Region: Bunte Helden, bissige Fische: Stolberger Galerie zeigt Werke von Zander

Region : Bunte Helden, bissige Fische: Stolberger Galerie zeigt Werke von Zander

Frank Zander war gefühlt immer da, zumindest für jene, die nicht zu jung oder zu alt für die Verrücktheiten der 70er Jahre mit ihren Schlagern und Deutschpop-Musikern sind. Selbst heute stellt der inzwischen 76-Jährige die Songs noch bei Rückblicksendungen im Fernsehen launig vor — locker, amüsiert, alterslos.

Der Moderator mit der rauen Stimme, die legendäre „Plattenküche“ zum Kochen brachte und mit seiner Crew bei „Bananas“ oder „Vorsicht! Musik“ manchmal das gesamte Aufnahmestudio auf den Kopf stellte, hat seit vielen Jahren eine weitere Leidenschaft: Er malt — viel, bunt, gekonnt. Die Stolberger Galerie von Ludwig und Elisabeth Pitz zeigt ab 7. September eine Auswahl von Zanders Werken, die mit ihrer explosiven Farbigkeit, bissigem Witz und frecher Direktheit beweisen, dass er es wirklich kann.

Grafiker bleibt eben Grafiker. Das hat er gelernt. „Ich habe bei der Kunst eine Weile herumprobiert, und dann war mein Markenzeichen klar“, meint er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Zander! So bin ich zu den Fischen gekommen.“ Und die haben Biss. Denn was die Fische auf seinen Bildern treiben, schauen sie den Menschen scharfsinnig ab — Selfiesucht, Eitelkeit, Mobbing, kleine Boshaftigkeiten, große Wirkung. Und manche sind einfach nur lustig. Zander ist schließlich kein Moralprediger.

Die Farben bedeuten für den Künstler sprudelndes Leben. Nach einer überstandenen Krebserkrankung ist er glücklich, dass es ihm wieder gut geht und er durch seine Heimatstadt Berlin radeln darf. „Prostata-Vorsorge ist unglaublich wichtig, das predige ich jetzt allen, es sind so viele Männer betroffen“, sagt er ganz offen. „Ich bin ja auch nur hingegangen, weil meine Frau den Termin gemacht hat, Männer sind feige.“ Mit Evi feiert er in diesem Jahr Goldhochzeit, sie, Enkel Elias, Sohn Marcus und Schwiegertochter Elgin Angela von Lühmann, die sein Büro betreut, sind für ihn die wichtigsten Menschen.

Der einstige „Fred Sonnenschein“, der mit seinen Goldhamstern plauschte, Songs wie „Ja, wenn wir alle Englein wären“ oder „Hier kommt Kurt“ oder „Ich trink‘ auf dein Wohl, Marie“ liegen weit hinter ihm. Selbst das Chaos in den Studios. „Die Plattenfirma hat so ein Durcheinander bei einer anderen Sendung gesehen, die dann 20 Millionen Zuschauer anlockte“, lacht Zander. „Danach ging der Song in die Charts. Also haben wir das nachgemacht.“ Viele Titel hat Zander selbst komponiert oder witzig umgeschrieben.

Steht zu seinen Falten

Die aktuelle Musikszene beobachtet er mit Skepsis: „Der Kuchen wird in hunderttausend Stückchen geteilt, jeder will ein Fitzelchen. Das ist alles sehr mühsam.“ Zander denkt nach vorn, wie er betont, und steht zu seinen Falten. „Ich wollte tatsächlich mal sowas mit Botox an der Stirn machen lassen, da meinten alle: ,Du siehst so anders aus, was ist denn los?.‘ Da habe ich das schnell gelassen! Ich habe schließlich keinen Adonis-Komplex wie andere.“

Schwarzer Humor blitzt in seinen Bildern auf, und er gesteht: „Ab und zu muss ich den Dracula rauslassen!“ Deshalb schwimmt sogar ein Dracula-Fisch durch seine Kollektion. „Selbst ich hatte eine Grau-Schwarz-Phase, aber das war nichts für mich, viel zu traurig“, betont er. Früher trat er gern im wild gestreiften Jackett auf.

