Stolberg: Augen auf: Die liebestollen Rehe sind wieder unterwegs

Stolberg: Augen auf: Die liebestollen Rehe sind wieder unterwegs

Im Liebesrausch vergisst so manch einer die ganze Welt um sich herum. Da schimmert durch die rosarote Brille lediglich das Antlitz des heiß geliebten Objekts der Begierde, den Rest der Umgebung blendet man gekonnt aus. Das ist nicht nur beim Menschen so, sondern auch bei Tieren. Zum Beispiel bei Rehen.

Die befinden sich gerade in der Brunftzeit und sind so liebestoll, dass sie nichts anderes mehr wahrnehmen als ihren Partner in spe.

Wild romantisch

Was aber so wild romantisch klingt, ist eine Gefahr für den Autofahrer. Und der stellt letztlich wieder eine Bedrohung für die Tiere dar. Laut ADAC sterben jährlich bundesweit etwa 30 Menschen bei Kollisionen mit Wildtieren, rund 3400 werden verletzt. Die nordrhein-westfälischen Landstraßen seien besonders betroffene Gebiete. Und da bleiben auch die Stolberger Straßen nicht außen vor.

„Eine bekannte Gefahrenstelle ist die Jägerhausstraße, die von Zweifall Richtung Raffelsbrand führt”, weiß Förster Wolfgang Evertz, zuständig für den Forstbezirk Vicht, also auch den Staatswald in der Gemeinde Stolberg. „Auf dieser Strecke kommt es mehrmals im Jahr zu Kollisionen.” Das bestätigt auch Sandra Schmitz, Pressesprecherin im Polizeipräsidium Aachen. „Gerade dichte Waldgebiete sind besonders große Gefahrenstellen.”

Und dies ist bei allen Straßen rund um den Zweifaller Wald der Fall. Noch bis Mitte August dauert die Rehwildbrunftzeit. „Die Böcke treiben dabei die Ricken vor sich her und blenden ihre Umgebung völlig aus”, erklärt Evertz. In der Paarungszeit finde zudem auch tagsüber ein verstärkter Wildwechsel statt.

Doch wie an allen Tagen im Jahr ist das Wild morgens und abends zu Dämmerungszeiten aktiv. „Das Scheinwerferlicht der Autos wirkt auf die Tiere oft verstörend. Vor Angst erstarrt, bleiben sie beim Anblick der Fahrzeuge mitten auf der Straße stehen.”

Wie viele Tiere jetzt in der Stolberger Umgebung unterwegs sind, kann der Förster nicht genau beziffern. „Es gibt zwar Zahlen für die einzelnen Jagdreviere - das sind aber bloße Schätzungen. In der Brunftzeit ergeben die ohnehin wenig Sinn, da die Tiere an Grenzen nicht interessiert sind. Die rennen dann kreuz und quer durch den Forst.”

Was also tun, wenn dem Autofahrer ein Tier vor das Fahrzeug läuft? Sandra Schmitz rät: „Grundsätzlich gilt: Fuß vom Gas! In der Dämmerung das Licht abblenden und laut hupen.” Auch wenn kein Tier zu sehen ist, rät die Pressesprecherin in den kommenden Wochen zu moderater Fahrweise. „Und den Fahrbahnrand verstärkt im Auge behalten!”

Was tun bei einer Kollision

Wenn eine Kollision unvermeidbar ist: „Bloß nicht ausscheren und eine Vollbremsung wagen”, rät Evertz. „So schlimm das auch klingen mag, aber dann sollte der Fahrer das Lenkrad fest auf das Tier zuhalten und kontrolliert abbremsen.” Zu hoch sei sonst die Gefahr, sich beim Ausscheren zu überschlagen. Was vergangene Wildunfälle im Bezirk Stolberg betrifft: „Da sind die letzten Jahre überwiegend Sachschäden entstanden, Personenschäden sind selten”, weiß Schmitz.

Förster Evertz schätzt: „Im Jahr kommen wir hier auf rund 20 Wildunfälle, die bis jetzt alle relativ glimpflich verlaufen sind.” Wenn solch ein Unfall passiert, müsse die Gefahrenstelle sofort mit Warndreieck gesichert und die Polizei gerufen werden. „Die leitet den Unfall dann an den zuständigen Forstbezirk weiter”, erklärt Evertz. Das sei beispielsweise dann wichtig, wenn das Tier „nur” verletzt und nicht gestorben sei, womöglich sogar wieder in den Wald rennt. „Wir spüren das verletzte Wild dann auf und erlösen es von seinen Qualen.”

Der Fahrer hat in so einem Fall keine Anzeige zu befürchten. „Nur wenn er das Tier in den Wald rennen lässt und einfach weiterfährt, ohne die Polizei zu informieren, ist mit einer Anzeige zu rechnen”, sagt die Pressesprecherin.

Auch wenn Mitte August die Brunftzeit ein Ende nimmt, kündigt sich schon die Nachbrunft im September an. Es gilt also weiterhin, auf der Hut zu sein. Ein liebestolles Reh kommt schließlich selten allein.

Da liegt der kleine Unterschied: Von der Brunftzeit zur eigentlichen Paarung

In der Rehwildbrunftzeit, also der Paarungszeit, sind Böcke auf der Suche nach Ricken unterwegs, die sie besteigen können.

Während der ganzjährigen Brunft, die von Anfang Juli bis Ende August ihren Höhepunkt erfährt, kommt es zu Kämpfen zwischen den Böcken, die sich gegenseitig imponieren und drohen wollen.

Die Brunft der Ricken ist im Gegensatz zu den Männchen kurz und dauert nur einige Tage. In dieser Zeit werden Böcke auf die paarungsbereite Ricke durch ihren Geruch aufmerksam, dem sie folgen.

Die Ricken reagieren auf einen sich nähernden Bock mit einer Flucht. Der Bock folgt ihr. So beginnt eine Art Schaujagd im Abstand von rund 500 Metern. Dieses Treiben kann Tage andauern. In dieser Phase häufen sich dann auch die Wildunfälle.

Zur Paarung von Bock und Ricke kommt es, wenn die Ricke schließlich empfangsbereit ist und abrupt stehen bleibt. Nach einem weiteren „Verfolgungsspiel” - diesmal jedoch mit geringerem Abstand - besteigt der Bock die Ricke.

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