AachenKleine Solaranlagen

Warum der Präsident der Handwerkskammer Balkonkraftwerke gefährlich findet

Balkonkraftwerke sind beliebt, sie werden häufig gefördert, und sie helfen beim Stromsparen. Aber geht von den Mini-Solaranlagen, die an jeder Ecke zu haben sind, möglicherweise eine Gefahr aus?

Balkonkraftwerke erleben gerade einen wahren Boom, vor allem in Städten.
Balkonkraftwerke erleben gerade einen wahren Boom, vor allem in Städten. Foto: dpa

Aachen Sie sind die wohl einfachste und schnellste Form, selbst Strom zu produzieren: Steckerfertige Erzeugungsanlagen, im Volksmund auch Balkonkraftwerke genannt. Aufbauen, einstecken, fertig, so lautet das Motto bei diesen Mini-Solaranlagen.

Den erzeugten Strom speisen die Betreiber nicht ein und erhalten demnach auch keine Einspeisevergütung. Der Eigenverbrauch und damit die Stromrechnung lässt sich mit den Geräten aber spürbar drücken. Und sie kommen auch für Mieter in kleineren Wohnungen in Frage.

Die Geräte sind fast überall zu haben und werden gerade vielerorts besonders gefördert, etwa von der Stadt Aachen und der Städteregion. Was offenbar kaum jemand weiß: Auch Balkonkraftwerke müssen beim Netzbetreiber und der Bundesnetzagentur angemeldet werden.

Warnt vor der leichtfertigen Installation von Balkonkraftwerken: Marco Herwartz, Präsident der Handwerkskammer Aachen.
Warnt vor der leichtfertigen Installation von Balkonkraftwerken: Marco Herwartz, Präsident der Handwerkskammer Aachen. Foto: Harald Krömer

Marco Herwartz, Präsident der Handwerkskammer Aachen, sieht den Umgang mit den elektrischen Minianlagen kritisch: „Ein Kunde kann heutzutage durch den Aldi laufen und nimmt zur Dose Ravioli noch ein Balkonkraftwerk mit. Sie glauben doch nicht, dass dieser Kunde daran denkt, dass er sein Gerät im Marktstammdatenregister und beim Netzbetreiber registrieren muss?“

Ralf Schmidt, Leiter Einspeisung beim Netzbetreiber Regionetz, ergänzt: „60 bis 70 Prozent der Käufer melden ihr Balkonkraftwerk nicht an – trotz aller Risiken.“

Risiken? Werden die kleinen Stromerzeuger nicht gerade landauf, landab als Teil der Energiewende verkauft? Plug and Play, einstecken und loslegen? „In meinen Augen muss die Abgabe von Balkonkraftwerken koordiniert werden, und es sollte eine Beratungspflicht durch einen Fachmann eingeführt werden. Wer ein solches Gerät kauft, muss sich anmelden. Und dann muss ein Elektriker entscheiden: Geht oder geht nicht. Eine Plug&Play-Lösung erweckt den Eindruck, dass das jeder nach Belieben anschließen kann. Dabei handelt es sich um eine Anlagenerweiterung, die nach Norm geprüft werden muss“, sagt Herwartz, der selbst einen Elektrobetrieb in Aachen führt.

Laut Herwartz seien in Deutschland fast 80 Prozent der elektrischen Anlagen in Bestandsgebäuden sanierungsbedürftig. In Altbauten finden sich tatsächlich bisweilen noch Stromkreise, die mit einer einzigen Sicherung ausgestattet sind. Der Anschluss eines Balkonkraftwerks mit 600 Watt Leistung an einen solchen Stromkreis könnte zu einem erhöhten Brandrisiko führen.

„Waghalsig“ nennt Herwartz den willkürlichen Verkauf der Minikraftwerke. „Eine elektrische Anlage ist sehr individuell und muss von einem Fachmann für den sicheren Betrieb konzipiert werden. Wenn ich als Laie diese Anlage verändere, muss die Sicherheit weiter gewährleistet sein. Das kann kein Laie!“

Lesen Sie auch:

Der Netzbetreiber Enwor weist in seinem Gebiet (Würselen, Herzogenrath) die Betreiber von Balkonkraftwerken daher darauf hin, einen sogenannten Wieland-Stecker zu verwenden. Dabei handelt es sich um einen umhüllten, dreiadrigen Stecker, der höheren Sicherheitsstandards gerecht wird.

Sie werden immer beliebter: Steckerfertige Erzeugeranlagen, im Volksmund Balkonkraftwerke.
Sie werden immer beliebter: Steckerfertige Erzeugeranlagen, im Volksmund Balkonkraftwerke. Foto: dpa

Der Verband der Elektrotechnik (VDE) spricht sich in einem Positionspapier zwar dafür aus, den gängigen Schuko-Stecker zu dulden, „um die flächendeckende Verwendung von Mini-Energieerzeugungsanlagen zu ermöglichen“. Allerdings schreibt der Verband auch: „Grundsätzlich bevorzugt der VDE die Installation durch das Fachhandwerk, da nur so die Möglichkeit besteht, die Installation auf Tauglichkeit zu prüfen und gegebenenfalls anzupassen.“

Nach Angaben der Verbraucherzentrale ist bisher ist kein Fall von Sachschäden oder verletzten Personen bekannt. Die Verbraucherschützer verweisen allerdings auf den Passus der Installationsnorm, dass „eine Elektrofachkraft die Eignung des Stromkreises für die Einspeisung von Solarstrom prüft“.

Verband will Transparenz der Hersteller

Lesen Sie auch:Lesen Sie auch:

Der VDE fordert in seinem Positionspapier die Hersteller auf, dass sie „mögliche Risiken transparent aufzeigen“. Auch sollen sie dazu verpflichtet werden, die elektrische Sicherheit der Anlagen zu gewährleisten: „Der VDE empfiehlt die Prüfung von Mini-Energieerzeugungsanlagen durch ein unabhängiges Prüfinstitut.“

Unabhängig davon soll die erlaubte Leistung von Balkonkraftwerken in Deutschland demnächst erhöht werden – von bislang 600 auf 800 Watt. In anderen EU-Ländern liegt die Grenze bereits bei 800 Watt. Der VDE befürwortet die Anhebung, der Bundesverband der Verbraucherzentralen und das Umweltbundesamt unterstützen das Vorhaben ebenfalls. Noch in diesem Jahr soll die Politik darüber entscheiden. In Kürze dürften Balkonkraftwerke in Deutschland also leistungsstärker werden.