Biologische Schädlingsbekämpfung und Temperaturkapriolen

Lesertour in die Hofgärtnerei Müllejans : „Räuber“ als beste Freunde des Gärtners

Die Minuten vergehen wie im Flug. Und auch nach fast drei Stunden könnten unsere Leser noch immer weiter faschsimpeln über Wohl und Wehe von Blumen, Sträuchern und Bäumen. Längst hat die große Gruppe im Rahmen unserer „7 x Sommer“-Aktion das neue Palmenhaus der Hofgärtnerei Müllejans bewundert, das fast vollendet bereits karibisches Flair verströmt.

Gemeinsam mit Kreisgärtnermeister Herbert Müllejans mit Ehefrau Gabi und Tochter Lena, allesamt Fachleute, die mit im Betrieb arbeiten, sitzt man bei Großmutters selbst gebackenem Kuchen, frisch aufgebrühten Kaffee und kühlen Getränken an hübsch mit Blumen dekorierten Tischen und fachsimpelt.

Herz für Tiere und Pflanzen

Es ist die Uhr, die die Besucher dann doch zum Aufbruch drängt, während die Bienen am Rande der Gewächshäuser noch einmal zu einem abendlichen Ausflug über das insgesamt sieben Hektar große Gelände oberhalb der Buschmühle an diesem warmen Sommertag starten.

Ursprüngliche Steppenpflanzen werden als neue Zierpflanzen für sonnige und heiße Sommer gezüchtet. Foto: Jürgen Lange

Die Imkerei hat Herbert Müllejans als neues Hobby entdeckt. Sie komplettieren die kleine Oase mit zwitschernden Vögeln, grasenden Pferden und Eseln, Hund und scharrenden Hühnern, wenngleich letztere mit Rücksicht auf hungrige Greifvögel nun häufiger im Käfig bleiben müssen.

Das Herz für Tiere hat Müllejans als Landwirts-Sohn am Rande des Reichswalds von klein auf gelebt, aber seine Passion gilt den Blumen. Als Kind fängt er mit ihrer Zucht am Rande des Bauernhofes an. Das Hobby wird nach der Schule zu Beruf und Berufung. Neben Lehre, Gesellenzeit und 1986 Meisterprüfung baut er sich ein bereits florierendes Geschäft auf und liefert frische Schnittblumen an Blumenhandlungen aus. 1987 folgt der richtige Sprung in die Selbstständigkeit. Zuerst entsteht auf dem elterlichen Bauenhof ein Gewächshaus. 1989 folgt der eigene Laden am Eilendorfer Markt. 2007 beginnt überwiegend in Eigenleistung der Bau des neuen Domizils am Sebastianusweg. Zehn Mitarbeiter sind mit den Müllejans im Einsatz. Zu den 1000 Quadratmer Gewächshausfläche und 800 Quadratmeter Freibeete gesellt sich nun das 4,50 hohe Palmenhaus, in dem unter anderem Kälte empfindliche Bäume und Gewächse überwintern werden.

So werden aus Geranien Setzlinge: Herbert Müllejans demonstriert es. Foto: Jürgen Lange

Doch erst einmal sorgen sich die Leser um die Folgen von heißen und trockenen Sommern für ihre Pflanzen. Letztlich ist das alles eine Frage von Sorte, Standort und Bewässerung. „Aber ein Trend geht hin zu Steppenpflanzen“, erzählt Müllejans. Wie man es in kulinarischen Dingen von Foodscouts her kennen mag, sind in der floralen Welt Pflanzenscouts in aller Herren Länder unterwegs, um neue Sorten für ein heir sich veränderndes Klima zu entdecken.

Agastache – Duftnesseln – sind ein Beispiel dafür. Urspünglich in Nordamerika und Oastasien heimisch, erobern sie als Zierpflanzen unsere Breiten mit unterschiedlichen Blütenfarben und mehr oder minder minzigem Geruch. Die Staude wächst buschig bis zu 30 Zentimeter hoch, blüht langanhaltend, liebt Sonne und Wärme und ist genügsam. Der Haken: winterliche Staunässe ist ihnen ein Greuel.

Eine alte Bekannte kommt neben dem bei Insekten angesagten Lavendel auch prima mit aktuellen Sommertemperaturen aus: die eigentlich aus Südafrika stammenden Geranien. Sie blühen zwar bis zum Frost, aber hiesige Bienen haben keine Freude an ihnen – mit Ausnahme der kleinblütigen englische Varianten.

