Stadt Aachen präsentiert überraschende Messwerte zur Luftqualität

Überraschende Messwerte : Ist die Luft in Aachen viel besser als gedacht?

Die Stadt Aachen hat nach dem Gerichtsurteil zu Dieselfahrverboten an vielen Stellen selber die Luftqualität gemessen und kommt zu dem Ergebnis: Über das Stadtgebiet gesehen bleiben die Schadstoffwerte unter den EU-Normen. Das könnte ein wichtiges Argument bei einer möglichen Neuauflage des Prozesses sein.

Die Klatsche, die Köln und Bonn vergangene Woche vor Gericht kassiert haben und die Städte wie Essen in den kommenden Tagen wohl kassieren werden, hat sich Aachen schon am 8. Juni eingefangen. Schließlich war Aachen die Stadt, deren schlechte Luftqualität nach einem Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts im Februar als erste sozusagen auf der Anklagebank saß. Mit bekanntem Ergebnis: Das zuständige Land wurde verdonnert, bis Jahresende Fahrverbote in den Luftreinhalteplan zu schreiben, weswegen im kommenden Jahr zumindest Teile der Diesel-Flotte die Stadt umschiffen müssten. Aber die Aachener Richter ließen eine Hintertür offen.

Sollten Land und Stadt bis dahin Lösungen finden, die ähnlich schnell wie Fahrverbote gegen die zu hohen Stickoxidwerte wirken, könnte die härteste aller Maßnahmen noch abgewendet werden. Die Alternative glauben die Behörden vor allem mit der schnellen Filternachrüstung der Linienbusse gefunden zu haben. Die entsprechende Überarbeitung des Luftreinhalteplans, der mithin immer noch keine Fahrverbote vorschreibt, wird am Mittwoch im Umwelt- und Mobilitätsausschuss und im Stadtrat diskutiert. Nun allerdings kommt von der Verwaltung auch noch eine überraschende Aussage: Die Aachener Luft ist gar nicht so schlecht, wie bisher dargestellt. Die Qualität ist sogar so „gut“, dass bei näherer Betrachtung die EU-Grenzwerte schon jetzt eingehalten werden - obwohl seit dem Gerichtsurteil noch gar keine Sofortmaßnahmen ergriffen worden sind.

Wie, bitteschön, soll das möglich sein? Die Beantwortung dieser Frage beginnt ebenfalls mit dem Urteil. Darin steht nämlich, dass die im Verfahren, das wie in allen anderen Städte auf einer Klage der Deutschen Umwelthilfe (DUH) fußt, zur Sprache gekommenen und viel zu hohen Stickoxidwerte als repräsentativ für die Luftqualität der gesamten Fläche des Aachener Talkessels zu werten seien. Besagte Werte waren nicht nur jene der Landesmessstationen an der Wilhelmstraße und am Adalbertsteinweg. Auch die Stadt selber hatte an anderen Hauptverkehrsachsen gemessen. Und fast überall waren die Werte zu hoch.

Messstellen im Stadtgebiet

Die Messwerte im Überblick (Karte: Mapz.com). Foto: ZVA/Grafik

An diesem Punkt ärgert sich Oberbürgermeister Marcel Philipp quasi schwarz: „Wir haben nur da gemessen, wo Probleme zu erwarten waren. Erst nach dem Urteil wurde uns klar, dass das eben nicht repräsentativ für die gesamte Stadt sein kann.“ Denn letztlich komme es darauf an, was die Menschen tatsächlich einatmen. Dazu müsse es eine breitere Palette von Messstellen geben, sagte man sich. Und legte entsprechend los. „Wir wussten, dass wir liefern müssen“, so Philipp. Umgehend wurden an etlichen Stellen im Stadtgebiet Messstellen eingerichtet. Zu sehen sind sie kaum, denn es handelt sich um kleine Dosen, die an Masten angebracht wurden. Die Proben werden einmal im Monat zur Analyse in die Schweiz geschickt.

Als Standorte der Messstellen wählte man erneut Hauptverkehrsstraßen. Aber auch andere Stellen insbesondere dort, wo sich viele Menschen aufhalten. Etwa am Markt, am Elisenbrunnen oder im Kernbereich der RWTH. Außerdem variierte man den Abstand der Messstellen zur Fahrbahn. Beispiel: Monheimsallee: Eine der Dosen wurde nahe der Fahrbahn platziert. Eine weitere jedoch auch auf dem Mittelstreifen, rund 17 Meter vom Fahrbahnrand entfernt.

