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Würselener Sicherheitsfirma: Schwarzarbeit als Geschäftsmodell

Würselener Sicherheitsfirma : Schwarzarbeit und Steuerbetrug als Geschäftsmodell

Zwei Würselener Unternehmer sollen mithilfe einer Sicherheitsfirma eine Millionensumme an Fiskus und Krankenkassen vorbeigeschleust haben. Nun stehen sie vor dem Landgericht Aachen unter Anklage.

Besonders für Dieter B. könnte es eng werden. B. ist einschlägig vorbestraft und schon einmal zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Gegen seine Auflagen verstieß B. zwar nicht. Dennoch macht Richter Dr. Matthias Quarch am ersten Verhandlungstag deutlich, dass B. im Falle einer Verurteilung nur dann Chancen auf eine neuerliche Bewährung habe, falls er ein umfassendes Geständnis ablegt. Wenn überhaupt. Etwas besser sieht es für den zweiten Angeklagten Dennis H. aus, der keine solche Vorgeschichte hat.

B. und H. betrieben bis 2014 einen Sicherheitsdienst in Würselen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, ab 2009 erhebliche Geldsummen an Fiskus und Krankenkassen vorbeigeschleust zu haben. Es geht um 730.000 Euro an Sozialbeiträgen, 350.000 Euro Umsatzsteuer und 156.000 Euro Lohnsteuer, alles in allem runde 1,236 Millionen Euro.

Angesichts des Umfangs der Vorwürfe, die am Landgericht in Aachen verhandelt werden, dankt Richter Quarch augenzwinkernd dem Bundesgerichtshof, der „in seiner Weisheit“ einst festgelegt habe, dass Anklagen nur „verlesen“ und nicht unbedingt eins zu eins „vorgelesen“ werden müssen. Der Staatsanwalt darf sich also auf das Wesentliche beschränken. Vier Verhandlungstage sind angesetzt, als Zeugen werden unter anderem Mitarbeiter des Zolls, des Finanzamts und der Krankenkassen aussagen – und der Firma selbst, mit der B. und H. über Jahre Schindluder getrieben haben sollen.

Am ersten Verhandlungstag haben jedoch die Angeklagten selbst das Wort. Und in der Tat lassen beide sich umfassend ein. Das Problem ist allerdings, dass ihre Einlassungen nicht sehr gut zueinander passen. Dieter B., mit 48 Jahren deutlich älter als der 35-jährige Dennis H., räumt die Vorwürfe im Wesentlichen ein. „Wir haben beide Scheiße gebaut, dass muss man so klar sehen“, erklärt er dem Richter.

Bei seinem ehemaligen Kompagnon klingt das allerdings ganz anders. Dennis H. will stets reinen Gewissens seiner Arbeit nachgegangen sein. Als er irgendwann gemerkt habe, dass es in seinem eigenen Hause nicht mit rechten Dingen zugehe, so Anfang 2014, habe er die Firma abgemeldet, erklärt er. Das half Dennis H. allerdings nicht mehr. Durch einen anonymen Tipp wurden die Behörden auf die Vorgänge aufmerksam, die Ermittlungen kamen ins Rollen, der Zoll durchsuchte seine Wohnung.

Dieter B. kommt gebürtig aus dem Kreis Düren. Nach der Schulzeit, die er mit der Mittleren Reife abschloss, ging er zunächst als Zeitsoldat zur Bundeswehr. In dieser Zeit lernte er eine Frau kennen, deren Vater eine Detektei betrieb. So kam er mit der Szene der Sicherheitsdienste in Berührung. Einige Zeit nach dem der Lebensabschnitt als Soldat sowie einem Intermezzo in der Printenproduktion machte B. sich mit seiner Sicherheitsfirma in Würselen selbstständig. Weil er schon damals seine fiskalischen Verpflichtungen nicht sehr genau nahm, wurde er schließlich verurteilt.

H. kam erst ins Spiel, als B. ihn anno 2009 fragte, ob er die insolvente Firma nicht übernehmen und neu aufbauen wolle. H. willigte ein. Er hatte für die Firma bis dahin nachts ein festes Objekt gehütet – und das tat er seiner Aussage nach auch noch nach seinem Aufstieg zum Geschäftsführer und nachdem sein Familienname im Firmennamen den Familiennamen B.s ersetzt hatte. Seiner Darstellung nach hat nämlich de facto weiterhin B. die Geschäfte geführt. Nur mittwochs habe er selbst sich ein bisschen um den Papierkram gekümmert, „das war mein Bürotag“. Von den Unregelmäßigkeiten will H. nichts mitbekommen haben. Er sei ja Handwerker und habe von so etwas eigentlich gar keine Ahnung, lässt er den Vorsitzenden Dr. Quarch und die vier weiteren Richter wissen.

Während H. aussagt, schüttelt B. immer wieder den Kopf und vergräbt sein Gesicht in der linken Hand. Er hat die Dinge anders in Erinnerung, völlig anders. „Es gab Monate, da hat er sich 8000 oder 10.000 Euro mitgenommen“, behauptet B. über H. „Mal hat er sich einen gebrauchten 6er-BMW für 30.000 Euro gekauft, auch mal eine Kawasaki für 10.000, Urlaub wurde auf Ibiza gemacht.“ Während seiner Aussage bricht B. mehrmals in Tränen aus und sagt, er wolle die ganze Angelegenheit einfach nur hinter sich bringen. „Übertreib es nicht, Dennis“, will er H. seinerzeit gewarnt haben. Der wiederum will sich daran nicht erinnern können.

Ganz unabhängig davon, wer nun wann was gewusst hat, kann kein Zweifel daran bestehen, dass am Landgericht keine einzelnen Verfehlungen eines überwiegend sauber geführten Unternehmens verhandelt werden. Viel mehr entsteht der Eindruck, dass Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung und Dumping-Löhne Kernbestandteil des Geschäftsmodells waren.

Auf der persönlichen Ebene indes geht es im Gerichtssaal auch um die Geschichte einer zerrütteten Freundschaft. B. und H. kommen beide aus schwierigen Verhältnissen, beide wuchsen bei ihren Großeltern auf, weil die leiblichen Mütter sich nicht kümmern konnten oder wollten oder beides. H. ist der Neffe von B.s zweiter Ehefrau, die als Kind wie eine große Schwester für H. war, B. wurde ihm ein väterlicher Freund. Heute haben Dieter B. und Dennis H. sich nichts mehr zu sagen, der Kontakt ist seit langem abgebrochen. Es spricht wenig dafür, dass der Prozess das ändern könnte. (jpm)