Christina Kampmann mit Digitalisierungstour bei Leoni Kerpen

Kabelnetze werden intelligent : Mehrwert für Kunden und die eigene Produktion

Zünftig, wie es dieses Thema wohl verlangt, geht es per Videokonferenz in medias res. Aus der Konzernzentrale in Nürnberg schaltet sich Torsten Schierholz zu. Er ist bei der Leoni AG der CSO: Der „Chief Security Officer“ ist auch für die Sicherheit, vor allem aber für die Informationstechnologie und die Digitalisierung zuständig.

Und genau deshalb ist Christina Kampmann aus Ostwestfalen-Lippe nach Stolberg gekommen. Die frühere Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes (2015 bis 2017) will sich im Rahmen der „Digitalisierungstour“ ihrer SPD-Landtagsfraktion einen Überblick eben über den Stand der Digitalisierung in Unternehmen, Berufen und Schulen verschaffen.

„Bei Leoni Kerpen in Stolberg wird Digitalisierung gelebt“, sagt Stefan Kämmerling. „Daten werden hier durch innovative Algorithmen und Data Analytics in neues Wissen verwandelt.“ Dieser Hinweis des hiesigen Landtagsabgeordneten zieht bei der Sprecherin für Digitalisierung der Landtagsfraktion. In ihrer Magisterarbeit hatte sich die 38-Jährige bereits im vergangenen Jahrzehnt mit der Vorratsspeicherung von Daten und die Erfolgsaussichten bei Klagen befasst. Nun ist es ihr Job, Grundlagen zu sammeln, um Entscheidungen ihrer Partei zur Digitalisierung vorzubereiten. „Was muss politisch getan werden, um Folgen etwa für Beschäftigte abzufedern oder Entwicklungen erfolgreich zu gestalten?“, fragt Kampermann.

Mit von der Partie sind der Stadtverbandsvorsitzende Patrick Haas und Martin Peters in seiner Funktion als Unterbezirksvorsitzender und 1. Bevollmächtigter der IG Metall an Seiten von Frank Prehler und Lothar Franz, die als Betriebsratsmitglieder bei der fortschreitenden hausinternen Digitalisierung immer mehr gefordert sind.

Bevor die Erkundungscrew der Sozialdemokratie in virtuelle Welten eintaucht, gegeben die Geschäftsführer Michael Keßler, David Schlenter und Dr. Alessandro Pagella sowie Werksleiter Prof. Dr. Wilhelm Reines einen kleinen Abriss über das Stolberger Unternehmen mit seinen aktuell 458 Mitarbeitern, der Einbindung in den MDax dotierten Konzern mit Sitz in Nürnberg und der Produkte – inklusive eines Rundgangs durch die Stolberger Fertigungshalle.

Spannende Video-Konferenz: Werksleiter Prof. Dr. Weilhelm Reiners und die Geschäftsführer Michael Keßler, David Schlenter und Dr. Alessandro Pagella mit Christina Kampmann. Foto: Jürgen Lange

Dann gewährt Torsten Schierholz einen kleinen Einblick in die digitale Entwicklung von Leoni, die er seit zwei Jahren verantwortet und nun so richtig ins Rollen kommt. Auf zwei Handlungsfelder: Unternehmensintern zur Optimierung der Fertigungsmethoden und Kommunikation sowie für die Kunden. „Wir greifen die Megatrends auf, um sie für unsere Kunden in Wert zu setzen“, sagt Schierholz. Will heißen: Immer intensiver entwickelt sich der Konzern von einem Kabelproduzenten hin zum Anbieter komplexer Lösungen. Das ist beispielsweise bei den Bordnetzsystemen für die Automobilbranche eine naheliegende Entwicklung. Bei Leoni gehen die Entwicklungen weiter hin zum Mitdenkenden Kabel, das beispielsweise einen Stromausfälle vermeiden kann, wie er etwa den Flughafen in Hamburg getroffen hat, oder ein Brandrisiko von Elektrofahrzeugen bei Ladevorgängen.

Unter dem Slogan LeoniQ wird eine intelligente Technologie weiter entwickelt, die in der Lage ist, verschiedene Parameter entlang eines beliebigen Kabelsystems zu erfassen und auszuwerten. Rückschlüsse auf den Zustand des Systems sowie dessen Steuerung werden ermöglicht. Es gibt sogar Empfehlungen für zukünftige Entwicklungszyklen, berichtet Schierholz. Nicht nur das Vernetzte werde intelligent, sondern auch die Vernetzung an sich. Mit intelligenten Produkten und Dienstleistungen will der Konzern zudem neue Geschäftsmodelle entwickeln.

Unternehmensintern zieht zunehmend eine vernetzte und automatisierte Fertigung in die Werkshallen ein. Industrie 4.0 ist das Stichwort. Augmented Reality, die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung, wird immer mehr Realität bei dem Kabelproduzenten. 3-D-Brillen helfen beispielsweise im Werk Roth bei der Beschickung von Extrudern zum Wickeln und Ummanteln von Kabeln. Die Digitalisierung unterstützt bei Werkzeugwechsel und Wartung.

Sie hat aber auch eine weitere Folge. „Die Anforderungen an die Qualifizierung der Mitarbeiter wird immer höher“, sagt Michael Keßler. „Maschinen an denen einst angelernte Arbeiter stehen konnten, erfordern jetzt Meister und Ingenieure“, so der Geschäftsführer. Für den Betriebsrat sind die Veränderungen eine große Herausforderung, unterstreichen Frank Prehler und Lothar Franz. Gesamtbetriebsrat und IT-Ausschuss befassen sich ständig mit der Einführung neuer Technik und versuchen darauf zu achten, dass das Arbeitsumfeld stimmt oder sie nicht zu einer unerwünschten Leistungs- und Verhaltenskontrolle führe.

Bei der Umsetzung baue Leoni auf eigene Erfahrungen auf, berichtet Schierholz, hole Expertenwissen ins Haus, arbeite mit Technologiepartnern zusammen und schule die Beschäftigten umfangreich.

Diese Grundzüge, Digitalisierung einerseits zur Wertsteigerung für Kunden, andererseits zur Optimierung der Produktion einzusetzen, kennt Christina Kampmann. Die meisten besuchten Unternehmen sind so unterwegs. Aber welche Erwartungen haben die Unternehmer von der Politik? Einen Digitalisierungsschub, wünschen sich die Manager. Eine verstärkte Förderung von Forschung und Entwicklung bis hin zur Marktimplementierung von Produkten.

„Deutschland ist eine Digitalisierungswüste“, beschreibt das Management seine Erfahrungen. Das fange bei unzureichenden Mobilfunknetzen an, höre bei Highspeed-Videokonferenzen längst nicht auf, sondern setze sich bis zur industriellen Produktion fort. Deutschland sei bei der digitalen Infrastruktur weit abgeschlagen, USA und China mit Abstand führend. Übrigens liefere das Reich der Mitte mit Dumpingpreisen das Breitband, das ein großes Telekommunikationsunternehmen in Deutschland verlege. Das ärgert Leoni Kerpen besonders, so mit eigenen Produkten im Heimatland nicht zum Zuge kommen zu können.

Und für Christina Kampmann wird es Zeit, zu ihrem Zug in Richtung Heimat aufzubrechen.