In vielen Regionen herrscht Pflegeeltern-Notstand

Von: Christoph Pauli
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Stabile Beziehungen: das ist das Ziel, wenn Kinder in Pflegeverhältnisse kommen. Foto: Imago/Westend 61
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Die Lage in der Städteregion ist entspannt: Marianne Werden-Bergs, Leiterin der sozialen Dienste. Foto: Pauli

Aachen. Das Ergebnis der Umfrage ist durchaus alarmierend. Es herrscht Notstand. Pflegeeltern-Notstand. Der Landschaftsverband hat sich bei den Jugendämtern umgehört, die Antwort ist besorgniserregend. Nur eine von drei Kommunen hat genügend Interessenten, die sich um Kinder kümmern würden. Die Situation spitzt sich zu.

Auch Joachim Siebmanns, stellvertretender Leiter des Kreisjugendamtes Heinsberg, bekräftigt, dass man gerne mehr Auswahl für mögliche Pflegeeltern hätte. Das Kreisjugendamt, zuständig für die Städte Übach-Palenberg, Wassenberg und Wegberg sowie die Gemeinden Gangelt, Selfkant und Waldfeucht, betreut etwa 150 Pflegekinder. Geworben wird bei Infoveranstaltungen, auf der Homepage oder durch Flyer. Noch schwieriger sei es, sagt Siebmanns, Familien zu finden, die kurzfristig Kinder befristet für maximal ein halbes Jahr aufnehmen.

Voraussetzung für solche Pflegeverhältnisse sind weiche Faktoren wie Einfühlungsvermögen oder auch die Fähigkeit, Konflikte zu lösen. Im polizeilichen Führungszeugnis dürfen keine Einträge wegen Missbrauchs stehen, der eigene Lebensunterhalt muss zwingend ohne das Pflegegeld (siehe Kasten) möglich sein. Das Suchtkranke nicht in Frage kommen, ergibt sich von selbst. Die Jugendämter überprüfen die Eignung. „Die Familien werden gläsern“, sagt Terodde, sie müssen nicht nur Einblick in ihr Leben gewähren, sie müssen auch akzeptieren, dass die Behörden regelmäßig vorbeischauen und sich bei Bedarf auch einmischen.

Dabei ist der Begriff der „Pflegeeltern“ längst ein Anachronismus. Die Jugendämter akzeptieren auch gleichgeschlechtliche Paare, und auch Alleinerziehende sind willkommen, sagt Terodde. Nach einem Urteil des Amtsgerichts München sind miteinander verpartnerte homosexuelle Paare seit dem 5. August 2016 berechtigt, als Pflegeeltern die Vormundschaft für Kinder und Jugendliche auch gemeinsam auszuüben; bis zu diesem Zeitpunkt hatte eine gesetzliche Regelungslücke bestanden und dies verhindert.

„Wir suchen gestandene Personen“, sagt Siebmanns. Eine Schulung vorab ist ebenso Pflicht wie eine Reifeprüfung. „Man muss sich qualifizieren.“ Später gibt es Weiterbildungsangebote über die Pubertät, ADHS oder auch Autismus. Mindestens zweimal im Jahr schaut das Jugendamt bei den Kindern vorbei, konkrete Ziele werden vereinbart.

Die Länge der Pflegezeit ist durchaus unterschiedlich. „Ein sensibler Zeitpunkt ist die Pubertät, da zerbrechen Verhältnisse häufiger.“ Es sind Partnerschaften auf Zeit, eher selten mündet die Zeit in eine Adoption.

Interessenten haben natürlich Einfluss darauf, wen sie in ihre Familien aufnehmen, „auch wenn es keinen Laufsteg mit den Kindern gibt“, sagt Siebmanns. Die potenziellen Begleiter definieren ihre Ideen, auch ihre Grenzen. In den Jugendämtern kommt es zum „Matching“, zur fachlichen Beurteilung. Die größte Schnittmenge zwischen den Erfordernissen der Kinder und den Möglichkeiten der Pflegeeltern wird gesucht. Es folgen mehrere Kennenlerntermine.

Gegen den Trend sind die Zahlen in der Städteregion. „Wir sind bei diesem Thema entspannt“, sagt die Leiterin der sozialen Dienste, Marianne Werden-Bergs. 156 Kinder sind derzeit in Pflegefamilien untergebracht, die Bereitschaft ist ausgeprägt. Die Leiterin führt das zum einen auf die kontinuierliche Arbeit des Pflegekinderdienstes zurück. Zum einen gehören zur Städteregion auch Gemeinden wie Baesweiler, Monschau, Roetgen oder auch Simmerath. Und in den Dörfern ist die Bereitschaft, Kinder auszunehmen ausgeprägter, auch, weil mehr Wohnraum zur Verfügung steht. „Es gibt bei diesem Thema ein deutliches Stadt-Land-Gefälle“, sagt auch Terodde.

