Ansichten der Stadt Stolberg

Stolberger Ansichten über Jahrzehnte : Einst und jetzt am Bastinsweiher

Ein Sammelsurium an parkenden Autos, Bäumen und Büschen hier, Straßenschildern und Laternen da: 1972 wie 2018 die gleichen Elemente einer gewöhnlichen Stadtszene. Doch drum herum Orte von historischer und städtischer Bedeutung.

Die Straße ‚Am Bastinsweiher‘ wurde vor gut einhundert Jahren angelegt, um das Hinterland des Bastinsweihers zu erschließen. Vor der Anlage der Trasse hätte die Straße wörtlich ‚im‘ Bastinsweiher gelegen, da dessen südliches Ufer rechts außerhalb des Bildes gelegen hatte, bis er für die städtebaulichen Pläne verkleinert wurde. Der älteste Weiher der Innenstadt stammt aus der Pionierzeit der Kupfermeister im Vichttal.

Um 1590 wurde er als erstes Wasserreservoir eines Kupferhofes angelegt. Gespeist vom Vichtbach durch einen etwa zweihundert Meter oberhalb abgezweigten ‚Teich‘, wie Mühlgräben traditionell genannt werden, erreichte er den Weiher etwa im Bereich der Fotoaufnahmen. Das Wasser trieb Hammerwerke im Kupferhof Ellermühle an, jenseits des Bastinsweihers gelegen und nach dem Zweiten Weltkrieg vollständig abgebrochen.

Aber noch mehr Hammer- und Mühlwerke profitierten von diesem zentralen Wasserspeicher: fast alle Kupferhöfe unterhalb waren an ein System von Teichläufen angeschlossen. Jordanshof, Feldmühle, Roderburg, Bierweide, Krautlade und Unterster Hof beispielsweise. Endgültig wieder der Vicht zugeführt wurde das Wasser auf Höhe des Bahnübergangs Eisenbahnstraße. Die Flora, ein innenstädtischer Park mit Spielplatz, wurde in der Zwischenkriegszeit im ehemaligen Gartenterrain des nahen Kupferhofes angelegt.

...und so sieht dieselbe Stelle heute aus. Foto: Christian Altena

Um 1900 sollte das gesamte abgebildete Areal in ein urbanes Jugendstil-Wohnquartier verwandelt werden. Mit prächtigen Stadtvillen und vielen ansehnlichen Wohn- und Geschäftshäusern. Das Haus des ehem. ‚Frankentaler Hofs‘ (nicht im Bild) ist eines der wenigen verwirklichten und vorbildlich in Größe und Stil. Vitale Interessen der Stolberger Metallfabriken, die immer noch Wasserrechte innehatten, und womöglich auch gestalterische Überlegungen des neuen Stadtviertels, ließen den alten Weiher nicht zur Disposition stehen, während viele weitere für neue Straßen und Häuser zugeschüttet worden waren.

1928 wurde auf dem ehemaligen Weihergrund die Stolberger Reichsbankfiliale erbaut, eine wichtige Einrichtung für Stolberger Industrie und Handel. Um einen belastbaren Bargeldverkehr der ansässigen Unternehmen und Banken sicherzustellen und auch bargeldlosen Geldtransfer zu ermöglichen, bemühte sich die Stadtverwaltung um die Ansiedlung. Repräsentativ, aber nicht protzig, stand nun der expressionistische Bau an der Rathausstraße und wurde von Passanten, die stadtaufwärts unterwegs waren, von der schmalen Schauseite mit Figurenschmuck am Portal prominent wahrgenommen. Aber nur von wenigen betreten, da es kein öffentliches Kreditinstitut war. Als der Bau nach dem Krieg Filiale der Landeszentralbank und faktisch der Bundesbank wurde, änderte sich an der zentralen Funktion für Unternehmen und Behörden nichts. 1979 wurde sie geschlossen und beherbergt heute eine Praxisklinik.

Beide Fotos zeigen im Hintergrund den Altbau-Trakt des Ritzefeld-Gymnasiums, das als Mädchen-Gymnasium 1961 vom Kaiserplatz an den Standort in der Ritzefeldstraße gezogen war. 2005 bis 2007 war der Bau einer Sanierung und Erweiterung unterzogen worden und macht hinter dem rahmenden Grün seither durch freundliche Farbigkeit auf sich aufmerksam. In ‚abgespeckter‘ Variante der kaiserzeitlichen Planung wurde in den 1930er Jahren an den neuen Straßenzügen bescheidene Stadtvillen erbaut, darunter ganz links im aktuellen Foto eine Dienstwohnung für den Bürgermeister, da die bisherige im Rathaus zu Bürozwecken umfunktioniert wurde.

Schließlich wurde auch ein Rathausneubau am Bastinsweiher anstelle der geschlossenen Sayettspinnerei in Erwägung gezogen. Statt des Jugendstilgitters, das den Weiher hundert Jahre ‚gebändigt‘ hatte, ist seit 2017 eine Brücke ein gestalterisches wie funktionales Element über dem historischen Gewässer, die den treffenden Namen ‚Ellermühlensteg‘ erhalten hat.

(alt)
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