Stadtentwicklung: Würselens mögliche Zukunft auf 80 Seiten

Stadtentwicklung : Würselens mögliche Zukunft auf 80 Seiten

Selbst wenn die Politik sämtlichen Empfehlungen zustimmen sollte, bliebe die Verbindlichkeit gering. Schließlich müsste für jedes Bauprojekt wieder ein eigener politischer Beschluss gefasst werden.

Dennoch ist die Studie, die das Forschungs- und Beratungsbüro Empirica AG für Würselen aufgestellt hat, in ihrer möglichen Bedeutung nicht zu unterschätzen. Denn sollten die Empfehlungen die Zustimmung der Politik finden, würde die Studie in den kommenden Jahren ein wichtiger Leitfaden für Würselens Stadtentwicklung – und bei den entsprechenden Diskussionen stets rasch herausgekramt werden.

Die Studie trägt den Titel „Handlungskonzept Wohnen für die Innenstadt der Stadt Würselen“, einer von drei Autoren ist der Diplom-Geograph Philipp Schwede. Auf 80 Seiten haben er und seine Kollegen zusammengetragen, wo Würselen steht – exemplarisch zeigen wir auf dieser Seite drei von Dutzenden Grafiken aus der Studie – und wie es sich aufstellen könnte und sollte, um Herausforderungen wie demographischem Wandel, Urbanisierung, steigenden Mietpreisen und Wohnungsnot zu begegnen. Unser Redakteur Jan Mönch hat mit Schwede gesprochen.

Herr Schwede, Sie haben gemeinsam mit Kollegen das „Handlungskonzept Wohnen“ für die Würselener Innenstadt erstellt. Wie geht man solch eine Aufgabe an?

Schwede: Grundsätzlich ist es so, dass man sich die Rahmenbedingungen des Wohnungsmarktes ansieht: Wie ist die Beschäftigungsentwicklung, wie viele Ein- und Auspendler gibt es und wie sind die Verflechtungen mit den umliegenden Kommunen? Dann haben wir die Situation und die Entwicklung des Wohnungsmarkts, zum einen die Nachfrageseite und zum anderen die Angebotsseite: Wie viele Wohnungen wurden in den vergangenen Jahren gebaut, wie ist der Bestand qualitativ zu beurteilen, und wie entwickeln sich die Preise als Resultat aus Angebot und Nachfrage? Daraus werden mögliche Entwicklungspfade aufgezeigt.

Vermutlich kennen Sie und Ihre Kollegen nun mehr Zahlen zu Würselen als die allermeisten Einheimischen. Aber: Kennt man dadurch auch eine Stadt?

Schwede: Die Zahlen sind nur die eine Seite. Die andere Seite sind Experten-Interviews mit lokalen Wohnungsmarktakteuren wie Banken, Immobilienmaklern oder Projektentwicklern, die den Markt gut kennen. Zum anderen machen wir auch Begehungen, um einen Eindruck vor Ort zu bekommen und nicht nur vom Schreibtisch aus.

Greifen wir doch einfach mal eine der Zahlen heraus: Die Arbeitsplatzzentralität liegt in Würselen  bei 1,0. Das bedeutet, dass ebenso viele sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Würselen wohnen wie arbeiten. Was sagt dem Experten das?

Schwede: Die Arbeitsplatzzentralität gibt einen Hinweis auf die Bedeutung der Kommune als Arbeits- und als Wohnstandort. Der ausgeglichene Wert in Würselen bedeutet, dass Wohnen und Arbeiten gleichermaßen bedeutend sind. Aachen hat eine höhere Bedeutung als Arbeitsstandort, was auch mit der hohen Zahl an Würselenern zu tun hat, die dorthin auspendeln.

Diplom-Geograph Philipp Schwede. Foto: Empirica

Womit wir beim Pendlersaldo sind, eine weitere Größe aus Ihrem Handlungskonzept. Der Saldo mit Aachen ist deutlich negativ, es pendeln also weit mehr Menschen von Würselen nach Aachen aus als von Aachen nach Würselen ein.

Schwede: In Würselen wird gewohnt, in Aachen gearbeitet. Wobei es auch eine größere Zahl von 11.000 Einpendlern aus Aachen und den anderen umliegenden Kommunen gibt, die für den hiesigen Wohnungsmarkt natürlich von Bedeutung sein könnten.

An die muss man ran.

Schwede: Genau. Es sollten Angebote geschaffen werden, damit die Menschen nicht nur in Würselen arbeiten, sondern auch dort wohnen. Davon abgesehen gibt es auch einen qualitativen Neubaubedarf. Sonst überaltert der Bestand.

Die Verflechtungen mit Aachen sind enorm, die mit anderen umliegenden Städten überwiegend sehr gering. Sind sie aus Würselener Sicht zu vernachlässigen?

Schwede: Nein. Eine Stadt steht ja nicht alleine da, sondern als Teil einer Wohnungsmarktregion, und als solche sollte auch gedacht und agiert werden.

Auf dem Wohnungsmarkt liegt Würselen in jedem Preissegment unter Aachen, zugleich aber über jeder anderen Kommune der Städteregion. Wie kommt es zu diesem Preisgefüge?

Schwede: Das ist ein Resultat aus Angebot und Nachfrage zum einen und zum anderen aus den Lageparametern. Würselen liegt besonders dicht an Aachen dran, das Aachener Zentrum erreicht man von Würselen aus schneller als von manchem Aachener Außenbezirk aus. Auch deshalb ist Würselen ein so gefragter Wohnstandort.

In der Studie halten Sie fest, dass nicht Einwohner Wohnungen suchen, sondern Haushalte. Warum legen Sie Wert auf diese Feststellung?

Schwede: Weil das einen Unterschied für die zu erwartende Nachfrage macht. Wir haben mit einer Variante gerechnet, bei der wir von einer völlig konstanten Einwohnerzahl ausgegangen sind. Auch in diesem Szenario steigt die Nachfrage nach Wohnungen, und zwar weil es einen Prozess der Haushaltsverkleinerung gibt.

Eine zentrale Empfehlung Ihres Konzepts lautet, in Würselen solle die Bautätigkeit verdreifacht werden. Nun ist eine Stadtverwaltung kein Bauunternehmen. Angenommen, der Stadtrat stimmt Ihrer Empfehlung zu, was müsste in den nächsten Schritten geschehen?

Schwede: Es ergeben sich drei wesentliche Handlungsbedarfe: Baurecht für die vorhandenen Wohnbaupotenziale schaffen, neue Flächen ausweisen und Brachflächen nachverdichten. Ein weiteres mögliches Instrument wäre, dass die Stadt eine Bodenvorratspolitik forciert: Die Stadt tritt als Zwischenerwerber von Grundstücken auf und bietet sie am Markt wieder an.

Mehr von Aachener Zeitung