Stolberg: Das Desaster am Fuße der Kali-Halde

Stolberg: Das Desaster am Fuße der Kali-Halde

Wenn erst einmal der Wurm drin ist, dann stinkt es in Eschweiler einfach weiter. Denn es hakt gewaltig bei der Sanierung der letzten großen Altlast im Gebiet der Städteregion. Dabei wähnten sich die Vertreter von Behörden, Verbänden und Industrie vor einem halben Dutzend Jahren schon fast am Ziel ihrer Träume.

Zu diesem Zeitpunkt waren sie schon jahrzehntelang von den Alpträumen verfolgt, wie die Sanierung der Kali-Halde und der Vegla-Polder in Atsch zu bewerkstelligen und vor allem zu finanzieren ist.

haldengraben alt

Vor dem kleineren Problem stehen Kupferstadt, Städteregion und Saint-Gobian im Falle der Vegla-Polder. Seit acht Jahren werden die Sickerwässer am Fuße der einst mit Schleifsand aus der Glasproduktion verfüllten Polder aufgefangen und mit einer Druckleitung zum Werksgelände von Saint-Gobain Glass an der Münsterbachstraße befördert. Dort ist eine eigens für dieses Projekt entwickelte Aufbereitungsanlage installiert.

Verschollen auf 1,5 Kilometern

Die Technik ist kompliziert, das Prinzip einfach: Die Sickerwässer bestehen im Wesentlichen aus ausgewaschenen Huminsäuren, die das Wasser des Saubachs und in dessen Folge das der Inde schwarz einfärben. In der neu konzipierten Aufbereitungsanlage werden mittels Filtern, Osmose und Erhitzung die Braunkohlebestandteile herausgelöst. Zurück bleiben klares Wasser, das Saint-Gobain zur Spiegelglasreinigung verwendet, sowie eine Braunkohlepaste, die granuliert wird und als Brennstoff dienen kann — rund 300 Tonnen im Jahr. Gut 500.000 Euro investierte Saint-Gobain in die Anlage; das Land unterstützte den Bau von Drainage und Druckwasserleitung mit 328.000 Euro.

Doch ausgerechnet diese nur 63 Millimeter starke Leitung ist verstopft. Ein „Molch“ steckt fest. Wo genau dieses Reinigungs- und Inspektionsgerät aber festhängt, ist unbekannt. Die 1,5 Kilometer lange Druckwasserleitung führt teilweise durch die städtische Kanalisation, teilweise durch Gehwege und freie Flächen, und sie unterquert den Münsterbach zum Werksgelände — außerdem verfügt die sicherheitshalber über eine Zuleitung zur Kläranlage. Bei der jüngsten turnusmäßigen Reinigung der Leitung durch die Stadt hat der „Molch“ in der Leitung seinen Gehorsam verweigert.

„Ein unabhängiges Gutachterbüro ist eingeschaltet, um das Problem zu beheben“, erklärte Amtsleiter Bernd Kistermann auf Anfrage. Das soll schnell geschehen, denn was derweil mit den Sickerwässern im Detail passiert, ist auch nicht gewiss. Bei der Wasserbehörde besteht die Befürchtung, dass sie sich in kleinen Mengen ihren alten Weg zurück in den Saubach suchen. Über welche Mengen geredet wird, ist nicht definitiv. Bei der Einweihung im März 2007 verzeichnete Saint-Gobain bei regnerischem Wetter einen Zulauf von 0,7 Liter pro Sekunde; ausgelegt ist die Leitung auf 2,0 Liter pro Sekunde...

Doch dies ist nur das kleinere Problem. Wesentlich größere Sorgen macht sich die als Aufsichtsbehörde zuständige Städteregion über die Sickerwässer aus der Kali-Halde. Hatte Umweltdezernent Uwe Zink im April 2013 den Bau einer Aufbereitungsanlage für das Folgejahr angekündigt, so steht längst fest, dass diese Anlage gar nicht gebaut wird. „Sie wäre nicht annährend wirtschaftlich zu betreiben“, erklärt Detlef Funken.

