Rohrreiniger-Attacken auf Spielplätzen: Westpark-Täter gefasst

Von: Stephan Mohne und Matthias Hinrichs
Letzte Aktualisierung:
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Nur wenige Stunden nach der Veröffentlichung der Fotos des mutmaßlichen Täters - hier die von uns nachträglich verpixelte Version - meldete die Polizei die Festnahme eines Vedächtigen. Foto: Polizei Aachen
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Gefahr gebannt: Kurz nach der Veröffentlichung der Fahndungsfotos vom Tatort hat ein 53-Jähriger gestanden, Rohrreiniger im Westpark verstreut zu haben, wie die AZ erfuhr. Wahrscheinlich ist, dass er auch für die Taten an zwei Grillplätzen im Aachener Wald verantwortlich ist. Foto: Harald Krömer, Ralf Roeger
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Gefahr gebannt: Kurz nach der Veröffentlichung der Fahndungsfotos vom Tatort hat ein 53-Jähriger gestanden, Rohrreiniger im Westpark verstreut zu haben, wie die AZ erfuhr. Wahrscheinlich ist, dass er auch für die Taten an zwei Grillplätzen im Aachener Wald verantwortlich ist. Foto: Harald Krömer, Ralf Roeger
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Hinweis auf ein mögliches Motiv? Dieser kinderfeindliche Aufkleber prangt am Spielplatz an der Lochnerstraße, der Ziel einer Giftattacke war. Foto: Andreas Steindl
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Dort – wie an vielen anderen Spielplätzen – fuhr die Polizei verstärkt Streife. Foto: Andreas Steindl Foto: Andreas Steindl

Aachen. „Hoffentlich schnappt die Polizei den bald. Das ist ja alles kaum zu fassen“, sagt der Angestellte einer Tankstelle an der Ecke Junker-/Gartenstraße. Da kann er noch nicht wissen, dass die Polizei kurze Zeit später nur wenige Meter entfernt tatsächlich zugreift.

Es ist gegen halb zwei an diesem Mittwochmittag, als die Kripo in einem großen Mehrfamilienhaus an der Gartenstraße vorstellig wird. Die Beamten gehören zum Kriminalkommissariat 11, das sich unter anderem mit Mord und Totschlag befasst. In dem Haus hoffen sie, einen 53-Jährigen anzutreffen.

Es besteht der Verdacht, dass es sich bei ihm um den Täter handeln könnte, der seit Monaten mehrfach ätzenden Rohrreiniger auf Spielplätzen und Sitzbänken im Westpark verteilt hat – der Mann wird die Vorwürfe nach AZ-Recherchen wenig später einräumen. Seine Wohnung liegt in unmittelbarer Nähe des Parks. In den Ermittlungsakten steht der Vorwurf „versuchtes Tötungsdelikt“.

Und zwar deshalb, weil Rohrreiniger zum Großteil aus Natriumhydroxid – auch Ätznatron genannt – besteht. Nehmen insbesondere kleine Kinder diese Chemikalie mit dem Mund auf, können sie schwere Verletzungen oder sogar den Tod erleiden. Tatsächlich hatten sich im Juni mehrere Kinder im Westpark an den weißen Kügelchen, die wie eine Süßigkeit aussehen, verletzt. Zum Glück blieb es jedoch bei leichten Hautverletzungen. Die besagte Chemikalie wirkt – insbesondere in Kombination mit Wasser – stark ätzend.

Eigene Mordkommission gebildet

Zunächst hatte die Polizei wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt, dann jedoch den Tatvorwurf verschärft, wobei die Staatsanwaltschaft bei derlei Kapitalverbrechen die Federführung übernimmt. Im Präsidium wurde eigens die Mordkommission „Westpark“ gebildet.

Doch zunächst liefen die Ermittlungen ins Leere. Auch die Auslobung einer Belohnung von 3000 Euro brachte keine entscheidenden Hinweise. Brauchbare Zeugenaussagen blieben Mangelware, obwohl einmal sogar am helllichten Tag im Westpark Rohrreiniger auf den Sitzbänken am großen Teich verteilt worden war, die daraufhin abgebaut werden mussten.

Spezialeinheit führt zum Erfolg

Das bedeutet aber nicht, dass die Kripo nun der Dinge harrte, die da kommen mochten. Was nämlich sowohl der Öffentlichkeit als natürlich auch dem Täter verborgen blieb: In den betroffenen Bereichen wurden aufgrund der Schwere der Tatvorwürfe und der Gefahren durch weitere mögliche Chemieattacken Kameras installiert. Sie wurden dem Vernehmen nach von Experten einer Spezialeinheit montiert und können Videoaufzeichnungen in sehr guter Qualität liefern.