Die gesamte Liste der gemessenen Werte hat die Stadt jetzt unserer Zeitung vorgelegt. „Zunächst einmal wollten wir sicherstellen, dass es keine Schnellschüsse in der Bewertung gibt“, sagt OB Philipp. So wurde zunächst drei Monate lang - im Juli, August und September - gemessen und jeweils am Ende eines Monats analysiert. Jetzt ist es laut Stadt so weit, dass man ein seriöses Zwischenfazit ziehen könne. Und das lautet mit den Worten des Oberbürgermeisters: „Wir haben in Aachen keine Katastrophenluftqualität.“

Werte unter der EU-Grenzwert

Genauer gesagt: Im Durchschnitt aller Messpunkte blieben die Stickoxidwerte in allen drei Monaten ein ganzes Stück unter dem EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Im Juli ergab sich aus den 24 Messpunkten ein Mittelwert von 36,24 Mikrogramm Stickoxid pro Kubikmeter Luft, im August waren es 32,42 und im September 35,50 Mikrogramm. Da lohnt es sich dann auch, noch genauer in die Liste zu schauen. An einigen Abschnitten liegen die Messwerte deutlich über der EU-Grenzwert, an anderen hingegen mindestens ebenso deutlich darunter. Der schlechteste Durchschnittswert über drei Monate hinweg gesehen wurde an der Römerstraße 19 mit 56.3 Mikrogramm ermittelt. Ebenfalls über 50 Mikrogramm kommen die Messpunkte Monhemsallee 25 (an der Fahrbahn), Jülicher Straße 34/36 (50,3) und Peterstraße 72/74 (52,6).

Ebenfalls über dem Grenzwert liegen die Messpunkte Von-Coels-Straße 4/Berliner Ring (45), Adalbertsteinweg 274 (43,6), Napoleonsberg 138 (41,5, zwei Monate gemessen) und Roermonder Straße 27 (47). Der niedrigste Durchschnittsmesswert ergab sich im Bereich Markt 42/Krämerstraße 1, also mitten im Herzen der Altstadt, mit nur 16 Mikrogramm. Nicht viel schlechter sieht es im Elisengarten mit 16,3 Mikrogramm aus. Überraschend: Auch am Friedrich-Wilhelm-Platz 1, wo hunderte Busse, aber vergleichsweise wenige Autos pro Tag fahren, liegt der Durchschnittswert ebenfalls nur bei 20 Mikrogramm.

Ebenfalls auffällig: In der Bahnhofstraße, also nur wenig entfernt vom Messpunkt mit der höchsten Werten in der Römerstraße, liegt der Mittelwert bei nur 28,3 Mikrogramm. Dasselbe gilt für die Kurbrunnenstraße quasi „um die Ecke“ mit einem Wert von 27 Kubikmeter. Noch ein Beispiel: Während der EU-Grenzwert an der Monheimsallee am Fahrbahnrand deutlich überschritten wird, kommen auf dem Mittelstreifen der Allee nur noch 33,6 Mikrogramm Stickoxid an.

Argumentativ besser aufgestellt

Das alles zusammengenommen könnten wichtige Argumente in einem neuerlichen Gerichtsverfahren werden. Da im überarbeiteten Luftreinhalteplan keine Dieselfahrverbote festgeschrieben sind, dürfte ein Eilantrag nebst weiterer Klage der DUH vor dem Aachener Verwaltungsgericht gegen diesen Plan so sicher sein wie das Amen in der Kirche.

Diesmal sieht sich die Stadt jedoch argumentativ deutlich besser aufgestellt als noch vor wenigen Monaten. Das eben nicht nur deswegen, weil die im Luftreinhalteplan verankerten Sofortmaßnahmen wie eben die Busnachrüstung oder auch höhere Parkgebühren am Straßenrand die Stickoxidwerte rasch unter die Grenzwerte drücken sollen. Sondern auch, weil die eigenen Messungen eine deutlich bessere Luftqualität bereits jetzt vermuten ließen, wie die Stadt meint.

Bleibt die Frage, warum man erst nach dem Gerichtsurteil aufgewacht ist und auf die Idee kam, mal flächendeckender zu messen. Da räumt der OB ein, dass die Stadt deutlich zu spät dran gewesen sei. Man habe unter anderem die Auswirkungen des Dieselskandals unterschätzt. Auf den eigenen Messwerten und den Ad-hoc-Maßnahmen wolle man sich indes nicht ausruhen.

Weitere Schritte sollen folgen. So etwa der Aufbau von Containern für Paketlieferungen, die den entsprechenden Lieferverkehr verringern sollen. Dies will man alsbald an vier Stellen testen, so etwa mit einem Container am Parkhaus Blondelstraße und einem im Bereich Sandkaulstraße nahe Sporthaus Drucks. Einiges verspricht sich die Stadt zudem von Projekten im Bereich der Digitalisierung.

Der OB zieht jedenfalls für sich das Fazit: An der Verkehrswende zu arbeiten mache viel Spaß. Er sieht jedoch auch eine ungleiche Gewichtung der Gefahrenpotenziale. Während nämlich über kaum etwas anderes als die Luftqualität geredet werde, gebe es Jahr für Jahr auch 3000 Tote durch Unfälle im Straßenverkehr. Und auch der Lärm sei ein großes Problem, das die Menschen krank mache. An diesen Themen gelte es nicht minder engagiert zu arbeiten. Gerichtsurteile hin oder her.

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