„Mord mit Aussicht“: Eine Reise ins fiktive Hengasch in der Eifel

Von: Christopher Gerards
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In jeder Eingangssequenz der ARD-Serie „Mord mit Aussicht“ zu sehen: Das Eifelpanorama mit Blick auf das 395-Einwohner-Dorf Mechernich-Kallmuth. Foto: Christopher Gerards
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In Kallmuth in der Eifel liegt das Revier der Polizei Hengasch, zumindest in der ersten Staffel. Robert Ohlert zeigt das Panorama-Bild an der Wand: „St. Georg Kallmuth“ steht dort, in der Sendung ersetzt durch „Hengasch“. Foto: Christopher Gerards
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Die Produzenten fanden die Fassade des Hauses der Familie Nettesheim in Bornheim-Walberberg ziemlich authentisch: grauer Beton, ein netter Vorgarten – der Charme der jungen Bundesrepublik. Foto: Christopher Gerards
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Vom Dreh sieht man in der alten Schule in Bornheim-Hemmerich nicht mehr viel. Immerhin, die Wand ist noch in einer Melange aus Gelb und Grün gestrichen, ein gemütliches Polizeirevier. Im Alltag dient es als Übermittagsbetreuung. Foto: Christopher Gerards
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Das ist Jutta Haas, sie steht vor dem Gasthof Röttgen in Neunkirchen-Seeldscheid. Der Gasthof dient als Kulisse des Hengascher Gasthofs Aubach. Foto: Christopher Gerards

Hengasch. Es gehört einiges dazu, „Mord mit Aussicht“ nicht zu kennen. Im Ersten und auf ihren vielen Ablegern läuft die Fernsehserie ja rauf und runter. Sechs Millionen Menschen sahen im Schnitt die zweite Staffel, am Dienstag beginnt die dritte (ARD, 20.15 Uhr).

Für alle, die nicht zu den sechs Millionen gehören, hier eine Einführung in acht Sekunden: Sophie Haas ist Polizistin und will eigentlich das Morddezernat in Köln leiten, stattdessen muss sie in die Eifel: Hengasch, Kreis Liebernich, schwierige Sache. Die Zuschauer erleben Kapitalverbrechen, vor allem aber subtilen Humor über die Gegend und ihre Bewohner. Gedreht wurde in der Eifel, natürlich, aber nicht nur. Wir haben uns mal umgesehen: im fiktiven Hengasch, dem realen Eifel-Rheinland.

1. Polizeirevier Hengasch I

Robert Ohlerth will eigentlich sein Haus renovieren, und jetzt gerade kocht seine Frau auch noch zu Mittag. Ohlerth hat nicht viel Zeit, aber weil es um „Mord mit Aussicht“ geht, nimmt er sie sich. Er versteht die Sendung ja auch als eine PR-Kampagne für seine Heimat. „Der Reiz der Eifel“ werde deutlich, sagt Ohlerth, 65, und entschuldigt sich bei seiner Frau. Heute isst er später.

Kallmuth, Gemeinde Mechernich, 395 Einwohner, Ackerland, Hügel und Fachwerkhäuser. Robert Ohlerth ist nicht nur der Ortsvorsteher, er ist auch der Mann mit dem Schlüssel zum Bürgerhaus beziehungsweise zum alten Revier der Polizei Hengasch. Je nachdem.

Das Haus, in dem die Ermittler Haas, Schmied und Schäffer in der ersten Staffel das Böse in der Eifel verfolgen, sich wahlweise aber auch zu Tode langweilen, liegt an einer der beiden Bushaltestellen Kallmuths. Früher sind die Kinder aus dem Ort hier zur Schule gegangen, heute ist das Haus so etwas wie der Mittelpunkt der Dorfgemeinschaft. Montags probt der Musikverein, mittwochs der Kirchenchor. Kinderkommunionen, Goldhochzeiten, der Seniorentag. „Und freitags ist Thekenbetrieb“, sagt Robert Ohlerth.