Das beweist sich kurz darauf, nachdem der Täter – möglicherweise wegen der hohen öffentlichen Aufmerksamkeit – wochenlang stillgehalten hatte. Als er am vergangenen Wochenende seine jüngste Tat begeht, ist es noch dunkel. Die Kameras liefern dennoch hervorragende Bilder. Auf dem Filmmaterial ist der Täter außergewöhnlich scharf zu erkennen. Und er tut das, was er bereits mehrfach getan hat: Er verteilt Rohrreiniger. Endlich hat die Kripo eine brauchbare Spur.

Zunächst wird im Umfeld der Tatorte ermittelt. Im Westpark werden Spaziergänger befragt, ob sie den Mann kennen. In allen Fällen lautet die Antwort jedoch nein. Auch in besagter Tankstelle werden Fotos vom Täter gezeigt. Doch auch da ist der Mann unbekannt. Weil die ersten Aktionen nicht fruchten, entschließt sich die Kripo zur Öffentlichkeitsfahndung – das heißt zur Weitergabe insbesondere an Medien.

Nachdem es dazu das nötige richterliche Plazet gegeben hat, werden die Fotos schließlich um kurz nach 11Uhr an diesem Mittwoch veröffentlicht. Und dann geht es schnell. Schon kurz nach der Veröffentlichung auch auf der Internetseite unserer Zeitung melden sich mehrere Zeugen aus dem Umfeld des Westparks bei der Kripo, die sich sicher sind zu wissen, um wen es sich da handelt. Die Kripo macht umgehend Nägel mit Köpfen und besorgt sich einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss.

Die Beamten rücken zu dem Haus aus, vor Ort treffen sie auf den 53-Jährigen und durchsuchen seine Wohnung. Ein Volltreffer. Denn sie finden in den Räumen unter den Beweismitteln, die sie sicherstellen, auch besagten Rohrreiniger. Der Verdächtige, bei dem sich die Polizei sicher ist, dass es sich um den Gesuchten handelt, wird ins Präsidium gebracht, wo er die Taten nach AZ-Informationen am Nachmittag in einer ersten Vernehmung gesteht. Heute soll er ausführlich befragt werden. Der Mann ist für die Polizei unterdessen kein Unbekannter. Aufgefallen ist er bislang allerdings nicht durch derart schwere Straftaten. Vielmehr ging es mal um Sachbeschädigung, mal um üble Nachrede, mal um Bedrohung. Heute soll er dem Haftrichter vorgeführt werden.

Zweiter Tatort wirft Fragen auf

Die Mordkommission „Westpark“ ist indes keineswegs am Ende ihrer Arbeit. Einige Fragen sind noch zu klären. Zum Beispiel diese: Ist der Täter derselbe, der kurz vor den ersten Fällen im Westpark an den Grillhütten Adamshäuschen und Karlshöher Hochweg im Stadtwald Rohrreiniger verteilt hat, oder handelt sich um einen Trittbrettfahrer? Realistisch scheint, dass es sich bei beiden Tatorten um einen Täter handelt.

Die im Wald und im Westpark gefundenen und analysierten Substanzen sollen nämlich identischer Zusammensetzung sein. Am Grillplatz Adamshäuschen hatten zwei Kinder die Kügelchen sogar in den Mund genommen und mussten stationär mit Verletzungen im Klinikum behandelt werden. Mehrere weitere Kinder wurden dort leicht verletzt.

Und es steht noch die Frage im Raum, ob der „Rohrreiniger-Täter“ dieselbe Person ist, die seit Mitte 2015 mehrfach Spielgeräte und Sitzbänke auf Spielplätzen im und am Westpark mit Kot beschmierte. Seinerzeit blieben alle Ermittlungen in diesen Fällen, nach denen die Spielplätze durch die Stadt mehrfach gesperrt werden und von den ekelhaften Hinterlassenschaften gereinigt werden mussten, ergebnislos.

Auch das könnte sich im Nachgang nun schnell ändern. Wobei in allen Fällen die Frage nach dem Motiv unter dem Tenor „Wer tut denn bloß so etwas?“ interessant ist. Immerhin wollte hier jemand offenbar Kinder mit voller Absicht verletzten. Dementsprechend wird auch die Frage zu stellen sein, ob es sich bei dem Täter um einen Psychopathen handelt.

Fest steht: Nachdem die Kripo den Mann gefasst hat, wird es im und um den Westpark ein tiefes Aufatmen geben. Denn Kinder können sich wieder gefahrlos und unbeschwert auf „ihren“ Spielplätzen austoben. Das wird im Westpark wohl allerdings frühestens in den Herbstferien wieder der Fall sein. Wenn weitere reinigende Regengüsse niedergegangen sind, werde geprüft, ob der Boden noch kontaminiert ist, hieß es am Mittwoch bei der Stadt. „Wir sind natürlich sehr, sehr erleichtert“, sagte Evelin Wölk vom Presseamt.

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