Wie kam er zur Malerei? Als er bei einer Tournee in Hamburg gastierte, sah er Bilder seines Künstlerkollegen Udo Lindenberg, der gleichfalls bei Ludwig Pitz ausgestellt hat. „Ich dachte damals, das kann ich genauso“, erinnerte er sich an seinen Traum aus Jugendzeiten. Und ging ans Werk. Zunächst kam ein nicht ganz moralisches „Kurtchen“, dann der Fisch in allen erdenklichen Variationen — und damit war das Leitmotiv gefunden.

Lyrisch-ironische Texte von Oliver Ohmann, einem Schulfreund seines Sohnes, begleiten die Monatsblätter seiner „Fischologie-Kalender“. Da ist zum Beispiel der Februar. „Mein Monat, in dem ich Geburtstag habe“, erzählt Zander. Für ihn hat Ohmann den „Backenzahnfisch“ (Wickel um die Kiemen) bedichtet, der „oft Rücken an den Flossen hat“, in alle Fettnäpfe eintaucht, aber tapferer ist, als man denkt, eben „der Indianer der Meere“. Aus den Kritzeleien am Heftrand ist offensichtlich mehr geworden. An seine Schulzeit denkt Zander dennoch nicht so gern. „Latein und Mathe waren nicht mein Ding, ich wollte Musik machen und malen“, erzählt er. „Meine Lehrerin war so ne doofe Schrippe, die hatte kein Verständnis dafür, wenn ich witzige Vögelchen malte und aus dem Fenster guckte“.

In Stolberg wird Zander nicht nur Fische zeigen, sondern zusätzlich seine „Heroes“, David Bowie, John Lennon, Price, Paul McCartney, Helden, denen er mit einer Mixed-Media Technik (gedruckt und bemalt) Denkmäler setzt, ernsthaft und ganz ohne Ironie. „Das liegt mir am Herzen, ein Stück von mir“, betont er, der oft still den Menschen zuschaut. Manchmal setzt er sich einfach in eine Kneipe und wartet, was passiert. „Meine Frau hat das nicht gern, aber ich sage immer, ich bin ein Straßenköter, ich brauche das manchmal“, meint er.

Soziales Engagement in Berlin

Zander fühlt sich mit dem Berliner Milieu-Maler Heinrich Zille, Freund des Urgroßvaters, verbunden. Nicht nur das. Regelmäßig zur Weihnachtszeit lädt er seit 1995 mehrere hundert obdachlose Menschen zum Gänsebraten-Essen ein. Da gibt es seit 23 Jahren eine Feier, viele Umarmungen, Tränen und Gespräche. Zander hat keine Berührungsängste.

Bei diesem Thema wird er ernst, und auf die Auszeichnungen für sein soziales Engagement in Berlin ist er stolz und sammelt systematisch Spenden für Bedürftige. „Zille hatte einen guten Blick für die Not, zeigte sie in seinen Bildern, vielleicht hat mich das geprägt, ich glaube, er würde das gut finden“, betont der Künstler. Was als Idee einer Plattenfirma begann, wurde ein zentrales Anliegen. „Zur Präsentation einer neuen Platte sollte ich arme Leute einladen, das hat auch Bruce Springsteen schon gemacht“, erinnert er sich.

Die Presse reagierte sauer, und Zander hatte dafür sehr viel Verständnis. Doch die Idee ließ ihn nicht ruhen und er beschloss: „Wir machen es trotzdem jedes Jahr. Ich möchte ein bisschen Vorbild für meine Familie sein“, gesteht er. Seinem Heimatverein Hertha BSC hält er die Treue, kann sich noch gut an das DFB-Pokal-Halbfinale gegen Chemnitz 1993 erinnern. „Zwei Songs sollte ich in der Halbzeit spielen. Als die Fans in der Ostkurve beim Refrain ,Nur nach Hause‘ ihre Schals nach oben streckten, war eine neue Hymne geboren, die bis heute gesungen wird.“

Mehr von Aachener Zeitung