos, also nach den mit bloßem Auge noch erkennbaren, wirbellosen Kleinlebewesen“, erklärt Selheim. Dazu gehören Eintagsfliegenlarven, Köcherfliegenlarven und zum Beispiel die Flussnapfschnecke. Diese Tiere reagieren sehr sensibel auf Gewässerbelastungen und haben ebenso wie die Groppe hohe Ansprüche an ihre Umgebung. „Wenn man sie in ausreichender Zahl im Wasser findet, ist das ein sehr gutes Zeichen“, sagt sie.

In der Ferne schwirrt eine im Sonnenlicht schillernde Libelle über die Wasseroberfläche. Auch ihre Larven seien auf sauerstoffreiches Wasser angewiesen, sagt Selheim, und zeigten daher, dass der ökologische Zustand der Vicht an dieser Stelle tatsächlich gut ist. Aus Sicht der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie erhält das Gewässer insgesamt jedoch nur eine mäßige Bewertung. Woran liegt das?

„Die schlechte Bewertung liegt vor allem an der hohen Schwermetallbelastung“, erklärt Jochen Lacombe vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv). Er ist dort zuständig für die Ökologie der Oberflächengewässer im Bereich Eifel-Rur. Die gefundenen Metalle Kupfer, Zink, Arsen, Blei und Cadmium kommen zwar natürlich im Boden vor, haben sich aber aufgrund des Abbaus großräumig angereichert und werden daher in die Vicht ausgespült.

Das habe vor allem Auswirkungen auf die Population der Bachflohkrebse, von denen sich in der Wasserprobe von Heidi Selheim auch tatsächlich keine finden lassen. „Das Fehlen einer bestimmten Art deutet oft solche Belastungen hin“, sagt Lacombe. „Denn während die Schwermetalle den Eintagsfliegenlarven und Fischen nichts ausmachen, reagieren die Bachflohkrebse höchst sensibel darauf.“

Alle drei Jahre werden sämtliche Gewässer in Nordrhein-Westfalen vom Lanuv untersucht und auch chemisch-physikalische Parameter wie der pH-Wert, der Mineraliengehalt und die Stickstoffbelastung bestimmt. Hier schneidet zumindest der Oberlauf der Vicht sehr gut ab.

Doch während der Fluss im Oberlauf relativ naturnah durch den Wald mäandert, wird er auf seinen letzten rund dreieinhalb Kilometern durch die städtische Bebauung rechts und links zwischen Mauern eingezwängt. Die europäische Zielvorgabe eines „guten ökologischen Zustands“ könne hier nicht erreicht werden, sagt Thalia Grunau vom Wasserverband Eifel-Rur. Sie ist als Fließgewässerbiologin für die regelmäßige Untersuchung und Aufrechterhaltung der Gewässergüte zuständig.

„Das teilweise zubetonierte Flussbett ist kein attraktiver Lebensraum und aus Hochwasserschutzgründen muss das Flussbett von Mitarbeitern immer wieder von natürlichen Kiesanhäufungen befreit werden“, erklärt sie. Daher sei in solchen Fällen, in denen sich die Flussläufe erheblich verändert präsentieren, das abgespeckte Ziel, ein „gutes ökologisches Potential“ zu erreichen.

Das Land Nordrhein-Westfalen habe zur Erreichung der Entwicklungsziele nach der EG-Wasserrahmenrichtlinie das sogenannte Strahlursprungs- und Trittsteinekonzept vorgegeben, sagt Grunau. Vor allem in städtischen Gebieten könnten Gewässer schließlich nicht durchgängig renaturiert werden. Naturnahe Gewässerabschnitte sollen jedoch eine bestimmte Strecke flußab- und aufwärts bezüglich der Gewässerflora und -fauna positiv „ausstrahlen“.

Seit einiger Zeit versuche man, wo möglich, diesen naturnahen Zustand herzustellen und überflutbare Auenbereiche für einen natürlichen Hochwasserschutz wieder zu aktivieren. In der Stolberger Altstadt ist das jedoch nicht durchführbar. Deshalb hat der Wasserverband an zwei Stellen des Oberlaufs Regenrückhaltebecken geplant, in denen das Wasser bei Bedarf bereits vor der Stadt festgehalten wird.

Selheim muss die Groppe wohl aus der Tagruhe hochgeschreckt haben, so schnell ist sie hochgesprungen. Das Lustige daran: Groppen hüpfen wirklich. „Ihre Schwimmblase ist zurückgebildet. Wenn sie sich dann mit ihren Brustflossen ruckartig fortbewegen, sieht es so aus, als würden sie durchs Wasser hüpfen“, sagt Selheim, „aber lassen wir sie in Ruhe.“

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