Interessenten werden ausgiebig geschult, selbst für Verwandte gibt es Angebote. Es gibt Seminare, Mütter- und Vätertage, engmaschig werden die Interessenten begleitet. „Das zahlt sich am Ende aus“, sagt Marianne Werden-Bergs. Die Eltern erfahren auch, dass die Kinder aus schwierigen Verhältnissen kommen, dass Drogen- und Alkoholkonsum eine Rolle gespielt haben, dass Spätfolgen nicht ausgeschlossen sind. Viele Kinder sind traumatisiert und entwicklungsverzögert. Fast alle werden von den Jugendämtern therapeutisch begleitet. Etwa zehn Prozent der Pflegeverhältnisse enden ungeplant vorzeitig. Das liegt auch daran, dass zunehmend mehr Eltern, zum Teil auch mit Hilfe der Familiengerichte, auf Rückführung drängen oder für die untergebrachten Kinder eine andere Perspektive gesucht werden muss.

Das beobachtet auch Jennifer Vetter, die Leiterin der sozialen Dienste der Stadt Düren. Die Arbeit erfordert einen Spagat zwischen Eltern- und Kinderrecht. Die Jugendämter sind nicht nur gehalten, die Kinder zu begleiten. Auch in den abgebenden Familien sollen sie mithelfen, die Verhältnisse so zu verbessern, damit die Kinder zurückkehren können. Der Gesetzgeber sieht dafür „einen vertretbaren Zeitraum vor, um die Entwicklung des Kindes nicht zu gefährden“. Das bleibt vage, Gerichtsverfahren mit immer neuen Gutachtern ziehen sich hin. Die von vielen Experten angestrebte Novelle des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (Sozialgesetzbuch 8) wird gerade im Bundesrat diskutiert. Kinder mit ungeklärter juristischer Perspektive lassen sich nicht so schnell unterbringen, bedauert Vetter. Von einem Pflegeeltern-Notstand will sie in Düren nicht sprechen. „Wir haben einen guten Pool für Kurz- und Langzeitbetreuung aufgebaut.“

Als vor zwei Jahren viele Flüchtlinge ins Land reisten, war die Bereitschaft zur Aufnahme von jungen, auf sich alleingestellten Menschen, ausgeprägt. „Nach den Ereignissen in der Silvesternacht von Köln, ist die Zahl der möglichen Pflegeeltern deutlich zurückgegangen“, sagt Terodde. Die Übergriffe von Hunderten Nordafrikanern haben Auswirkungen für die nächste Generation. Auch in der Städteregion hatte sich man vor zwei Jahren auf einen Ansturm vorbereitet. Es gab eine große Bereitschaft, unbegleitete, minderjährige Ausländer aufzunehmen, doch die Überlegungen der Fachkräfte ließen sich nicht immer umsetzen. Zum einen wollten viele Flüchtlinge in ihren Gruppen bleiben, zum anderen waren auch die kulturellen Unterschiede schon gewaltig. Derzeit betreut das Jugendamt der Städteregion noch 45 unbegleitete Flüchtlinge.

In Aachen sind in diesem Jahr die Kurse für interessierte Pflegeeltern mangels Nachfrage nicht zustande gekommen. Die Teamleiterin des Pflegekinderdienstes, Brigitte Büngeler-Schultheiß, mag die Situation nicht dramatisieren, „aber wir hätten natürlich gerne mehr Auswahl“. In der Stadt gibt es – Stand Ende 2015 – etwa 220 Pflegeverhältnisse. In vielen Fällen springen Verwandte ein, wenn die leiblichen Eltern überfordert sind. Offene Pflegestellen gibt es derzeit nur drei. Bei weiterem Bedarf greift die Kommune gerne auf Nachbargemeinden zurück. Die Pflegeverhältnisse werden langfristig angelegt, im besten Fall bis das Kind die Volljährigkeit erreicht. „Das Bedürfnis nach einer stabilen Beziehung ist genauso stark wie das Bedürfnis nach Nahrung“, sagt Büngeler-Schultheiß. Eher selten wird eine Beziehung vorzeitig abgebrochen. „Wir gucken vorher genau hin.“ Das Pflegeeltern dennoch mit schwierigen vorgeschädigten Kindern überfordert sind, ist Alltag. „Man kann nur den Hut ziehen, was viele Eltern leisten.“

„Eine Bereicherung“

Die Motive von möglichen Pflegeeltern sind unterschiedlich. Mal geht der eigene Kinderwunsch nicht in Erfüllung, kommt eine Adoption nicht in Frage. „Manche möchten auch einfach helfen und nehmen gerne Kinder auf“, sagt Werden-Bergs. Ihre Kollegin aus Aachen fügt an: „Für viele Eltern ist das Kind eine Bereicherung. Es macht Spaß sie auf ihrem Lebensweg zu begleiten.“

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