Freizeittipps

Wie schafft Belgien den Atomausstieg?

Von: Madeleine Guillert, Christian Rein, René Benden
Letzte Aktualisierung:
13886145.jpg
Die Autoren der Studie: Michael Ritzau, Geschäftsführer des Büros für Energiewirtschaft und technische Planung, und... Foto: Michael Jaspers (3)
13886143.jpg
...Professor Albert Moser, Leiter des Instituts für Elektrische Anlagen und Energiewirtschaft der RWTH Aachen. Foto: Michael Jaspers (3)
13886192.jpg
Konstruktiver Ansatz: NRW-Umweltminister Johannes Remmel (links) erklärt im Beisein eines Mitarbeiters seines Ministeriums und der Autoren der Studie beim Besuch in unserer Redaktion, wie er die Belgier beim Atomausstieg unterstützen möchte. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Prinzipiell benötigt Belgien die beiden umstrittenen Meiler Tihange 2 und Doel 3 nicht, um eine Energieversorgung zu gewährleisten. Das ist die wohl wichtigste Erkenntnis einer aktuellen Studie, die NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) unserer Zeitung exklusiv bei einem Redaktionsbesuch vorstellte.

Unter welchen Bedingungen die künftige Stromversorgung im Nachbarland sichergestellt ist, haben Michael Ritzau, Geschäftsführer des Büros für Energiewirtschaft und technische Planung (BET) aus Aachen, und Professor Albert Moser, Leiter des Instituts für Elektrische Anlagen und Energiewirtschaft der RWTH Aachen, im Auftrag des Ministeriums berechnet. Es geht ohne die Rissreaktoren, aber der komplette Ausstieg aus der Atomenergie, den Belgien für 2025 beschlossen hat, könnte schwer werden, so das Fazit.

Warum hat das NRW-Umweltministerium die Studie in Auftrag gegeben?

Die Landesregierung NRW setzt sich für die Stilllegung der umstrittenen belgischen Meiler Tihange 2, der Luftlinie nur 60 Kilometer von Aachen entfernt liegt, und Doel 3 bei Antwerpen ein. Sie sind umstritten, weil sich in deren Reaktordruckbehältern Tausende Haarrisse befinden. Einige Experten haben deshalb erhebliche Sicherheitsbedenken, was den Menschen in unserer Region und NRW Sorgen bereitet. Die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC allerdings hält die Meiler für sicher. Belgien hat die Laufzeit auf 2025 festgelegt. In dem Land gibt es Sorgen, dass ein vorzeitiges Abschalten der Meiler zu einer Versorgungsunsicherheit führen könnte. Das Gutachten der beiden Aachener Experten zeigt auf, wie die Stromversorgung in Belgien künftig sichergestellt werden kann – ohne Tihange 2 und Doel 3 oder ganz ohne belgischen Atomstrom.

Wie groß ist in Belgien die Angst vor einem Blackout?

Die Angst vor einem Blackout ist in Belgien präsent – mal mehr, mal weniger. Besonders groß war die Angst, als die beiden Meiler Tihange 2 und Doel 3 nicht am Netz waren. Im Winter 2014 hatte die belgische Regierung die Bevölkerung auf das Schlimmste vorbereitet. Per SMS wurden damals einige Bürger testweise dazu aufgefordert, zu bestimmten Zeiten beispielsweise die Wasch- oder Spülmaschine nicht zu nutzen. Man wollte sich für den schlimmsten Fall rüsten – der ist bislang aber nicht eingetreten. Weil man Angst vor einem Blackout hat, billigte das Parlament im Juni vergangenen Jahres aber die Laufzeitverlängerung der Meiler Doel 1 und 2 um jeweils zehn Jahre bis 2025.

Was haben die Wissenschaftler herausgefunden?

Ritzau und Moser untersuchen unterschiedliche Szenarien und bilanzieren, dass für einen „vorgezogenen teilweisen oder vollständigen Kernenergieausstieg“ in Belgien die Versorgungssicherheit unter normalen Bedingungen sichergestellt werden kann. Im Klartext heißt das: Tihange 2 und Doel 3 können vom Netz gehen. Ein kompletter Ausstieg aus der Kernenergie ist unter bestimmten Voraussetzungen möglich. In Stresssituationen – beispielsweise eine steigende Stromnachfrage in besonders kalten Wintern – allerdings könne es zu Problemen kommen. NRW-Umweltminister Remmel betonte gestern, dass man Belgien Hilfe anbieten und konstruktiv gemeinsam an der Versorgungssicherheit arbeiten wolle.

Welche Rolle spielt Atomstrom zurzeit in Belgien?

Belgien betreibt die sieben Atommeiler an den Standorten Doel und Tihange und verfügte jahrelang weltweit über den zweithöchsten Anteil an Atomenergie in seinem Energiemix. An erster Stelle steht Frankreich. 2011 waren es in Belgien noch 54 Prozent. Die Produktivität seiner Atomkraftwerke nimmt laut dem World Nuclear Industry Status Report seit 1999 ab. Aufgrund der technischen Probleme sank der Anteil von Atomstrom im belgischen Energiemix demnach im Jahr 2014 auf 47,5 Prozent, 2015 auf 37,5 Prozent. Das ist darauf zurückzuführen, dass nicht immer alle Meiler am Netz waren.