Dass die Polizei Hengasch hier gewesen ist, erkennt nur, wer das Bruchsteinhaus auch im Fernsehen gesehen hat: Das „Polizei“-Schild ist verschwunden, und vor dem Haus steht kein roter BMW, dafür ein Trampolin und zwei Schaukeln – im ersten Stock wohnt eine Familie. Von innen zeigt die Serie eine muffige Wache, gelb-grüne Vorhänge, grüne Wandvertäfelung, rustikale Möbel. Auf einem wandgroßen Panorama-Bild an der Wand prangt: „Hengasch“. Wenn Ohlerth auf die Wand deutet, steht dort: „St. Georg Kallmuth“. Ansonsten ist der Raum heute so gut wie leer, eine Orgel, zwei Tische, gestapelte Stühle, das war‘s. Nichts zu danken, verabschiedet sich Ohlerth und geht in sein Haus.

2. Das Haus von Sophie Haas

„Mord mit Aussicht?“, sagt der Steinmetz in Bornheim-Walberberg. Da müsse man mal rüber zur Familie Nettesheim. Man geht also rüber zur Familie Nettesheim. Man klingelt, aber niemand öffnet, Familie Nettesheim ist nicht da. Pakete solle man bei Hausnummer 18 abgeben, steht auf einem Zettel. Man hat zwar kein Paket, aber man geht einfach mal rüber. Ein grauer Betonklotz, eine alte Klingel, darauf steht: „Zielonka“.

Bornheim-Walberberg, knapp 4800 Einwohner, gelegen an der A 553, irgendwo zwischen Köln und Bonn. Es gibt eine große und sehr viele Seitenstraßen, in der Mitte liegen ein paar Geschäfte und die Häuser eng beisammen. Sophie Haas, die Ermittlerin, wohnt ja in ihrer ersten Zeit in Hengasch mit ihrem Vater zusammen in einem Forsthaus. Dann entsteht Ärger, und Sophie Haas zieht ins Haus ihres Vorgängers als Polizeichef: Hans Zielonka.

Am Abend ist Familie Nettesheim wieder zu Hause. Ach, die Klingel, sagt Konrad Nettesheim. „Stört mich gar nicht“, sagt er, deshalb hat er das Schild nicht geändert. Nettesheim, 56, ist einer der Vermieter, das Haus gehört seiner Familie und wurde 1964 gebaut. Im Erdgeschoss wohnt seine Mutter, die Etage oben steht leer. Mieter? Nein danke, sagt Konrad Nettesheim, „ich hab‘ keine Lust auf Stress“.

Wer sich fragt, warum „Mord mit Aussicht“ hier spielt, der muss nur mal mit Konrad und Anneliese Nettesheim das graue Haus mit der Nummer 18 betreten. Die Treppe ist mit weiß-schwarzen Marmorplatten ausgelegt, an der Wand hängen grüne Blumenmuster, und nach draußen blickt man durch bunte Scheiben – der Charme der jungen Bundesrepublik. „Alles ist sehr authentisch“, sagt Anneliese Konrad.

Wenn die Produktionsfirma fährt, leert sich auch das Obergeschoss, die Nettesheims haben nur ein Bett und alte Möbel in der Wohnung. Auch das Zimmer, in dem Sophie Haas schon von ihrer Schwangerschaft geträumt hat, steht vollkommen leer: Parkettboden, weiße Gardinen und braune Vorhänge; an der Wand klebt orange-weiß-grau gemusterte Tapete.

„Und hier war mal ‘ne Küche aufgebaut“, sagt Nettesheim, aber auch dieser Raum steht heute leer.

3. Polizeirevier Hengasch II

Wer nach Bornheim-Hemmerich fährt, sollte das mit dem Auto oder dem Pedelec tun, jedenfalls mit irgendetwas Motorisiertem, zwölf Prozent Steigung steht auf einem Schild des 1500-Einwohner-Ortes. Wer oben ist, blickt auf ein Industriegebiet im Kölner Süden, willkommen im Vorgebirge!

