Als es noch keine Lokomotiven gab

Frühschoppen für Eisenbahnfreunde : Als es noch keine Lokomotiven gab

Es ging weiter in der Zeit zurück als jemals zuvor: Aus Osthofen bei Worms war Autior Dr. Ulrich Stanjek zum Stolberger Hauptbahnhof angereist, um dort beim Frühschoppen für Eisenbahnfreunde sein selbst verlegtes Buch „Als die Bahnen laufen lernten“ vorzustellen.

Wie die Transportgefährte in den Bergwerksstollen der Frühen Neuzeit erst auf Kufen das Rutschen und dann auf Rädern das Rollen lernten: Das alles schilderte der gebürtige Oberpfälzer seinen Zuhörern detailreich und anschaulich. Wie fern die Zeit lag, die der Kenner unter die Lupe nahm, konnten die Stolberger schon aus einer Tatsache schließen: An Lokomotiven war damals kein Denken. Statt dessen bugsierten so genannte „Huntstößer“ und andere bergmännische Hilfskräfte Tröge voller Erz oder Kohle durch die engen Stollen. Die Unterlage? Zuerst in die Boden gehämmerte Hohlrillen, später auch Schienen und Spurkränze.

Andere Zeiten halt, in die der Gast sein Publikum in einer zugänglichen Sprache entführte. Im Gegensatz zu den anderen Frühschoppen-Zusammenkünften gab es diese Mal nicht ein Quäntchen Stolberger Lokalkolorit, aber das machte den Eisenbahnfreunden nicht besonders viel aus.

Gebannt lauschten sie Stanjeks Ausführungen und betrachteten dazu die Bilder, die er mit Hilfe eines Beamers auf den Bildschirm im Bahnhofsfoyer projizierte. Dabei erzählte der Dozent mitunter ganz unterhaltsam nicht nur von Fundstücken aus der Vergangenheit, sondern auch von seinen Reisen zu Kongressen zur Früh- und Urgeschichte der Eisenbahn und merk-würdigen Begegnungen wie der mit dem Engländer Michael Lewis.

Seine Thesen servierte Ulrich Stanjek stets mit einer Mischung aus Augenzwinkern und Selbstbewusstsein: „Die Eisenbahn stammt eigentlich nicht aus England, sondern aus dem deutschen Bergbau.“ Diese These hat der Gast-Experte im Stolberger Hauptbahnhof eindrucksvoll und einleuchtend untermauert.

(chh)