Würselener mit Grüner Minna auf Weltreise

Einen Traum erfüllt : Mit der Minna von Würselen in die Welt

Als sie nach vier Wochen Fahrt durch China die Grenze zur Mongolei überqueren, steuern Alex Malmendier (72) und Christiane Herweg (68) ihren grünen Transporter zu allererst zu einem Supermarkt.

Ein guter Käse muss her. „In China gibt es so gut wie keine Milchprodukte“, sagt Herweg. Und die vermissen sie zu diesem Zeitpunkt seit einem Monat. Allerdings ist es nicht eine variantenreiche Palette an Käse und Milch, die dem Paar im mongolischen Gemischtwarenladen auffällt – auch nicht das Nationalgetränk Kumys (vergorene Stutenmilch).

Es ist Marmelade aus der Heimat. Aachener Konfitüre, Luftlinie bald 7000 Kilometer von der Heimat entfernt. Eine kleine Anekdote. Eine Randnotiz von abseits der Straße, von der ersten großen Reise mit ihrer Grünen Minna. Was sich nicht wenige Menschen für den Ruhestand vornehmen, meist aber nie in Angriff nehmen – die beiden tun es: Sie bereisen die Welt. In ihrem ganz eigenen Stil.

Es ist eine Frage, die vermutlich jeder ähnlich beantworten würde: Wenn ich Tausende Kilometer auf eigener Achse durch Länder wie Tibeth, Russland oder den Oman führe – welche Attribute müsste mein Fahrzeug mitbringen? Zuverlässigkeit würde wohl als erstes angekreuzt, haltbare Technik wahrscheinlich. Eine gut sortierte Werkzeugabteilung, na klar, und ein Platz zum Schlafen und Essen zubereiten. Etwas Solides, Robustes eben, mit dem man auf sich gestellt in abgeschiedenen Landstrichen zurechtkommen kann. Herweg und Malmendier haben das auch überlegt – und sich auf die Suche nach der Grünen Minna begeben.

Christiane Herweg und Alex Malmendier, im Hintergrund ihre Grüne Minna. Foto: Thomas Vogel

Grüne Minna? Nicht jedem wird der Begriff geläufig sein. Wenn der Volksmund „Grüne Minna“ sagt, meint er einen Gefangenentransporter der Polizei. Fahrzeuge dieser Art sollten per se robust sein. Drei Angebote in Deutschland hatten Herweg und Malmendier ausgemacht, sich die Fahrzeuge in Rostock, Frankfurt und Berlin angeschaut. Der Frankfurter ist es geworden.

Eine Grüne Minna nicht im engen, sondern weiteren Sinne. Es handelt sich um einen Wagen, der einst nicht als Gefangenen-, sondern Mannschaftstransporter im Polizeidienst stand. Keine Ausgeburt an Komfort, kein Bett, keine Küche, eigentlich nur Sitze und Stauraum standen zu Beginn da. Kopfschmerzen hatte den beiden dieser Umstand aber nicht bereitet.

Dem Innenausbau nahm sich Bauingenieur Alex Malmendier selbst an, wie er überhaupt viele Dinge an dem Wagen selbst schraubt. Derzeit erneuert er gerade die Bremsen. Es war ein weiteres Attribut, auf das er Wert legte: kein elektronischer Schnickschnack, alles sollte möglichst auch unterwegs mit einfachen Mitteln zu reparieren sein. Das bringt der Wagen, Baujahr 1992, mit. 2014: Der Umbau ist geschafft, die eigentliche Feuertaufe nach rund 140.000 Kilometer Fahrzeugleben – der Diesel war also gerade eingefahren – vorbereitet. Und die hat es in sich.

Steckengeblieben: In der mongolischen Steppe erhielten Alex Malmendier und Christiane Herweg tatkräftige Unterstützung. Foto: Herweg/Malmendier

Von Deutschland aus geht es los: Österreich, Slovenien, Kroatien, Serbien, Mazedonien, Albanien, Griechenland, Türkei, Iran, Oman, Vereinigte Arabische Emirate, Indien, Nepal, Tibet, China, Mongolei, Russland, Weißrussland, Polen – in dieser Reihenfolge. Und dann wieder nach Hause. „Es ist uns sehr schwer gefallen, zurückzukommen“, sagt Herweg. Eine ganz andere Form des Lebens sei es, unterwegs zu sein. Ganz ohne Termine, dafür voller Begegnungen mit fremden Menschen und fremden Kulturen. „Es ist eine große Freiheit“, sagt sie. Herweg ist anzumerken, dass sie diesen Satz nicht einfach so dahersagt. Fernweh schwingt mit.

