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Nordkreis: Zivildienst ist bereits ein Auslaufmodell

Nordkreis : Zivildienst ist bereits ein Auslaufmodell

„Auf die Zivildienstleistenden will ich nicht verzichten. Die sind alle immer so nett.” Hildegard Zimmermann, Bewohnerin des Senioren- und Sozialzentrums der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Merkstein, mag sich ihr Leben ohne die jungen Kriegsdienstverweigerer kaum noch vorstellen.

Ohne Kriegsdienstverweigerer wie Simon Kluge beispielsweise. Der 20-Jährige, seit fünf Monaten Zivi im Sozialen Dienst der AWO-Einrichtung, kümmert sich um Hildegard Zimmermann.

Morgens die Fahrt zum Arzt, vor dem Mittagessen ein kleiner Spaziergang, nachmittags ein kleiner Plausch. Simon Kluge erledigt die kleinen Dinge am Rande des professionellen Betriebsablaufes im AWO-Zentrum. Die kleinen Dinge, die für Frau Zimmermann und ihre 102 Mitbewohner von großem Wert sind. Doch damit könnte bald Schluss sein.

Die Zeit danach

Wenn die Wehrpflicht fällt - was den Bundeswehr-Reformplänen von Verteidigungsminister Peter Struck zufolge immer wahrscheinlicher ist und bis 2010 passieren könnte - wird nämlich auch der zivile Ersatzdienst abgeschafft. Und Bundesfamilienministerin Renate Schmidt hat bereits ein Expertenpapier mit dem Titel „Perspektiven für Freiwilligendienste und Zivildienst in Deutschland” anfertigen lassen - für die Zeit danach.

Bereits von Oktober an soll die Dienstzeit der Zivis von zehn auf neun Monate verkürzt und somit der Bundeswehrzeit gleichgestellt werden. Große Wohlfahrtskonzerne wie die AWO bekommen somit im Herbst einen weiteren Vorgeschmack darauf, wie das Leben und Arbeiten in der Zivi-losen Zukunft aussehen wird.

Dienstzeiten immer kürzer

Bereits jetzt gehören die Ersatzdienstler zu einer aussterbenden Spezies im deutschen Sozialwesen: Von rund 160.000 Planstellen kann über ein Drittel nicht mehr besetzt werden, weil die Dienstzeiten in den vergangenen Jahren kontinuierlich verkürzt wurden. Im Senioren- und Sozialzentrum Merkstein, dessen Träger der AWO-Verband Mittelrhein ist, sind die Zahlen noch drastischer.

„Wir haben 16 freie Zivi-Stellen, von denen gerade einmal fünf besetzt sind”, bestätigt Einrichtungsleiter Lothar Cecharowski. Beim Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt gibt es überhaupt keinen Zivi mehr. „1992 waren es noch 20 in der mobilen Pflege. Jetzt können wir viele Dienste nicht mehr anbieten. Das schmerzt uns”, klagt Geschäftsführerin Dorle Schmitz.

Aber auch Heimleiter Lothar Cecharowski ist nicht glücklich. Weil alle Zivis in ihren Einsatzbereichen mehrere Wochen lang angelernt werden müssen, dazu einen mehrwöchigen offiziellen Ersatzdienst-Lehrgang besuchen, bleibt kaum noch Zeit für effektive Arbeitseinsätze, denn hinzu kommen noch Urlaub und Krankheitszeiten.

„Wird der Dienst nun im Oktober auf neun Monate reduziert, lohnt es sich kaum noch”, kritisiert Cecharowski. Dann sei fraglich, „dass qualitativ das dabei rumkommt, was wir erwarten”.

Und was ist, wenn der Zivildienst ganz abgeschafft wird? „Bewohner und Personal würden das besonders beim Sozialdienst merken”, ist sich Gerlinde Kremers, Leiterin des Pflegebereiches im Merksteiner AWO-Haus, sicher. Und das, obwohl Pläne für die Nach-Zivi-Zeit schon in den Schubladen liegen, wie Cecharowski bestätigt: „Wir überlegen, das Geld, das uns die Zivis kosten, dann in Minijobs zu investieren. Außerdem setzen wir verstärkt auf Freiwillige.”

Fragwürdiges Plichtjahr

Von einem sozialen Pflichtjahr für alle jungen Erwachsenen, wie mehrere Politiker es als Ersatzdienst-Ersatz zurzeit favorisieren, hält er nicht viel. Fraglich sei „die Motivation, mit der die Leute hier dann arbeiten, wie sie mit Bewohnern, Material oder Fahrzeugen umgehen”.

Zivi Simon Kluge hingegen findet ein Pflichtjahr für alle („es muss nichts Soziales sein”) „grundsätzlich richtig”. „Für mich ist der Zivildienst keine Belastung, sondern eine gute berufliche Orientierungsphase.” Auch für Bewohnerin Hildegard Zimmermann steht fest: „Man muss alle zu einem Pflichtdienst heranziehen.” Das Basteln, Musizieren oder Spielen will sie nämlich auch nach dem Ende des Zivildienstes nicht missen müssen.