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Kaltluftgutachten: „Das Stolberger Stadtklima funktioniert wunderbar“

Kaltluftgutachten : „Das Stolberger Stadtklima funktioniert wunderbar“

In Stolberg funktionieren die Kaltluftschneisen immer noch gut, wie mithilfe eines Gutachtens festgestellt worden ist. Damit das auch so bleibt, gibt es aber auch einige Empfehlungen – zum Beispiel für den Neubau des Rathauses.

„Das Gutachten kommt zu dem Schluss, dass Stolberg klimatisch wirklich gut aufgestellt ist.“ Das sagt Dirk Dütemeyer zu Beginn seines Vortrags und nimmt damit schon mal das Resultat seiner Studie vorweg. Der Diplom-Geograph hat sich für die Stadt mit der Entstehung und Verteilung von Kaltluft beschäftigt und seine Ergebnisse jetzt im Ausschuss für Klimaschutz, Mobilität und Energie vorgestellt.

Unversiegelte Freilandflächen sind laut Dütemeyer besonders wichtige Kaltlufteinzugsgebiete, da sich die Luft nach warmen Tagen dort am besten und schnellsten abkühlt. Auffällig große solcher Gebiete hat er im Süden Stolbergs ausgemacht: zwischen Donnerberg und Mausbach, zwischen Breinig, Büsbach, Vicht und Venwegen sowie östlich von Vicht und Zweifall. Die Innenstadt als „Siedlungskörper“ hingegen bringe den Nachteil der Überhitzung mit sich. „Deshalb muss die Luft aus dem südlichen Bereich mit seinen Seitentälern in den dichter bebauten Norden gelangen.“

Diese Bewegung beeinflusst maßgeblich der Vichtbach, wie der Diplom-Geograph in seinen Ausführungen darstellt. „Wenn es ein Gefälle gibt, fließt Kaltluft ab. Insofern sammelt sie sich in der Talsohle des Flusses, der sie wiederum in Fließrichtung weiterträgt.“ Je weniger Hindernisse den Weg versperrten, desto schneller könne sich die Luft verteilen und das Stadtgebiet abkühlen. „Der nördliche Talausgang ist allerdings so dicht bebaut, dass die Kaltluftflüsse dort reduziert sind“, gibt Dütemeyer zu bedenken. Entsprechend wichtig sei es, die Einzugsgebiete im Süden sowie in unmittelbarer Umgebung zu erhalten.

 Das Stolberger Rathaus blockiert in den Augen des Klimatologen Dirk Dütemeyer die Kaltluftschneise.
Das Stolberger Rathaus blockiert in den Augen des Klimatologen Dirk Dütemeyer die Kaltluftschneise. Foto: MHA/Michael Grobusch

Im Innenstadtbereich zählen zu diesen besonders relevanten Flächen unter anderem der Fettberg auf westlicher Seite der Talachse sowie der Friedhof Donnerberg und der Bereich Gehlens Kull auf östlicher Seite. Auch das Areal der Stadtrandsiedlung gehört dazu. Dort entsteht aktuell ein großes Baugebiet – der erste Bauabschnitt ist nahezu fertiggestellt, der zweite geht bald in die Vermarktung. „Die Flächen in unmittelbarer Nähe zur Kernstadt sind besonders empfindlich. Jede weitere Bebauung könnte ihre Funktion zunichte machen“, lautet die Einschätzung von Dirk Dütemeyer.

Deshalb plädiert er dafür, die Kaltlufteinzugsgebiete so gut es geht zu schützen und zu erhalten. Bei den aktuell geplanten Bau- und Industriegebieten der Stadt Stolberg sieht er keine erheblichen Probleme, da sie größtenteils außerhalb der sensiblen Flächen liegen würden. „Wenn weiteres Bauland ausgewiesen werden soll, dann ist das am besten in Baulücken und am Rand der bestehenden Bebauung möglich“, sagt der Geograph.

Rathaus um 90 Grad drehen

Eine Empfehlung hat er darüber hinaus für ein konkretes Projekt: den Neubau des von der Flut im Juli 2021 stark beschädigten Stolberger Rathauses. „Das heutige Rathaus steht eigentlich quer zum Luftstrom und blockiert diesen. Deshalb sollte es in Zukunft entlang der Talachse ausgerichtet werden“, rät Dütemeyer. Dass der heutige Bau in den 1970er Jahren überhaupt so realisiert wurde, erklärt er mit den damals gültigen Erkenntnissen: „Die klimatischen Prozesse haben sich nicht geändert, aber das Verständnis von Kaltluftbildung und den anschließenden Transportprozessen hat sich weiterentwickelt.“

Zur damaligen Zeit sei man von Kaltluftschneisen quer zum Tal ausgegangen, deshalb sei das Rathaus in diesem Sinne durchaus korrekt gebaut worden. „Was man damals aber noch nicht wusste: Die Kaltluft, die von den Hängen ins Tal abfließt, wird vom viel größeren Luftstrom entlang des Vichtbachs in nordwestliche Richtung mitgenommen.“ Deshalb solle auch das neue Rathaus entsprechend ausgerichtet werden.

Ausrichtung und Höhe der Gebäude sind in den Augen von Dirk Dütemeyer auch von zentraler Bedeutung, wenn es um die Entwicklung des Euregio Railports mit dem „Logistic Mobility Campus Stolberg“ (LMCS) am Stolberger Hauptbahnhof geht. „Auf dieser Fläche ist die Strömungsgeschwindigkeit der Luft besonders hoch, deshalb hat sie nicht nur für Stolberg, sondern auch für die Nachbarstadt Eschweiler eine Bedeutung“, betont Dütemeyer. Eine gesonderte Prüfung inklusive Empfehlung zur Bauweise solle deshalb dazu beitragen, die klimatologische Relevanz der Fläche im weiteren Planungsverlauf bestmöglich zu erhalten.

Kaum Verschlechterung in den vergangenen 30 Jahren

Die letzte Studie zum Stolberger Stadtklima stammt übrigens aus dem Jahr 1992. Damals wie heute könne man attestieren: „Das Stolberger Klima funktioniert wunderbar.“ Dirk Dütemeyer hat beim Vergleich der beiden Gutachten kaum eine Verschlechterung ausmachen können. Das liege auch daran, dass der bauliche Zuwachs auf Kaltluftproduktionsflächen seitdem „relativ moderat“ gewesen sei. Schon damals habe man diese Gebiete als schutzwürdig angesehen und deshalb so gut es ging erhalten. „Die Kaltluftprozesse, die vor 30 Jahren beobachtet wurden, finden auch heute noch statt“, stellt er zufrieden fest.

Damit das Stadtklima auch weiterhin so gut bleibt, sollen die Ergebnisse des Klimagutachtens bei zukünftigen Planungen berücksichtigt werden. Das hat der Ausschuss nach der Präsentation einstimmig beschlossen.