Modellprojekt gescheitert

Die Zugabe erforderlicher Katalysatoren, um die Schadstoffe ausflocken zu können, würde den Kostenrahmen mehr als sprengen, so der Pressesprecher der Städteregion. Angelehnt an eine Methode aus der Erdölindustrie sollte das niederländische Unternehmen Paques in Zusammenarbeit mit dem Bayer-Konzern und in Partnerschaft mit einem Aachener Ingenieurbüro sowie der RWTH eine Pilotanlage entwickeln. Aber bereits die technisch Erfolg versprechenden Versuche im Laborstadium ergaben letztlich, dass bei einer Anlage in der Praxis die Betriebskosten explodieren würden.

Explosiv kann auch der Inhalt der Kali-Halde sein. In dem 2,5 Millionen Kubikmeter umfassenden Haldenkörper lagern vor allem die Rückstände aus der Produktion von Soda, Salzsäure, Chlorkalk, Natronlauge und Ätznatron, die bis zur Zerstörung des Werkes der Kali Chemie AG 1944 nahe dem Hauptbahnhof hergestellt wurden. Was in welchen Mengen wo genau gelagert wird, ist ungewiss geblieben. Gesichert ist allerdings, dass die stark schwefelhaltigen Auswaschungen aus der Halde Boden, Grundwasser und mit dem Saubach die Inde belasten.

Nach jahrzehntelangem Tauziehen unterzeichneten am 27. Oktober 2006 der damalige Landrat Carl Meulenbergh, Umweltdezernent Uwe Zink, Rudolf Wedekind als Vertreter der Solvay Deutschland GmbH als Rechtsnachfolgerin der Kali Chemie, sowie Gerd Kmoch als Geschäftsführer des Altlastensanierungs- und -aufbereitungsverband des Landes (AAV) eine Vereinbarung über eine Sanierung der Altlast. Mit zehn Millionen Euro wird der Aufwand der Sanierung inklusive Folgekosten kalkuliert, die Laufzeit wird mit mindestens 30 Jahre angegeben. Die Hälfte der Kosten steuerte die Solvay bei, eine Million Euro trugen der damalige Kreis, 1,7 Millionen Euro das Land sowie 2,3 Millionen der AAV. Die Sanierung sollte in mehreren Stufen erfolgen. Zwei Schritte sind geschafft.

Regen schwemmt die wasserlöslichen und teilweise schwefelhaltigen Salze aus, die das Grundwasser und den Saubach belasten. In einem ersten Schritt wurden im Sommer 2009 Böschungen begradigt und am Haldenfuß entstand ein tiefer und mit Kies gefüllter Graben, der die austretenden Sickerwässer auffangen soll. Aus seinem Reservoir sollte die später erhoffte und mit 1,5 Millionen Euro kalkulierte Aufbereitungsanlage gespeist werden. Sie sollte darauf ausgerichtet sein, immerhin 10.000 Kubikmeter Sickerwasser pro Jahr verarbeiten zu können...

Im Frühjahr 2011 folgte deshalb die Bepflanzung des Haldenkörpers mit über 30.000 wasserdurstigen Douglasien, die den Eintrag von Niederschlägen so deutlich minimieren sollen, dass sich die anfallende Sickerwassermenge deutlich reduzieren sollte.

Lösungen händeringend gesucht

Doch mangels Abnehmer versickert das aufgefangene Sickerwasser weiter in Richtung Grundwasser, Saubau und Inde. „In welchem Umfang wissen wir nicht genau“, musste Funken eingestehen. Eingeschaltet worden sei aber ein Ingenieurbüro, um eine nachhaltige Lösung zu erarbeiten.

Einen eigenen Gutachter bemüht hat inzwischen auch der Wasserverband Eifel-Rur, der sich gegen eine Einleitung der Sickerwässer in die Kläranlage Steinfurt wehrt. Das war Jahre zuvor bereits einmal probehalber getestet worden. Nur mit Not konnte der WVER damals ein Umkippen der Aufbereitung verhindern.

Immerhin soll noch in diesem Jahr eine Lösung des Problems präsentiert werden können. Mindestens bis dahin wird auch die Inde weiter stinken...

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