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Helene-Weber-Haus und Corona: „Alles, was diese Einrichtung ausmacht, liegt brach“

Helene-Weber-Haus und Corona : „Alles, was diese Einrichtung ausmacht, liegt brach“

Seit zehn Jahren leitet Astrid Natus-Can das Helene-Weber-Haus. Nicht nur das Programm hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Mit unserer Zeitung spricht die Leiterin über ihre Pläne und die Auswirkungen von Corona.

Wenn Astrid Natus-Can an ihre Anfänge im Helene-Weber-Haus zurückdenkt, kommt ihr eine besondere Situation in den Sinn. „Als klar war, dass ich die neue Leitung bin, bekam ich einen Tag später Blumengrüße geschickt. Das war so nett und zugewandt und hat mir Ehrfurcht eingejagt. Dieses Gefühl habe ich nicht einen Tag verloren. Ich bin mit solch offenen Armen empfangen worden, da konnte man sich nur wohlfühlen“, sagt die 54-Jährige.

Seit zehn Jahren leitet sie die Einrichtung, die für nahezu die gesamte Städteregion Aachen – außer Monschau und Simmerath – tätig ist. „Das Helene-Weber-Haus hat einen bestimmten Ruf. Auch wenn man die Einrichtung nicht kennt, verbindet man etwas mit ihr“, sagt Natus-Can und fügt hinzu: „Immer wieder trifft man Menschen, die schon als Kinder oder jahrelang als Dozenten hier waren. Sie berichten durchweg von positiven Erfahrungen, weil sie sich hier stets gut aufgehoben gefühlt haben.“

In den vergangenen zehn Jahren hat sich für Astrid Natus-Can und ihre Mitarbeiter eine Menge verändert. 2012 stand der Umbau der Einrichtung an der Oststraße in Stolberg an. Vor zwei Jahren wurde der 50. Geburtstag des Helene-Weber-Hauses gefeiert. Und auch in Sachen Programm habe man sich stets weiterentwickelt. „Es gibt natürlich Basics, die wir schon seit 52 Jahren anbieten“, erklärt Natus-Can und nennt die Nähkurse als Beispiel. „Das Bedürfnis der Menschen, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, ändert sich nicht“, stellt sie fest.

Erwartungen an Mütter

Was sich allerdings geändert habe, seien die Angebote für Familien. „Es gibt viele Mütter, die unter Druck stehen und sich von außen eine Erwartungskulisse aufdrücken lassen, der sie gerecht werden wollen. Oft können sie den Dingen nicht genug Zeit und Raum geben“, berichtet die dreifache Mutter. Bis vor einigen Jahren hätten die sogenannten Eltern-Kind-Gruppen in der Regel drei Jahre gedauert. „Dementsprechend lange konnte man die Familien begleiten.“ Heute sehe die Realität anders aus. Deshalb sei es umso wichtiger, dass man Eltern auch in einem kurzen Zeitraum das Gefühl von Sicherheit und Ruhe vermittle.

Verändert hat sich in den vergangenen Jahren ebenfalls das Thema Mitarbeiter. „Es hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. In den Hochzeiten hatten wir bis zu 580 freie Referenten. Dieses Modell hat sich ausgeschlichen“, erklärt Astrid Natus-Can anhand des Beispiels der Eltern-Kind-Kurse. „Die finden morgens statt und es wurde zunehmend schwieriger, Referenten zu finden. Deshalb haben wir angefangen, Referenten als Fachkräfte einzustellen.“ So habe man mittlerweile mehr Festangestellte als noch vor zehn Jahren.

Für die Teambildung sei die Coronavirus-Pandemie allerdings „schrecklich“. Dies führe auch dazu, dass man das Programm – natürlich immer unter Einhaltung der Corona-Schutzverordnung – entsprechend anpasse. Geplant sind beispielsweise Elternspaziergänge mit pädagogischer Begleitung. Eins-zu-Eins-Angebote an der frischen Luft sollen ebenfalls bald stattfinden. Der Einzelunterricht im Nähen soll künftig auf der Terrasse der Einrichtung stattfinden, der offene Treff am Fensterbrett. „Die Menschen lechzen nach Beziehungen“, weiß Natus-Can.

