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Telefonkette: Am Telefon gibt es Hilfe gegen die Einsamkeit

Telefonkette : Am Telefon gibt es Hilfe gegen die Einsamkeit

Ruth Reich ist die Kapitänin einer Telefonkette in Stolberg. Die beteiligten Senioren rufen sich jeden Tag zu einer festen Uhrzeit nacheinander an, um die sozialen Kontakte aufrecht zu erhalten. Geredet wird dabei aber nicht nur über Corona.

Jeden Tag um 16 Uhr nimmt Ruth Reich das Telefon in die Hand. Rund fünf Minuten telefoniert sie dann mit einer Seniorin aus Stolberg. Danach ruft diese die nächste Person an – bis die Telefonkette ans Ende gelangt ist. Seit knapp drei Monaten moderiert Reich die Aktion. Das Ziel: Den älteren Teilnehmern die Möglichkeit geben, kurz einen Plausch zu halten und sie aus der coronabedingten Einsamkeit zu holen.

„Da geht es ums Wetter, um die Haustiere, einfach Smalltalk. Eher seltener auch um das Coronavirus“, sagt Reich. Viele alleinstehende Senioren hätten aufgrund der Pandemie ihre Kontakte stark einschränken müssen, deshalb sei dieses Angebot von der Stadt Stolberg aktiviert worden.

Dabei habe Reich sich ursprünglich im Frühjahr gemeldet, um als ehrenamtliche Einkaufshilfe die Senioren der Stadt zu unterstützen. Aufgrund der vielen Helfer sei sie aber gar nicht gebraucht worden. Im November sei dann der Anruf von Astrid Paschke, Seniorenbeauftragte der Stadt, gekommen, ob Reich „Kapitänin“ einer Telefonkette werden wolle – „und ich habe einfach ja gesagt.“ Die Idee dazu habe Paschke in anderen Städten in NRW aufgeschnappt.

Wer mitmachen wolle, könne sich einfach bei Astrid Paschke melden, erklärt Reich. Diese gebe dann die Nummer weiter an eine Kapitänin oder einen Kapitän. Nach einem Gespräch werde die Person dann entsprechend in die Kette eingereiht. „Wir haben eine Moderationsfunktion und wollen von den Leuten einen Eindruck bekommen. Die Einordnung funktioniert dann je nach Wesen, Interessen und Wohnort“, erläutert Reich.

Die Begrenzung auf fünf Minuten gebe es, damit die Beteiligten gut abschätzen könnten, wann der Anruf kommt. „Das gibt dem Tag ja auch wieder ein Stück Struktur.“ Bisher sei alles sehr zuverlässig abgelaufen, die Kette nie abgerissen. Und wenn längerer Gesprächsbedarf bestünde, könnten sich die Teilnehmer stets zu weiteren Telefonaten verabreden.

Am 1. Weihnachtstag habe man sich auch endlich mal kennenlernen können im echten Leben – natürlich nur aus dem Fenster heraus und mit ausreichend Abstand. Sobald es die Lage zulasse, werde sich die Kette aber auch im echten Leben in einem Café treffen, freut sich Reich, wobei das natürlich noch dauern könne. Schließlich seien drei der vier Damen in ihrer Telefonkette über 80 Jahre alt. Aufgrund des Alters habe man sich auch auf das Medium Telefon beschränkt – so sei die Hürde zum Mitmachen so gering wie nur möglich. „Auch wenn es etwas aus der Zeit gefallen wirkt.“

Helfen, wo es möglich ist

Auch Paul Schäfermeier, Leiter des Stolberger Sozialamts, kennt die Problematik. Man nehme öffentlich wahr, „dass ältere Menschen leiden.“ Deshalb freue er sich natürlich besonders über das ehrenamtliche Engagement von Ruth Reich, aber auch von vielen weiteren Stolbergern. Dabei mahnt er jedoch an, dass etwa die Telefonkette kein Ersatz für den Hausnotruf oder Ähnliches sei. Sollte mal eine Teilnehmerin oder ein Teilnehmer nicht zu erreichen sein, müsse nicht sofort der Notruf gewählt werden.

„Die Gesellschaft und damit auch Angebote für ältere Menschen sind stark eingeschränkt“, weiß Schäfermeier. Wo es möglich sei, wolle die Stadt „konkrete Hilfestellungen“ geben, da die Krise „besonders Menschen mit kleinem Geldbeutel härter trifft“. Ergänzend zu den Angeboten wie der Telefonkette verweist er auch auf die Vereine und kirchlichen Institutionen, die Hilfen für Senioren anbieten.

Sein Eschweiler Amtskollege Peter Toporowski sieht die aktuelle Lage ganz ähnlich. „Wir versuchen, den Menschen Unterstützung zu geben”, erklärt er. Dazu gehören etwa der Fahrservice zu Impfterminen – falls keine anderen Möglichkeiten vorhanden sind – und auch der Einkaufsdienst. Wo es möglich sei, berate man die älteren Menschen und auch ihre Pflegenden. Da das nicht mehr in Persona möglich sei, habe man zudem eine Videoberatung eingerichtet. Er setze bei der Hilfe auch auf den Nachbarschaftsdienst. Aktuell baue man zudem ein Sozialtelefon auf. Das soll in diesem Jahr noch an den Start gehen, erfordere jedoch eine gründliche Vorarbeit.

In einer Sache sind sich Reich, Schäfermeier und Toporowski auf jeden Fall einig: Die älteren Mitbürger sollen in der aktuellen Lage nicht allein gelassen werden. Und zusätzlich schade auch sicher nie ein Anruf der Verwandtschaft.