Bethlehem will 15 neue Ausbilsungsplätze an Hebammenschule schaffen

Schwierige Situation : Mehr Ausbildungsplätze für Hebammen

Wer heutzutage eine Hebamme finden möchte, der muss sich bereits früh darum bemühen. „Viele werdende Mütter suchen schon eine Hebamme, wenn sie gerade erst schwanger sind. Das wäre früher undenkbar gewesen“, weiß Dr. Ansgar Cosler, Chefarzt der Geburtsklinik am Bethlehem-Gesundheitszentrum. Zu wenig Hebammen, die mit immer mehr Druck umgehen müssen, seien das Ergebnis.

Wie diese Entwicklung zustande gekommen ist? Dafür seien gleich mehrere Faktoren verantwortlich, meint Bethlehem-Geschäftsführer Dirk Offermann.

Ein Grund: die Ausbildungssituation. An der Hebammenschule der Christlichen Bildungsakademie für Gesundheitsberufe Aachen, die dem Aachener Luisenhospital angeschlossen ist, werden insgesamt 54 Ausbildungsplätze verteilt auf drei Jahre besetzt. Während der praktische Teil in den Krankenhäusers absolviert wird, findet die Theorie in der Schule statt. „Es ist nicht so, dass niemand zu uns kommen kann oder will“, sagt Dirk Offermann und unterstützt diese These mit aktuellen Zahlen. Jährlich muss die Hebammenschule in Aachen nämlich zwischen 250 und 280 Absagen an Interessierte verschicken – und das, obwohl man Nachwuchs dringend bräuchte.

„Es gibt viele Bewerber, die den Beruf gerne ausüben möchten, es aber nicht können. Da liegt eigentlich das Hauptproblem“, sagt Dirk Offermann. In Zukunft könnte die Situation rund um die Hebammen sogar noch prekärer werden. Schließlich soll die Hebammen-Ausbildung künftig akademisiert werden. Offermann befürchtet, dass es deshalb künftig noch weniger Hebammenschulen geben könnte, als bisher. Laut dem Bethlehem-Geschäftsführer dürfte das zum Problem werden. „Ohne die Hebammenschulen wird es schwer werden. Eine Änderung halte ich für sehr problematisch.“ Aus diesem Grund hätten die Geburtskliniken der Städteregion einen gemeinsamen Brief an das Ministerium verfasst und in diesem darum gebeten, das bisherige Modell beizubehalten.

Und damit nicht genug. Auch die Hebammenschule in Aachen soll vom Bethlehem-Gesundheitszentrum unterstützt werden. Aus diesem Grund will die Stolberger Einrichtung die Ausbildungsplätze ab August um 15 Stück auf insgesamt 69 Plätze aufstocken. Das Vorhaben müsse noch von der Bezirksregierung genehmigt werden, allerdings sei man guter Dinge, dass dies auch klappen werde, berichtet Offermann.

Ein Blick in die Vergangenheit zeige, dass sich die Rahmenbedingungen für Hebammen bereits verbessert hätten. Ein Beispiel dafür sei das Saubermachen der Kreißsäle. Das gehöre natürlich nach wie vor zu den Aufgaben einer Hebamme dazu. Aber: Die Betreuung der Patientinnen stehe immer im Vordergrund. „Es ist wichtig, dass man den Hebammen auch Aufgaben abnimmt, damit sie sich auf ihr eigentliches Handwerk konzentrieren können“, sagt Cosler. Das weiß auch Bettina Cremer-Hine, stellvertretende Hebammen-Leiterin am Bethlehem.

Die Eins-zu-Eins-Betreuung der Patientinnen spiele eine wichtige Rolle. „Hat man Zeit, kann man beobachten, wie sich die werdenden Mütter verhalten und so verringert man auch Komplikationen“, sagt Cremer-Hine. Habe die Hebamme mehr Zeit für die Patientin sei das Geburtserlebnis deutlich intensiver und schöner, meint auch Ansgar Cosler. Das könne man allerdings nur ermöglichen, wenn man auch eine bestimmte Anzahl an Geburten habe. „Für kleine Geburtshilfen ist das sicherlich nicht stemmbar“, meint Offermann.

In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies: 1927 Geburten fanden im vergangenen Jahr am Bethlehem-Gesundheitszentrum statt. 1977 Kinder erblickten das Licht der Welt. Cosler geht davon aus, dass in diesem Jahr voraussichtlich 2050 Geburten in der Kupferstadt stattfinden werden. Betreut werden diese am Bethlehem-Gesundheitszentrum von insgesamt 22 Hebammen.

Bis vor einigen Jahren gab es zudem noch bis zu sieben Beleghebammen im Haus. Heute ist es keine einzige mehr. Die Arbeitsbelastung sei aufgrund des Nachwuchsmangels, der in dem Beruf vorherrscht, höher geworden, sagt Cremer-Hine und nennt die Krankheit Burn-Out als wichtiges Stichwort. „Eigentlich müsste hier sofort etwas passieren“, sagt die stellvertretende Hebammen-Leiterin. Doch oft sei genau das Gegenteil der Fall und die Probleme der Habemmen würden belächelt. Diesen Eindruck hat zumindest Bettina Cremer-Hine immer wieder.

Ein Grund dafür, dass es auch immer weniger Beleghebammen gibt: Die Haftpflichtversicherung für diese sei in der Vergangenheit deutlich angestiegen und die Geburten würden generell zu gering vergütet. Ein Grund, warum wohl auch immer mehr Geburtskliniken schließen würden, mutmaßt Offermann. Im benachbarten Eschweiler gibt es bereits keine Geburtenstation mehr.

Die Betreuung durch die Hebammen geht übrigens in den meisten Fällen über die Geburt hinaus. Auch während der Schwangerschaft und nach der Entbindung werden etliche Mütter von Hebammen begleitet. Da es allerdings immer weniger Hebammen gebe, die sich auch mit „kleineren Problemen“ auseinandersetzen, seien die Wartezimmer bei Gynäkologen und Kinderärzten deutlich voller. Aus diesem Gründ müsse man überlegen, was langfristig aus einer solchen Situation entstehe, wenn man daran nichts ändern würde, warnt Cremer-Hine. In der Pflege gebe es ähnliche Probleme, die aber erkannt wurden. „Bei den Hebammen ist es nicht anders, aber sie werden gerne vergessen“, so Offermann. Am Bethlehem will man das nun ändern.

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