Würselen/Aachen: „Zu Hause laufen die Katastrophen ab”

Würselen/Aachen: „Zu Hause laufen die Katastrophen ab”

Maßnahmen für den Kinderschutz kann es nicht genug geben. „Grundsätzlich begrüßen wir das”, betont Dr. Anton Gülpen. Der Kinderarzt ist Vorstandsvorsitzender des Ortsverbands Alsdorf-Herzogenrath-Würselen des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB).

Er unterstreicht, dass alle Aktionen in diese Richtung „positiv zu sehen” seien. Doch die jetzt eröffneten „Schutzhütten” - die erste wurde in der Buchhandlung Schillings an der Kaiserstraße mit dem entsprechenden Aufkleber gekennzeichnet - sind für Gülpen „nur ein Stein im Mosaik der notwendigen Maßnahmen”.

„Prinzipiell völlig in Ordnung”, versteht auch Andrea Weyer, Geschäftsführerin des DKSB-Ortsverbands Aachen, diese Idee. „Es müsste aber eine Kampagne gestartet werden, in der etwa die ganze Straße als kinderfreundliche Zone herausgestellt wird.”

Und noch mehr Kritik gibt es: So werbe der Flyer des Vereins „Schutzhütte” bei Geschäftinhabern: „Nehmen Sie die Kinder auf und bieten Sie Hilfe an.” Für Andrea Weyer hört sich diese Aufforderung aber „nach mehr an”. Sie impliziere eine Arbeit mit den hilfesuchenden Kindern, „die nur ausgebildeten Leuten vorbehalten sein sollte”, wie Dr. Gülpen ergänzt.

„Wenn Kinder beklaut werden”, nennt Ulla Wessels, Geschäftsführerin des DKSB-Ortsverbandes Alsdorf-Herzogenrath-Würselen, ein Beispiel, „haben sie Angst. Es fällt ihnen schwer, sich zu öffnen, auch zu Hause. Da ist es keine Lösung zu glauben, dass Kinder in Geschäften wildfremde Menschen ansprechen.”

Hinzu komme, dass Kindern vermittelt werden müsse, „dass sie jeden ansprechen können und nicht nur Hilfe bei entsprechend gekennzeichneten Institutionen bekommen”, betont Andrea Weyer. Dies aber könnten Kindern nun glauben, „kindliche Logik funktioniert oft so”.

„Was mich ärgert ist, dass sich jetzt, wo wir angefangen haben, die Leute äußern und sich nicht vorher gemeldet haben”, sagt Josef Kunze, Vorsitzender des Vereins „Schutzhütte”. Mit der Kinder- und Jugendpsychologin Viola Rückforth habe man eine Unterstützerin, die den Verein „intensiv begleitet”.

Das Konzept habe der Verein „mit Polizei, Jugendamt und der Opferschutzorganisation ,Weißer Ring” besprochen”. Alle Mitglieder würden im Vorfeld geschult, „ein polizeiliches Führungszeugnis muss zudem vorgelegt werden”, erläutert Josef Kunze. „Es geht nicht darum, Ängste zu streuen, sondern bei der Planung eines Schulwegs Punkte zu benennen, an denen Kinder ganz sicher Hilfe bekommen.

Selbstverständlich können sie auch andere Menschen ansprechen, aber dort können sie sicher sein, dass es funktioniert.” Aus dem Bekanntenkreis wisse er, dass nicht automatisch Hilfe folgt, wenn ein Kind danach fragt: „Das ist Theorie, in der Praxis sieht das anders aus.”

Und Vorschläge wie von Andrea Weyer, ganze Straßenzüge zu kinderfreundlichen Zonen zu erklären, findet Kunze „eine schöne Idee, aber wie lange hält das vor? Die Schutzhütten sollen eine dauerhafte Einrichtung sein.”

Das öffentliche Bewusstsein zu wecken, sei richtig, sind sich die Mitarbeiter des DKSB einig. Sie möchten den Blick aber auch auf eine andere Tatsache lenken: häusliche Gewalt. „Dort liegt die größte Gefährdung für Kinder,” sagt Gülpen, „dort laufen die Katastrophen ab.”

Die Kriminalstatistik 2011 registriert bundesweit 4100 Fälle von Kindesmisshandlung. 146 Kinder, 114 unter sechs Jahren, wurden durch Gewalt oder Vernachlässigung getötet. Hinzu kommen 12 440 registrierte Fälle sexuellen Missbrauchs, die Dunkelziffer sie ein Vielfaches höher, sagen die Experten.

Hier müsse angesetzt werden: durch Stärkung von Eltern - unter anderem in ihrer Erziehungskompetenz - und Kindern. „Jede Mutter hat mal Probleme oder kommt an den Punkt, an dem sie verzweifelt”, sagt Andrea Weyer.

Aufklärungsarbeit, Enttabuisierung, Sicherheit für beide Seiten sind die Ziele, die der DKSB verfolgt. Dass mit den Maßnahmen des Vereins „Schutzhütte” das Thema in die Köpfe der Menschen geholt wird, sei wichtig und richtig, „aber es darf nicht verschleiert werden, dass Gewalt an Kindern und Jugendlichen vor allem zu Hause passiert”, sagt Wessels: „Als Lobby für Kinder freuen wir uns, mit möglichst vielen Menschen in Kinderschutz-Fragen zu kooperieren.”