Was leisten die sieben Meiler?

Doel 1 und Doel 2 leisten 433 Megawatt und gingen 1975 ans Netz. Es folgten 1982 der Reaktor Doel 3 mit 1006 Megawatt und 1985 der Reaktor Doel 4 mit 1039 Megawatt Leistung. Die Anlage Tihange 1 leistet 962 Megawatt und ging als erste 1975 ans Netz. 1983 gingen der Reaktor Tihange 2 mit 1008 Megawatt und 1985 der Reaktor Tihange 3 mit 1046 Megawatt Leistung ans Netz.

Wie wichtig sind die Rissreaktoren Tihange 2 und Doel 3?

Als die beiden Meiler von März 2014 bis November 2015 aufgrund von Sicherheitsbedenken der Atomaufsichtsbehörde FANC nicht am Netz waren, hat es keine Stromausfälle in Belgien gegeben. Auch danach waren die beiden Blöcke nicht immer in Betrieb, wie die Analyse zeigt. „Da es nicht zu massiven dauerhaften Stromabschaltungen in Belgien gekommen ist, deutet dies darauf hin, dass in vielen Situationen nicht die vollständige Erzeugungskapazität aus Kernenergie notwendig war, um die Versorgungssicherheit aufrecht zu erhalten“, schreiben Ritzau und Moser dazu.

Was passiert laut Studie, sollten Tihange 2 und Doel 3 abgeschaltet werden?

Sollten die umstrittenen Blöcke bis 2020 vom Netz gehen, sei die Situation beherrschbar. Ritzau und Moser setzen allerdings voraus, dass mehr Gaskraftwerke in Belgien gebaut werden. Außerdem gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die erste geplante Netzverbindung zwischen Belgien und Deutschland dann besteht. Überschüssiger Strom aus Deutschland könnte dann nach Belgien fließen – der Austausch ist aber auch in die andere Richtung möglich. Das kann auch für Belgien ein wirtschaftlicher Anreiz sein.

Wann soll es die Netzverbindung zwischen Belgien und Deutschland geben?

Der deutsche Betreiber Amprion und der belgische Übertragungsnetzbetreiber Elia planen den Bau einer 100 Kilometer langen Stromverbindung zwischen Deutschland und Belgien. „Alegro“ („Aachen Lüttich Electricity Grid Overlay“) soll Niederzier-Oberzier mit dem belgischen Lixhe bei Visé verbinden. Die Kapazität soll laut Amprion bei 1000 Megawatt liegen. Nach Angaben des Betreibers soll im April das Planfeststellungsverfahren bei der Bezirksregierung in Köln beantragt werden. Dieses werde sicherlich bis 2018 dauern, sagt Amprion-Sprecherin Joelle Bouillon. Der Baubeginn soll frühestens 2019 sein. „Alegro“ soll 2020 in Betrieb gehen. Geplant sind Erdkabel.

Wie sehen weitere in der Studie durchgespielte Szenarien aus?

Unter den genannten Prämissen sei ein kompletter Ausstieg aus der Atomenergie im Jahr 2020 nicht möglich, weil die Netzkapazität nicht ausreichen würden, um ausreichend Strom nach Belgien zu importieren, erklären Ritzau und Moser. Ein vorzeitiger Ausstieg aus der Atomenergie ist in Belgien allerdings auch nicht geplant. Das Szenario ist also eher zu vernachlässigen. Belgien will zurzeit 2025 aus der Atomenergie aussteigen.

Ist das Land laut Studie denn für den Atomausstieg 2025 gewappnet?

Ja, sagen Ritzau und Moser. Allerdings gehe dies nicht „über Nacht“ und außerdem erfordere der Atomausstieg Anstrengungen seitens der belgischen Politik. Denn: „In extremen Stresssituationen sind alle Systemreserven ausgereizt“, erklären die Experten. Alle Reserven müssten mobilisiert werden und „partielle Gegenmaßnahmen“ seien zwingend erforderlich.

Was sind solche Gegenmaßnahmen?

Neben der bereits geplanten Netzverbindung „Alegro“ müsse es eine zweite Stromleitung zwischen Deutschland und Belgien geben – bis 2025 mit einer Kapazität von 2000 Megawatt. Den benötige man dringend, betonte NRW-Umweltminister Remmel. Die Landesregierung wolle dies nun möglichst schnell in die Bundesnetzplanung geben. Solch ein Planungsverfahren dauert üblicherweise einige Jahre und muss verschiedene Hürden nehmen. Über eine mögliche Trassenführung lässt sich noch nichts sagen. Die Macher der Studie gehen von einer hohen Auslastung einer möglichen zweiten Verbindung aus. Europäische Gaskraftwerke könnten helfen, einen Großteil des Bedarfs an Strom zu decken. Die Gutachter empfehlen explizit die Reaktivierung des derzeit stillgelegten niederländischen Gaskraftwerks Claus C als zusätzliches Reservekraftwerk für Belgien. Auch hierfür wäre eine neue Stromnetzverbindung zwischen Belgien und den Niederlanden nötig.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert