Altersmedizin am Bethlehem-Gesundheitszentrum in Stolberg

Stolberg: Steigender Bedarf: Altersmedizin am Bethlehem-Gesundheitszentrum

Die Zahlen sind erschreckend: Mehr als jeder Vierte in Deutschland ist — laut dem Statistischen Bundesamt — bereits älter als 60 Jahre. Tendenz steigend. Im Jahr 2050 wird es bereits mehr als jede dritte Person sein. Und auch der 100. Geburtstag ist mittlerweile keine Seltenheit mehr.

Ende 2014 lebten in Deutschland rund 17.000 Menschen, die 100 Jahre oder älter waren. Eine Entwicklung, die sich auch in Stolberg abzeichnet. Gab es im Jahr 2013 noch insgesamt 11.371 Menschen, die älter als 66 Jahre waren, so lag die Zahl im Jahr 2016 bereits bei 11.668 Menschen, wie aus dem Statistischen Jahresbericht der Stadt hervorgeht.

Das Problem: Je älter die Menschen werden, umso eher sind sie für so genannte Multimorbiditäten anfällig. Bedeutet: Ältere Menschen leiden häufig gleich unter mehreren Erkrankungen und Komplikationen während der stationären Behandlung. Mit diesem Thema setzt sich auch das Bethlehem-Gesundheitszentrum auseinander. Im Oktober des vergangenen Jahres hat das Haus eine Station mit zehn Betten eingerichtet, die zur Abteilung Altersmedizin gehört.

Keine Modeerscheinung

Was man sich unter dem Begriff Altersmedizin vorstellen kann, weiß Dr. Klaus Nagelschmidt zu berichten. Er ist Oberarzt der Klinik für Innere Medizin mit dem Schwerpunkt Altersmedizin am Bethlehem-Gesundheitszentrum.

„Die Altersmedizin ist noch eine sehr junge Disziplin. Oft hört man, dass es sich dabei um eine Modeerscheinung handelt. Das ist aber falsch. Der Bedarf wird immer größer“, sagt Nagelschmidt. „Hat ein Kind eine Magen-Darm-Krankheit geht man mit ihm nicht zum Gastroenterologen, sondern zum Kinderarzt. Warum sollten ältere Menschen also nicht zum Geriater, also zum Altersmediziner gehen?“, meint Nagelschmidt.

Die Altersmedizin am Bethlehem richtet sich an Patienten ab 70 Jahren, die wegen einer Akuterkrankung sowieso stationär im Haus behandelt werden. Wird ein Patient beispielsweise mit einem Oberschenkelhalsbruch eingeliefert, kann es durchaus sein, dass dieser auch an weiteren Krankheiten — wie Bluthochdruck oder Diabetes — leidet. Genau an dieser Stelle kommen Dr. Klaus Nagelschmidt und seine Kollegen ins Spiel.

Das Besondere an der Behandlung: Sie findet fachabteilungsübergreifend statt. Das bedeutet, dass Ärzte, Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden, Pflegekräfte, Psychologen und Sozialarbeiter zusammenarbeiten und sich natürlich auch auf wöchentlichen Konferenzen austauschen. Ein Konzept, das es so nur in der Altersmedizin gebe, sagt Nagelschmidt.

„In der Altersmedizin hat man einen ganz anderen, einen ganzheitlichen Blick auf den Patienten“, sagt auch Christa Marx, stellvertretende Pflegedienstleitung des Bethlehem-Gesundheitszentrums. Nagelschmidt meint sogar: „Es ist eine ganz andere Art der Medizin — vor allem in einem Akut-Krankenhaus. In der Jugend ist das Ziel, dass der Patient wieder komplett gesund wird. Im Alter sind die Ziele viel individueller.“ Heißt: „In manchen Fällen ist es vielleicht das Ziel, dass der Patient wieder mobil nach Hause zurück kann. In anderen Fällen ist es ein Erfolg, wenn der Patient wieder vom Liegen ins Sitzen kommt“, sagt Nagelschmidt.

Der Oberarzt der Klinik für Innere Medizin ist sich sicher, dass durch die fachabteilungsübergreifende Behandlung die Patienten seltener krank werden und dabei auch ihre Lebensqualität erhöht wird. Ohne eine passgenaue Therapie könne es außerdem leicht passieren, dass der Patient nicht mehr zu seiner alten Form zurückfinde und ein Pflegefall werde.

Altenpfleger eingestellt

Auch das Thema Nachwuchsarbeit spielt in der Altersmedizin eine wichtige Rolle. „Es ist wichtig, dass wir auch unseren Azubis Respekt im Umgang mit dem Alter vermitteln. Aus diesem Grund haben wir mittlerweile auch Altenpfleger eingestellt. An dieser Stelle müssen die Krankenhäuser einfach umdenken“, sagt Christa Marx, die auch das Projekt „Demenz — den Weg gemeinsam gehen“ am Bethlehem leitet und deshalb weiß, wie wichtig unter anderem Biografiearbeit bei älteren Patienten ist.

Dass dieses Thema in der Stolberger Einrichtung bereits umgesetzt wird, zeigt ein Blick auf die Station. Intensive Gespräche, Rollatoren-Training und Sturzprophylaxe nehmen einen wichtigen Stellenwert im Heilungsprozess der Patienten ein.

Und wie ist es um die Zukunft der so genannten geriatrischen Frührehabilitation am Bethlehem-Gesundheitszentrum bestellt? Wird es dort künftig mehr als zehn Betten geben? „Ja“, sagt Christa Marx und fügt hinzu: „Denn der Bedarf ist da.“ Und auch Dr. Klaus Nagelschmidt meint: „Es wäre inkonsequent zu sagen, dass uns die zehn Betten auch in der Zukunft reichen werden.“

Einen ersten Schritt hat man diesbezüglich bereits gemacht. Am heutigen Mittwoch findet nämlich die erste Fachtagung zum Thema Altersmedizin — mit Teilnehmern aus ganz Deutschland — im Zinkhütter Hof statt (siehe Infobox). „Das Thema muss erst einmal in die Köpfe der Menschen rein. Aber da sind wir auf einem guten Weg“, ist sich Dr. Klaus Nagelschmidt sicher.

Mehr von Aachener Zeitung