Blindenfußball-Bundesliga gastiert auf dem Kaiserplatz

Blindenfußball auf dem Kaiserplatz : Mit Fußball in die Mitte der Gesellschaft

Die Grundregeln des Fußballs sind simpel: Zwei Mannschaften spielen sich den Ball zu und versuchen ein Tor zu erzielen. Mal mit taktischen Schachzügen, mal mit einem beeindruckenden Schuss aus 30 Metern. Doch was ist, wenn die Spieler nichts sehen können?

Wenn das Spielgerät nur noch akustisch wahrnehmbar ist und die Kommunikation mit Außenstehenden die Kicker leitet? Die Spieler der Deutschen Blindenfußball-Bundesliga (DBFL) sind das aus dem Alltag gewohnt. Sie sind alle blind oder haben starke Seheinschränkungen, müssen sich im Alltag auf die Hilfe anderer oder ihre übrigen Sinne verlassen. Der erste Spieltag der zwölften Saison der DBFL fand am Samstag auf dem Kaiserplatz statt – samt Tribüne, Fans, Einlaufmusik und bekannten Gästen. Denn das Ziel war klar: Die einzige paralympische Fußballvariante sollte nicht abseits auf leeren Sportplätzen stattfinden, sondern in die Städte getragen werden.

Getreu dem Ligamotto „Mit Fußball in die Mitte der Gesellschaft“ wollten die sechs Mannschaften der Liga (siehe Info-Box) zeigen, dass sie trotz ihres Handicaps als Sportler nicht minder große Leistungen vollbringen als ihre Kollegen in den großen Stadien der Republik.

Für Robert Voigtsberger, Erster Beigeordneter der Kupferstadt, war es ein wichtiges Ziel, den Auftaktspieltag der DBFL nach Stolberg zu holen. Als stellvertretender Sportdirektor des Deutschen Behindertensportverbandes war er in seiner früheren Aufgabe bereits in Kontakt mit dem Blindenfußball gekommen. „Seit 2011 war es das Ziel, den Blindenfußball in die Öffentlichkeit zu holen und zu den Menschen zu gehen. Dafür ist der Kaiserplatz optimal“, so Voigtsberger, der mit seinem Vorschlag 2018 auf positive Resonanz im Rathaus stieß.

Nachdem die bürokratischen Hürden überwunden waren, erklärte sich der Verband sogar bereit, den Auftaktspieltag in Stolberg zu veranstalten. Zusätzlich in den Spieltag eingebunden, war auch ein Einlagespiel der Amputierten-Fußballer, die sich auf ihren Krücken über den Platz bewegten und bei denen es ebenso ohne Kompromisse zuging. Die Sportart stehe noch etwas mehr am Anfang als der Blindenfußball erklärter Wolf Schmidt, Trainer des FC St. Pauli. Deshalb wolle man sich gegenseitig unterstützen.

Etliche Besucher waren auf den Kaiserplatz gekommen und nahmen auf der überdachten Tribüne Platz. Foto: Christian Ebener

Viele interessierte Zuschauer nahmen über Stunden Platz auf der Tribüne, informierten sich an den Ständen des Verbands oder warfen einfach nur neugierige Blicke über die Bande des Platzes. So wie der Stolberger Robert Bank, der während der Partie zwischen dem FC Schalke und dem amtierenden Meister MTV Stuttgart neugierig stehen blieb: „Bisher war mir die Sportart gar nicht bekannt. Ich wäre wahrscheinlich total hilflos auf dem Platz.“

Dass auch gestandene Profis sich schwer tun, war am Nachmittag zu sehen. Ein Team um Robert Voigtsberger und die früheren Alemannia-Spieler Kai Michalke, Reiner Plaßhenrich und Stephan Straub trat gegen die Blindenfußball-Nationalmannschaft an und das war ganz schön gewöhnungsbedürftig. „Es ist eine andere Facette des Fußballs, aber es ist alles da, was die Sportart ausmacht. Es ist ein sehr taktisches Spiel“, erklärte Voigtsberger, der sich über die tolle Resonanz der Stolberger freute. Die sahen die zahlreichen Besonderheiten der Sportart. Mit einem lautgerufenen „Voy“ (Spanisch für „Ich komme“) machen die Spieler darauf aufmerksam, dass sie sich zum Ball bewegen – anderenfalls gibt es ein technisches Foul.

Der Herausforderung stellen

Körperlos waren besonders die regulären Bundesliga-Spiele jedoch keinesfalls. Mit vollem Einsatz setzten sich die Spieler ein, zu denen auch Frauen gehören. Wie Katharina Kühnlein. Die 21-Jährige hat ein Sehvermögen von 25 bis 40 Prozent und bereits für ein reines Frauenteam in der Juniorinnen-Regionalliga gespielt. Der Herausforderung der Bundesliga wollte sich die Spielerin des FC Schalke 04 unbedingt stellen, zudem ist sie an der Deutschen Sporthochschule in Köln aktiv.

Für Blindenfußballspieler gibt es keine großen Unterschiede – Hautfarbe, Geschlecht oder Alter zählen nicht. Wichtig sei die Teamfähigkeit, wie einhellig zu hören war. Für arrogante Höhenflüge Einzelner wäre hier ohnehin kein Platz. Zu lauter Hymne lief Kühnlein dann mit ihren Mitspielern zum Spiel gegen den MTV Stuttgart ein. Sie wurden angesagt und bereiteten sich auf das Spiel vor.

Absolute Ruhe wurde vom Stadionsprecher gefordert, damit die Guides sich mit den Spielern verständigen konnten. Eng am Fuß wurde der Ball geführt, die Spielzüge waren so gut einstudiert wie es ging. Am Ende rang der FC Schalke den amtierenden Meister nieder, der erste Saisonsieg war geschafft. Doch wer den Spieltag am Kaiserplatz verfolgte, dem war schnell klar, dass es hier mehr als einen Sieger gab.

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