Stolberg: Auf dem Schlangenberg flattern seltene Schmetterlingsarten umher

Stolberg : Auf dem Schlangenberg flattern seltene Schmetterlingsarten umher

Inmitten von blühenden Galmei-Veilchen, Sonnenröschen und Grasnelken sitzt er, der Perlmuttfalter. Ganz vorsichtig pirscht Wolfgang Vorbrüggen sich heran. Jetzt bloß nicht aufscheuchen. Dann flattert er weg. Ihn überhaupt zu entdecken, ist schon etwas ganz Besonderes.

Der Tagfalter mit dem wissenschaftlichen Namen Argynnis niobe ist nämlich in Nordrhein-Westfalen vom Aussterben bedroht. Der Schmetterlingsexperte aus Würselen ist mit Kamera ausgerüstet im Stolberger Naturschutzgebiet Schlangenberg unterwegs, das als das vielfältigste und artenreichste Biotop für Pflanzen und Tiere in ganz NRW gilt.

Hier gibt es Kalkmagerrasen, sauren Boden, Galmei-Wiesen und Sumpfgebiete. „Ein Paradies für Schmetterlinge aller Art“, freut sich der 62-Jährige. Etwa 350 verschiedene Falter habe er hier bereits gezählt. Doch es könnten noch mehr sein, vermutet er. Der pensionierte Radiologe ist ganz in seinem Element. Auf mehrere Meter Entfernung erkennt er, um welchen Falter es sich handelt, ist er auch noch so klein.

Nicht umsonst also ist er seit fast 30 Jahren der Vorsitzende der „Arbeitsgemeinschaft rheinisch-westfälischer Lepidopterologen e.V.“, deren Mitglieder sich ehrenamtlich um die Überprüfung, Kartierung und Sicherung des Schmetterlingsbestands in NRW und sogar deutschlandweit kümmern.

Nach den Käfern zählen die Falter nämlich zu den artenreichsten Insektenordnungen. Was jedoch viele nicht wissen: Die schillernden, bunten Tagfalter machen gerade einmal zehn Prozent der Schmetterlingsarten aus. Die anderen 90 Prozent sind nacht­aktiv und unscheinbar grau, blau oder sogar schwarz gefärbt.

Schön sind sie alle. Und diese Schönheit habe ihn schon immer fasziniert, erzählt Vorbrüggen. Genauer gesagt, seit er 13 Jahre alt ist. Damals hätten ihn Freunde mit zu einem Schmetterlingskundler genommen. Seitdem sammelt er selber. Über 10.000 Exemplare umfasst seine Sammlung. Gefangen wird tagsüber mit Käschern und alkoholgetränkten Ködern, nachts mit speziellen Lichtanlagen.

„Viele Tiere lassen sich erst bei genauerer Betrachtung und aufwendigem Vergleich mit Sammlungsmaterial überhaupt einer Art zuordnen“, sagt er. Und schließlich beschäftigt ihn immer wieder die Frage: Ist einer der gefangenen Falter eine neue, noch von keinem vorher beschriebene Art?

Der Erstbeschreiber hat meist die Ehre, den Namen zu vergeben. Wahrscheinlich klingt deshalb einer verrückter als der andere: Es gibt das Landkärtchen, das Waldbrettspiel oder den Russischen Bär, um nur einige zu nennen — auch auf dem Stolberger Schlangenberg. Viele Namen richten sich nach dem Aussehen der Flügel, wie beim Tagpfauenauge oder dem Kaisermantel, andere nach den Nahrungspflanzen, wie beim Hornkraut-Tageulchen oder dem Sumpfveilchen-Perlmuttfalter.

Dessen Raupen haben sich über Jahrhunderte an die spezielle Flora des Schlangenbergs angepasst. Anstatt von Sumpfveilchen ernähren sie sich dort von den Galmei-Veilchen. Das ist ungewöhnlich, denn insbesondere solche sogenannten Habitat-Spezialisten, das heißt Schmetterlinge, die bestimmte Raupenfutterpflanzen und Lebensraumstrukturen zum Überleben benötigen, verschwinden zunehmend.

Schuld sind daran laut einer Studie der Technischen Universität München vor allem die hohen Emissionen reaktiven Stickstoffs, der bei der Verbrennung von fossilen Brennstoffen und durch die immer intensivere Landwirtschaft der vergangenen Jahrzehnte entsteht.

Mit ihrem Kulturlandschaftsprogramm versucht die Biologische Station der Städteregion die vielfältige Tier- und Pflanzenwelt zu erhalten. Dazu werden mit Landwirten Verträge abgeschlossen, dass sie auf die Düngung ihrer Wiesen verzichten und erst mähen, wenn die Wiesenkräuter geblüht und Samen gebildet haben. Für den Arbeitsaufwand und die geringeren Erträge erhalten sie Ausgleichszahlungen aus verschiedenen Finanz-Töpfen des Landes und der EU.

Laut Bernhard Theißen, der sich als Mitarbeiter der Biologischen Station besonders für den Erhalt verschiedener, seltener Schmetterlingsarten in der ganzen Städteregion einsetzt, ist das Programm sehr erfolgreich.

„Bisher konnten so die Bestände der überaus seltenen Hochmoor-Perlmuttfalter, des blauschillernden Feuerfalters und des Mittleren Perlmuttfalters gesichert werden“, sagt er. Aber selbstverständlich würden so nicht nur die Schmetterlinge geschützt, sondern auch zahlreiche andere Tier- und Pflanzenarten, die sonst vom Aussterben bedroht wären.

Dennoch hätten einige Arten in der Region schon lange nicht mehr nachgewiesen werden können, sagt Wolfgang Vorbrüggen. Aber es verschwinden nicht nur einzelne Arten, sondern auch die Populationsdichte, also die Anzahl der Schmetterlinge insgesamt, geht zurück. Das ist fatal: Falter sind Blütenbestäuber und ein wichtiger Teil der Nahrungskette. „Fehlen sie, setzt das eine Kettenreaktion in Gang und das ganze Ökosystem gerät in Schieflage“, sagt Vorbrüggen.

Ludger Wirooks, Biologe und Nachtfalterexperte, setzt daher auf gezielte Wissensvermittlung und darauf, Kinder und Erwachsene hautnah mit der Natur vertraut zu machen. „Was der Mensch nicht kennt, schützt er nicht“, sagt er. Mit Lehrveranstaltungen an der RWTH Aachen, Grundschulexkursionen und in VHS-Kursen versucht er, Menschen für Schmetterlinge und den Erhalt ihrer Lebensräume zu begeistern.

Und wer weiß, wie lange sich der Perlmuttfalter noch am Schlangenberg finden lässt. Wolfgang Vorbrüggen hofft deshalb auf ein Umdenken. „Der Mensch muss irgendwann verstehen, was er der Natur mit der intensiven Landwirtschaft antut und dringend etwas daran ändern“, sagt er. „Aussterben ist irreversibel.“

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