Stolberg: Ansichten über Jahrzehnte: Der Sitzungssaal im Rathaus

Stolberg: Ansichten über Jahrzehnte: Der Sitzungssaal im Rathaus

Nur drei Räume dienten Bürgermeister und Verwaltung als Dienstzimmer. Den überwiegenden Anteil hatten die fünf Schulsäle, Lehrer- und Polizeiwachtmeisterwohnungen und eine Wachtstube in dem klassizistischen Bauwerk in der Stadtmitte.

Nein, Stadt wurde Stolberg offiziell erst 1856. Und weil Aufgaben und Einwohnerzahl stetig wuchsen, wuchs das Rathaus mit und machte viele Veränderungen im Innern durch. Einem Labyrinth ähnelten die vielen Türen, Treppen und Flure, um zu den einzelnen Dienstzimmern zu gelangen. Der Sitzungssaal wurde 1912 eingeweiht und war eine Pracht — im Gegensatz zu dem kleinen Zimmerchen vorher.

d Foto: Christian Altena

Und Stolbergs Industrielle, meist auch Stadtverordnete, beteiligten sich tatkräftig an einem repräsentativen Ambiente. Gemälde und Geldsummen wurden gestiftet, die Kassettendecke aus Zink lieferte „Kraus, Walchenbach & Peltzer“. Der heutige Ratssaal ist etwa dreimal so groß wie dieser immer noch beengte der ersten Jahrhunderthälfte.

Es gab seit 1911 eine Telefonzentrale und ein kleiner Raum wird in den Plänen als „Archiv“ ausgewiesen. Nicht mehr als eine Aktenablage ohne hauptamtlichen Archivar, möchte der Autor anmerken. Wo die Rückwand des Gebäudes vor 50 Jahren von Anbauten und WC-Anlagen geprägt war, finden sich heute das Trauzimmer und die Büros des Stadtarchivs.

Das Magazin mit zigtausenden Akten und Sammlungsbeständen füllt die gesamte Kellerfläche des ab 1974 völlig entkernten Altbaues. Als Baudenkmal wurde es erhalten, modernisiert und behutsam in die neue Bausubstanz integriert. Und ein modernes Stadtarchiv eingerichtet, das 1979 eröffnet wurde und nach 40 Jahren aus allen Nähten platzt — schließlich wird ein Archivmagazin immer für dreißig Jahre konzipiert.

1974 wurde der Grundstein gelegt zum Neubau, der 1977 eingeweiht wurde. Schon 1925 wollte man das alte Gebäude gegen einen riesigen Neubau ersetzen und beabsichtigte dies auch nach dem Krieg wieder. Stattdessen kam es glücklicherweise zu der eleganten Lösung eines Neubaus, der sich in Kubatur, Farbigkeit und Nüchternheit dem klassizistischen Vorgänger anpasste. Verantwortlich für den Bau mit rotem Waschbeton und selbstbewusster Turmlösung waren das Architekturbüro Hentrich und Petschnig aus Düsseldorf sowie die Arbeitsgemeinschaft Stolberger Architekten.

Mit dem durchdachten Architekturkonzept und der zeitgleich umgesetzten Rathausumfahrt hat das Rathaus heute keine schmuddelige Rückseite mehr, sondern bietet rundherum Durch-, Aus- und Überblicke, die von grünem Blatt- und rotem Mauerwerk geprägt sind.