Fahren, um zurückzukommen

Auszuwandern, daran haben die beiden aber nie gedacht. „Wir leben sehr gerne in Deutschland“, sagt sie. Es sei die wichtigste Erkenntnis, die sie von ihren Reisen mitgebracht haben: Welch hohen Wert es hat, in einem Rechtsstaat zu leben, in dem es echte Meinungsfreiheit gibt, Grundrechte. In dem man der Polizei vertrauen könne und sich keinem Diktator unterordnen, nicht aufpassen müsse, was man wem erzähle. „Deutschland wird immer unser Zuhause bleiben. Wir werden immer fahren, um zurückzukommen.“

Wie es in anderen Ländern läuft, davon haben die beiden durchaus einen Eindruck bekommen. „Vor der Einreise nach Tibet mussten wir ein Visum beantragen und uns um eine Reiseleitung bemühen“, sagt Malmendier. Mit dem eigenen Auto dürfe man das Land und den großen Nachbarn China sonst nicht bereisen. Alles andere als einfach sei das gewesen, der Hintergrund aber klar: Kontrolle.

„Wir hatten das Glück, einen tibetischen Führer zu haben, der unglaublich viel wusste“, erinnert sich Herweg. Ohne den seien sie aufgeschmissen gewesen. Kein Handyempfang, keine Internetverbindung, die Außenwelt ganz weit weg. Kaum ein Einheimischer spreche Englisch, kein Schild könne man entziffern, Funkstille im Navigationsgerät – deshalb haben die beiden auf allen Touren immer Karten aus Papier an Bord. Schwierig war die Versorgung mit Bargeld. „Wir hatten drei Kreditkarten mit, keine einzige hat funktioniert“, erzählt Herweg. An Bargeld kamen sie nur auf einem Weg: Geld an das chinesische Reisebüro überweisen und vom Führer vor Ort auszahlen lassen.

Mit allem ausgestattet: Die Grüne Minna wurde in Frankfurt erworben und dann sorgfältig ausgebaut. Foto: Herweg/Malmendier

Während vier Wochen Aufenthalt im Iran „haben wir ein ganz anderes Bild von dem Land bekommen, als es die Medien in Deutschland vermitteln“, sagt Malmendier. Unter den ersten Worten, die sie dort hören: „Welcome to Iran! We are happy, you are here“ („Willkommen im Iran! Wir freuen uns, dass Sie hier sind“). Eines Abends parken sie in der Nähe einer Schlosserei, um dort die Nacht in der Minna zu verbringen, als kurze Zeit später jemand gegen die Tür klopft. „Der Besitzer der Schlosserei“, erklärt Herweg. „Er meinte, wir müssten unbedingt mitkommen.“ Kurze Zeit später saßen sie im Haus einer iranischen Familie. Herweg und Malmendier auf Stühlen, drei Generationen aus der Familie davor auf dem Teppich. Einer von ihnen konnte Englisch und alle zusammen haben die beiden ausgequetscht, haben Fragen gestellt wie „Was dürfen Frauen in eurem Land?“ oder „Wie geht ihr mit eurem Alter um?“

Wie Herweg und Malmendier mit ihrem Alter umgehen, lässt sich an der Liste ihrer Reisen ganz gut ablesen – sie genießen es ganz offenbar. 2016 waren sie auf Tour zum Nordkap, wollten Murmansk sehen, mussten wegen einer Verletzung aber abbrechen. In diesem Jahr sind sie im Kaukasus ums Schwarze Meer gefahren, seit gerade einmal vier Wochen wieder zu Hause. Sehr lange aber wird es nicht dauern, bis Hundedame Namkha (tibetisch für „wie der Himmel“) wieder eingeladen wird und der Mercedes-Diesel vorglüht für den nächsten Schwenk.

Den haben die beiden für kommenden Januar geplant. Bis dahin halten Sie doch mal Ausschau nach einem grünen Transporter mit weißem Dach auf den Straßen rund um die Düvelstadt. Sollte einer darunter sein, auf dem Aufkleber aus aller Herren Länder von weiten Reisen zeugen: Winken Sie ruhig – es könnten Christiane Herweg und Alex Malmendier auf dem Weg nach Marokko sein.

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