Outdoor-Konzept

Sorgen machen der 54-Jährigen vor allem die Kinder, die im vergangenen Jahr geboren wurden und bislang noch keinen Kontakt zu Gleichaltrigen hatten. Das sei auch im Rahmen der Eingewöhnung in Kitas und in der Tagespflege zu spüren. Aus diesem Grund arbeite das Helene-Weber-Haus, das auch Anlaufstelle für berufliche Weiterbildung ist, an einem entsprechenden Konzept. Ausgearbeitet wurde zudem ein Outdoor-Konzept, das greifen soll, sobald sich wieder drei Personen aus verschiedenen Haushalten an der frischen Luft treffen dürfen. „Diesbezüglich stehen wir in den Startlöchern“, berichtet Natus-Can.

Die Zeit während der Pandemie habe man vor allem genutzt, um sich digital neu aufzustellen. „Unser Haus ist komplett digitalisiert. Das wäre im laufenden Geschäftsbetrieb viel schwieriger gewesen“, meint Natus-Can. So biete man mittlerweile beispielsweise Zumba-Kurse aus der eigenen Turnhalle online an. Auch ein Online-Konzept für die Ausbildung der Hauswirtschaftsfachkräfte wird derzeit entwickelt. Eine weitere Neuerung: Das Programmheft wird es in gedruckter Form nicht mehr geben. Dafür erscheint Ende dieses Jahres ein Magazin mit eigenen Geschichten über die Einrichtung. Lediglich ein Name dafür fehle noch.

Besonders großen Wert legt Astrid Natus-Can auf folgendes Themenfeld: „Wir sind auch Teil der Präventionsstrategie des Bistums gegen sexualisierte Gewalt und unterrichten Präventionskurse.“ Diese muss jeder Mitarbeiter durchlaufen, bevor er im Helene-Weber-Haus seinen Job aufnimmt. Ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis, das von Natus-Can überprüft wird, gehört ebenfalls zu den Voraussetzungen. „Bei diesem Thema geht es auch um Haltung. Das ist für uns sehr wichtig“, betont die Leiterin.

Ehevorbereitung digital

Für das Bistum bietet das Helene-Weber-Haus auch die Ehevorbereitung an – seit Neustem digital. „Wir haben festgestellt, dass wir dafür gar nicht genug Plätze haben“, berichtet Natus-Can und lacht. „Manchmal bringt eine Krise auch mit sich, dass man sich seiner eigenen Werte noch einmal vergewissert.“

Ziele für die kommenden Monate und Jahre hat die Einrichtungsleiterin ebenfalls. Eins davon: „Wir wollen unser Helene-Weber-Haus in Aachen zu einem vollwertigen Standort ausbauen.“ Zudem wolle man die Angebote viel stärker nach den Bedarfen in den einzelnen Sozialräumen ausrichten. „Wir verstehen uns auch als Partner der Kommunen, weil wir die Menschen vor Ort erreichen.“ Wichtig sei in diesem Rahmen der Dialog mit den Bürgermeistern. „Das wird künftig weiter zunehmen“, ist Natus-Can sicher.

Viel stärker will man im Bereich der beruflichen Bildung – nicht zuletzt mit dem neuen Weiterbildungsgesetz in NRW – tätig werden. Die Digitalisierung soll nach wie vor eine Rolle spielen. „Es geht vor allem darum, auch anderen Menschen dabei zu helfen, dass sie digital zurechtkommen“, sagt die 54-Jährige.

„Gesicht zeigen“ will man künftig vermehrt in Eschweiler – und zwar nicht nur im neu gestalteten Pastor-Zohren-Haus an der Straße Am Burgfeld. „Eschweiler ist für uns ein interessanter Einsatzort. Wir werden neue Möglichkeiten ausloten, wie wir uns dort breiter aufstellen können“, berichtet Natus-Can, die selbst in Eschweiler geboren wurde. In der Villa Faensen an der Marienstraße war man bereits mit Angeboten präsent, doch dann kam Corona.

Worauf Astrid Natus-Can sich in Zukunft besonders freut? „Wenn wieder Kochdüfte durch das Haus wehen“, sagt sie und lacht. „Normalerweise bebt unsere Einrichtung vor Leben. Es ist traurig, hier in einem leeren Haus zu sitzen, weil alles, was diese Einrichtung ausmacht, brachliegt.“ Eine Sache hat sich in den vergangenen zehn Jahren für die Leiterin übrigens nicht verändert. „Hier ist kein Tag wie der andere und man hört nicht einen einzigen Tag auf, selbst zu lernen. Wenn damit Schluss wäre, würden wir unserem eigenen Auftrag nicht gerecht.“