Stolberg: Archivale aus Stadtteil Dorff: Leibesübungen mit Ziehtau und Schlagball

Stolberg: Archivale aus Stadtteil Dorff: Leibesübungen mit Ziehtau und Schlagball

Zum 900-jährigen Jubiläum der Kupferstadt Stolberg präsentiert das Stadtarchiv monatlich ein Archivale aus einem Stadtteil. Von A wie Atsch bis Z wie Zweifall werden in dreizehn Folgen Stadtteilgeschichten erzählt und Illustriert mit Annoncen aus dem ‚Stolberger Generalanzeiger‘ von 1898. Diesmal geht es um Dorff.

Eine dicke Akte des ehemaligen Bürgermeisteramts Büsbachs mit dem Originaltitel „Acta generalia & specialia betreffend Inventarium des Mobiliarbesitztums der Gemeinde“ gelangte kürzlich in den Bestand des Stadtarchivs. Sie enthält Listen über Ausstattung und Einrichtung der Gemeindeverwaltung mit Polizei und Feuerwehr sowie der Schulen von 1893 bis 1935 mit Schwerpunkt auf den 1920er Jahren.

Anzeige des Dorffer Junggesellen-Clubs aus dem Stolberger Generalanzeiger 1898 Foto: Zeitungssammlung Stadtarchiv Stolberg

Eigenes Gebäude

In einem „Realienbuch“ aus dem Jahr 1913 wurde die Welt erklärt. Foto: Zeitungssammlung Stadtarchiv Stolberg

1879 war die Schule in Dorff gegründet worden. Ab 1881 war sie in einem eigenen Schulgebäude bis zu ihrer Auflösung 1968. Zehn Seiten füllen die Gegenstände der Schule in Dorff. Von unterschiedlichen Schreibern wurden in Kurrent-, Sütterlin- und lateinischer Schrift Eintragungen von „Fibel“ bis „Schulwandtafel“ gemacht. Biologische Präparate, anatomische Modelle, geometrische Körper, Geschichtsbücher und Tafellineale sind auch hundert Jahre später nicht überraschend.

In Sütterlinschrift

„Im Geiste Sütterlins“, ein Lehrbuch zu der 1915 eingeführten Reformschrift, durfte ebenso wenig fehlen wie das „Realienbuch“, ein Lehrbuch für die Vermittlung von Sachwissen rund um Naturwissenschaft, Geschichte, Geographie etc. Heimatkunde wurde vermittelt über „Eifeler Volkskunde“ oder das „Vaterlandsbuch“.

Leibesübungen wurden mit dem „Ziehtau“ durchgeführt oder der „Schlagball“ gebraucht. Der Begriff „Sport“ war vor hundert Jahren ungebräuchlich. Tauziehen und Schlagball, eine deutsche Urform des heute bekannten Baseballs aus den USA, waren beliebte Mannschaftsspiele, die auch von der Dorffer Jugend betrieben wurden. Für jüngere Generationen erstaunlich sind der „Feuertopf mit Rost in Ofen“, schließlich wurden die Schulräume einzeln mit Kohlenöfen geheizt.

Hustende Kinder

Und der „Spucknapf“ erzählt von der Zeit verbreiteter Tuberkulose, in der hustende Kinder den Auswurf aus hygienischen Gründen in den Metalleimer zu spucken angehalten wurden. Gewöhnlich nutzte man den Boden zum Ausspucken, ganz gleich, ob sich Jung und Alt nun des Kautabaks oder Speichels entledigen wollten.

Die letzten ergänzten Einträge der Schulinventarliste künden dann auch vom dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte. Bevor Dorff mit Büsbach 1935 nach Stolberg eingemeindet wurde, ist zu lesen gab es „Hakenkreuzfahne“ sowie „Hitlerbild mit Rahmen“, die mit nach Büsbach zogen.

Kein Entkommen

Vor Gleichschaltung und Indoktrination gab es kein Entkommen. Diese detaillierten Angaben, die jedes einzelne Objekt, alle Lehrmittel und die gesamte Schülerbibliothek von „Andersens Märchen“ bis „Zoologischer Atlas“ aufführen, würden sogar eine vollständige Einrichtung eines musealen Schulhauses wie desjenigen in Dorff in der Pfarrer-Gau-Straße ermöglichen.

Das Stadtarchiv beherbergt und sammelt als Historisches Kompetenzzentrum und als „Gedächtnis der Stadt“ Akten, Urkunden, Bilder, Bücher, Zeitungen, Nachlässe und andere Sammlungen der Stadtgeschichte. Historische Unterlagen aus allen Stadtteilen Stolbergs stehen dort interessierten Bürgern für Forschung, Wissenschaft und Bildungsarbeit zur Verfügung.