Am besten bildet Cotoneaster Wurzeln mit flach gesetzten Stecklingen. Foto: Jürgen Lange

Dass die Stolberger ihr großes Herz für Bienen entdeckt haben, macht sich auch in der Hofgärtnerei bemerkbar. Zahlreiche Paletten mit Geranien stehen in einer Ecke. „Sie sind diesmal nicht so gut nachgefragt worden“, sagt Müllejans und klettert auf eine Bank. Damit alle gut sehen können, was der Meister der Fachrichtung Zierpflanzen am Beispiel der Geranie vorführt: die Vermehrung als Steckling. Dabei wird – einmal einfach erklärt – ein Seitentrieb unter dem Blattknoten abgeschnitten, die Blätter bis auf den obersten entfernt, und der Steckling in einen Topf mit feuchter Anzuchterde gesteckt. Dann kommt es auf die richtige Pflege an....

Jetzt ist die Zeit, in der die Müllejans ihre Stecklinge setzen. Wobei möglichst wenig dem Zufall der Natur überlassen werden soll. Denn bei einem kleinen Exkurs zur Mendelschen Vererbungslehre geht es um die Frage, welche Farbe und Blütenart bei den stehenden und hängenden Pflanzen heranwachsen soll. Das wiederum hängt ab von dem Merkmalen der Eltern der Mutterpflanzen.

Steifmütterchen neben Stiefmütterchen: Tausende Veilchen werden aus Paletten in die Töpfe gebracht. 54 Farben gibt es in dieser Saison. Foto: Jürgen Lange

Stecklinge der anderen Art reihen sich bereits Topf an Topf: Cotoneaster. Das ist eine kleine Zwergmispel, die als Bodendecker gerne ausgewählt wird, um große Flächen immergrün abzudecken. Der Trick des Fachmanns dabei: Die Stecklinge immer flach in die feuchte Erde stecken. Dann keimen auch die Wurzeln.

In einer anderen Ecke stehen reihenweise Setztöpfe voller Veilchen. Hier gibt es auch ein Wiedersehen mit Vererbungslehre und F1-Hybriden, der ersten Tochtergeneration einer Kreuzung aus zwei Arten. Letztlich geht es wieder um resistentes Wachstum, kräftige Pflanzen und vor allem um Blütenfarbe und -art.

Duftet intensiv nach Minze: Agastache-Sorten sind für sonnige und trockene Standorte geeignet. Foto: Jürgen Lange

Da sind Veilchen schon wahre Tausendsassa. Wobei die Hofgärtnerei auf eine eigene Aufzucht aus Samen verzichten. Die Stiefmütterchen sind Dunkelkeimer, die nach dem Keimen aber schnell die richtige Portion Licht und Feuchtigkeit haben müssen; es gibt viele Gelegenheiten, sich die Nachzucht zu ruinieren. Zudem ist der Samen mit sieben Cent für ein Korn teuer, und man „braucht zehn bis 20 Jahre für eine sortenreine Züchtung.“

Deshalb hat Herbert Müllejans den ersten Schritt ausgelassen und bei Zuchtbetrieben Setzlinge bestellt– in 54 Farben! Die werden als Minipflanzen zu rund 350 Stück pro Palette und werden an der Buschmühle in Töpfe gesetzt. Da ist der Leserbesuch eine nette Abwechslung beim Umtopfen von über 120 Paletten.

„Aber es gibt noch einige Sorten, bei denen ich auf Samen setze“, schmunzelt Herbert Müllejans vielsagend. Der begeisterte Gärtner ist auch stets auf der Suche nach Neuem und den Trends der Zukunft. Verraten werden darf nur, dass die Ringelblume Calendula und Salbei darunter sind. „In Großbritannien habe ich mir das abgeschaut“, verrät Müllejans zudem. Im Herbst ausgesät und im Gewächshaus über Winter kultiviert, sind die Pflanzen im nächsten Frühjahr reif für den Verkauf als farbenkräftige Blüher im frühen Beet.

Was tun gegen Schädlinge

Dort ebenso wie in Gewächshäusern machen sich witterungsbedingt immer mehr Schädlinge breit. Was dem Förster der Borkenkäfer ist, sind Schildlaus, Dickmaulrüssler, Milbe, Zünsler & Co. für den Gärtner. „Aber sie sind kein Grund, einfach zur Giftspritze zu greifen“, betont Müllejans. Biologische Bekämpfung ist kein Zauberwort. Zu jedem Schädling hält die Natur einen Nützling bereit, der diesen gezielt bekämpft.

Das hat die Branche sich wiederum zum Nutzen gemacht. Das Bacillus thuringiensis wirkt beispielsweise konkret gegen den Buchsbaumzünsler. Die Raubmilben der Schlupfwespen helfen gegen zahlreiche Schädlinge. Aber anders ist beispielsweise der Rostbefall von Rosenblättern, wie sie Leser mitbrachten, eine Pilzerkrankung, die nur durch Vorbeugung vermieden werden kann. Über solche Details oder wie eine abwechselnde Bepflanzung Planzen gegenseitig unterstützen kann, fachsimpelten die Besucher noch lange.