Stolberg/Hamburg: „Botschafter der Kupferstadt“ zu Besuch an der Elbe

Stolberg/Hamburg: „Botschafter der Kupferstadt“ zu Besuch an der Elbe

Mit lauter Stimme ruft die junge Theken-Fee ins Café in Hamburg-Eppendorf: „Ein Grand Chai Soja Latte to go!?“ Eine feine ältere Dame neben mir, die ebenfalls darauf wartet, ihre Bestellung aufgeben zu dürfen, stupst mich vorsichtig an, lächelt verlegen und flüstert: „Entschuldigen Sie — gibt’s hier auch Kaffee? Also so normalen Kaffee wie früher?“

Es gibt. Als sie mit beiden Tassen zum Tisch zurück balanciert, sehe ich, dass sie mit ihrem Mann direkt am Nebentisch sitzt. Die feine Dame lächelt herüber und sagt mit einem entschuldigenden Schulterzucken: „Wir sind zum ersten Mal hier in Hamburg. Wir kommen (sie zögert) aus Stolberg“. (Sie zögert noch etwas länger) „Kennen Sie bestimmt nicht…“

Doch, kenne ich. Das Ehepaar strahlt. „Ach, das müssen sie uns aber erzählen…“, sagt die Dame. Wir plaudern von Tisch zu Tisch. „Wir sind hier zum König der Löwen. Haben uns die Kinder aus Eschweiler geschenkt…“ Er nickt. „Sowas haben wir leider bei uns so nicht…“ Sie lächelt. „Obwohl — den König der Löwen haben wir ja auch zu Hause“. Dabei streicht Sie ihrem Mann liebevoll über die Schulter.

Essen aus Asien

Gestern Abend waren Sie im Hafen unterwegs. „Eigentlich wollten wir mal typisch Hamburgisches essen. Aber dann sind wir in einem schicken Lokal gelandet, wo es Essen aus Asien gab. Haben wir ja auch nicht oft. Aber glauben Sie (…verlegenes Lächeln), ich wusste nicht, was Wok-Gemüse ist.“ Er grinst: „Sie hat die Kellnerin gefragt, wo datt wächst…“ Dabei gluckst er vergnügt.

Keine Landeier

Sie schubst ihn mit liebevoller Empörung weg. „Herrmann! Soll uns der junge Mann für Landeier halten?“ Keinesfalls! Ich beuge mich rüber und flüstere: „Wissen Sie, in einem typisch niederrheinischen Gasthof wurde mir mal als Mittagstisch Endivienjemangs met Flöns empfohlen. Ich habe die Kellnerin gefragt, ob das womöglich noch lebt…“

Beide glucksen vergnügt. „Die Jungs am Tresen haben mich dann zum Fisternölleken eingeladen…“ Herrmann hebt beide Hände und sagt halblaut „oh weia…“. — „Als ich gefragt habe, was das ist, haben sie gesagt ‚harmlos. Watt mit Rosinen‘“. Jetzt sagt sie „oh weia“. Ich nicke. Genau! Oh weia…

Seit dem Thema Fisternölleken duzen wir uns. Und er hat mir verraten, dass er mit zwei „rr“ geschrieben wird. „Sach mal… Watt ist denn so’n original Hamburger Essen? Wir dachten Labskaus mit Hering?“, fragt Herrmann. „Na ja. Das ist mehr ein globales Seemanns-Essen“, sage ich. „Labskaus mit Hering gibt’s nur für Touristen. Matrosen hätten den Hering samt Smutje über Bord geworfen. Labskaus gab’s, damit die Seeleute endlich mal was anderes als Fisch aßen.“

Verwunderte Blicke. „Labskaus ist gepökelte Ochsenbrust, durch den Wolf gedreht. Dazu gemanschte Kartoffeln, damit es nicht so salzig schmeckt. Und rote Beete, weil die viel Vitamin C haben und gegen Skorbut helfen.“ Aha-Erlebnis! „Ok. Aber wenn es ein Astra und einen Köm dazu gibt, ist es hamburgisch“, ergänze ich versöhnlich.

„Köm?!“ — „Traditioneller Hamburger Kümmelschnaps. Bekömmlich und lecker…“ Die Vorfreude steht Herrmann ins Gesicht geschrieben. Jetzt taut Herrmann auf. „Kennen Sie denn auch die Burg in Stolberg? Und überhaupt, wieso waren Sie denn schon da?“ Klar kenne ich die Burg. Ich hatte mehrfach beruflich da zu tun.

Frau ist abgelenkt

„Hör‘ mal“, sagt er leise, während seine Frau durch einen niedlichen Jack-Russel am Nebentisch abgelenkt wird. „Kannste mal so’n Dings, also so’n Latte Schamischuri für Hilde bestellen? Datt wir hier in Hamburg nur das Zeug‘s ausse Dröppelminna trinken wär‘ doch blöd, odder?!

Gesagt, getan. Sie strahlt, als die schicke bauchige Tasse mit einer imposanten Milchschaum-Krone an den Tisch gebracht wird. Wir schnacken und schnacken. Bis Herrmann unruhig wird. Pirscht sich der König der Löwen an? „Nee, datt geht erst in zwei Stunden los. Aber ich dachte mal so wegen dem, äh, Köm…?“ Wir tändeln Richtung Landungsbrücken. Denn da fahren die Fähren rüber zum Löwen-Musicaltheater. Und als wir im legendären „Schellfischposten“ landen, stellt sich bereits die Frage, warum Hamburg und Stolberg nicht längst Partnerstädte sind.

Natürlich ordere ich Astra mit Köm. Und Hilde ruft vergnügt ins Lokal: „Aber ohne Milchschaum und Schiminischuri!“ Die Wirtin karriolt lachend das Tablett an und ruft: „Kinners — wo seit Ihr den wech?!“ Herrmann ruft „Stolberg!“.

Mit Nachdruck

Sie stutzt und sagt mit breitem Grinsen: „Ja, logisch. Bezirk Hafenwirtschaftsamt Palermo, oder?“ „Nix! NRW!“, antwortet Hilde mit Nachdruck.

Ich frage: „Könnt ihr hier auch Fisternölleken?“ Sie stutzt, beugt sich zu Herrmann herüber, zwinkert ihm zu und flüstert dann verschwörerisch: „Ihr Stolberger. Ihr seid aber ganz schön schlimme Jungs!“ Herrmann strahlt und sagt: „Jau!“

(ucg)