Stolberg: 500 Jahre alte Musikstücke erstrahlen in neuem Glanz

Stolberg: 500 Jahre alte Musikstücke erstrahlen in neuem Glanz

Wenn Musiker 50 Jahre alte Stücke neu interpretieren, zählen sie damit nicht zu den Paradiesvögeln der Musikszene. Bei Werken, die vor mehr als 500 Jahren geschrieben und aufgeführt wurden, ist das schon anders. Gerade dann, wenn Komponisten sie für Instrumente kreiert haben, die mittlerweile nicht mehr zum Standard zählen.

Norbert Walter Peters und Natalie Stercken stehen in der Tradition dieser Exoten. Sie spielen Musik aus dem 16. Jahrhundert.

Stercken ist Sopranistin und singt in sechs Sprachen: Französisch, Spanisch, Lateinisch, Englisch, Italienisch, Althochdeutsch. Peters ist für den instrumentalen Part zuständig. Seine beiden Saiteninstrumente ähneln einer Akustikgitarre, unterscheiden sich jedoch in Spielweise und Klang.

Und klangvoll sind auch ihre Namen. Mit seiner sechschörigen, doppelsaitigen „Vihuela de mano“ und einer Renaissance-Laute — achtchörig, 15 Saiten — besinnt sich der Musiklehrer auf die Schwerpunkte seines Studiums Anfang der 80er Jahre: Gitarre, Gesang — und eben Renaissance-Laute.

Für Natalie Stercken eine ungewohnte Erfahrung: „Nicht der Gesang steht im Vordergrund, sondern das Gemeinsame. Gänsehaut entsteht durch Zurücknahme der Stimme.“

Es sind Stücke aus einer Zeit des „Umbruchs und Aufbruchs“, wie sie Peters, der als Musiker, Pädagoge und Komponist arbeitet, charakterisiert. Zwischen Beginn und Ende des 16. Jahrhunderts habe es eine „riesige Kultur von Musikwerken“ gegeben. Eine Entwicklung, die mit dem historischen Kontext dieser Zeit zu erklären sei.

Peters nennt die Entdeckung Amerikas, die Erfindung des Buchdrucks oder auch die Vertreibung der Mauren aus Spanien, einem wichtigen Schauplatz der Vokal- und Instrumentalmusik. „Die Musik beinhaltet den europäischen Gedanken“, ist Peters überzeugt, denn nahezu alle Länder seien mit eigenständigen Werken vertreten gewesen: ob Ost- (Polen, Ungarn), Nord- (Dänemark, Schweden, England), Süd- (Italien, Portugal, Österreich) oder Westeuropa (Frankreich, Deutschland, Holland).

Und obwohl die Musik, der sich Peters und Stercken angenähert haben, über ein halbes Jahrtausend alt ist, scheut Peters nicht den Vergleich mit der Gegenwart. Die Lautenisten des 16. Jahrhunderts seien damals „von Hof zu Hof“ gereist. Deswegen habe es einen Austausch über Ländergrenzen hinweg gegeben.

Und so übernahmen die Höfe der Fürsten, Mäzene und Kaiser die Funktion, die das Internet heute leistet. Peters: „Unsere Musik ist ein Crash der Kulturen, so wie wir es heute erleben.“

(lkf)