„Die Eifel ist hierhin verlegt worden“, sagt Gisela Heyne-Pietsch­mann, 58, und das Revier der Polizei Hengasch ab der zweiten Staffel ja auch.

Heyne-Pietschmann leitet die OGS der Marktschule in Rösberg, und weil die Marktschule in Rösberg über keine ausreichend große Mensa verfügt, kommen die Kinder zum Essen in die alte Schule nach Hemmerich. Normalerweise von zwölf bis zwei, in den Ferien ganztags. Natürlich kann sie etwas über „Mord mit Aussicht“ erzählen, sagt Heyne-Pietschmann und geht vor.

Seit der zweiten Staffel ist dies also das Revier der Polizei Hengasch: an der Fassade Back- statt Bruchsteine, doch von innen sieht es in der Sendung beinahe genauso aus wie in Kallmuth, nur dass Haas, Schmied und Schäffer das Revier durch eine Tür von rechts betreten.

Im Türrahmen steht jetzt Gisela Heyne-Pietschmann und blickt auf ihre Schüler, die malen, lesen und mit Spielzeugen befasst sind. Der Dreh der dritten Staffel liegt noch nicht weit zurück, 5. Mai bis 20. Juni, so steht es in Heyne-Pietsch­manns Kalender. Trotzdem sieht alles wieder nach Klassenzimmer aus: Im Raum stehen kleine rote Stühle, und wo in der Sendung das Hengasch-Panorama an der Wand klebt, hängt jetzt eine bunt bemalte Tafel. „Die grässliche gelb-grüne Farbe an der Wand ist aber noch vom Film“, sagt Heyne-Pietschmann und deutet auf die grässliche gelb-grüne Farbe an der Wand.

4. Der Gasthof Aubach

Es ist nicht so, dass es bei Haas jetzt „Hengascher Wurstplatten“ für 13,80 Euro gäbe, aber panierte Schnitzel gibt’s bei Haas, und seit Haas ein Mal panierte Schnitzel fürs Fernsehen gekocht haben, kommen auch Fan-Clubs und bestellen panierte Schnitzel. Zum Beispiel vorigen Sonntagnachmittag, sagt Jutta Haas, 56. Den Gasthof Röttgen betreibt sie mit ihrem Mann Klaus, 60, und wenn das Fernsehen da ist, dann steht nicht „Gasthof Röttgen“ über der Eingangstür. Dann steht dort „Gasthof Aubach“.

Neunkirchen-Seelscheid liegt nicht in der Eifel, es liegt eine halbe Stunde östlich von Bonn, 20.000 Menschen leben hier. An den Häusern hängen Schieferplatten und grüne Fensterläden, insgesamt sieht es sehr nach dem Bergischen aus.

Der Gasthof Röttgen sieht nicht wirklich nach dem Bergischen aus, ein Fachwerkhaus, das genauso gut in Monschau stehen könnte. Das Haus liegt etwas versteckt, man fährt eine Seitenstraße hinab und durch einige Kurven, Tempo 30. Wer es betritt, sieht an einer Wand Autogramme der „Mord mit Aussicht“-Schauspieler, noch im Juni wurde hier die dritte Staffel gedreht. Der Boden des Gasthofs ist aus Holz, die Theke ist aus Holz, Tische und Stühle sind ebenfalls aus Holz; es ist rustikal, aber es hat Charme.

In der Sendung lassen die Menschen aus Hengasch im „Gasthof Aubach“ ihren Tag ausklingen, gerne auch mit „Eifeler Pils“. Der „Gasthof Röttgen“ wirbt dagegen damit, Kölsch auszuschenken. Und wer die Speisekarte liest, würde sie am ehesten „gutbürgerlich“ nennen: Es gibt zwar keine Wurstplatte, dafür Sauerbraten, Poulardenbrust, und Schweinerückensteaks. Schnitzel kostet 22,50 Euro, Beilage inklusive.

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