Würselener Buchautor verleiht Wegwerf-Artikeln eine Seele

Buchvorstellung : Wenn Wegwerf-Artikel eine Seele bekommen

Zu fortgeschrittener Stunde setzte sich sich der Bardenberger Bruno Bings an den Schreibtisch und tippte die ersten Zeilen. Zusammen mit seiner Frau hatte er im TV die preisgekrönte Dokumentation „Plastic Planet“ vom österreichischen Regisseur Werner Boote gesehen – mit ungeahnten Folgen.

Das Werk über die Gefahren von Plastik und anderen synthetischen Kunststoffen in ihrer weltweiten Verbreitung berührte das Ehepaar Bings zutiefst. „Meine Frau hatte sofort die Idee, dass ich den Stoff kindgerecht in einem Buch verarbeiten solle. Da es später Abend war, war ich zunächst nicht sonderlich begeistert“, erzählte Bings schmunzelnd.

Eines kam zum anderen. Obgleich Bings bis dato noch nie ein Kinder- und Jugendbuch geschrieben hatte, fiel ihm der „Genre-Wechsel“ nicht sonderlich schwer. Es entstand die rührende wie tiefgründige Geschichte der kecken, gelben Plastiktüte Poly und ihres genügsamen wie robusten Freundes, dem Jutebeutel Pütz. Beide leben in einer Welt, in der Alltagsgegenstände abseits des menschlichen Blicks ein Eigenleben haben. Sind die Gegenstände „unter sich“, kommunizieren sie miteinander und treiben allerhand Schabernack.

Poly hegt seit langem den Wunsch, in ihr „Geburtsland“ Amerika zu reisen. Der bodenständige Pütz ist zunächst nicht wirklich angetan, lässt sich im weiteren Verlauf aber zur aberwitzigen Weltreise anstiften. Während ihrer Tour treffen die beiden die verschiedensten „Verpackungskollegen“, darunter einen Eierkarton. Alles scheint gut zu gehen, bis eine im Auto installierte Überwachungskamera das Eigenleben von Poly und Pütz aufzeichnet. Die beiden werden zu regelrechten Stars des Fernsehens und des Internets, das gut gehütete Geheimnis droht gelüftet zu werden. Es beginnt die Jagd nach „Poly und der Raschelbande“. Humorvoll konstruiert Bings ein interessantes Paradoxon: Scheinbar wertlose Tragetaschen werden durch ihre Medienpräsenz von Massenprodukten zu Individuen.

Bewusst verzichtete der Autor auf den erhobenen Zeigefinger: „Ich möchte keine Doktrin weitergeben. Vielmehr sollen Sympathien für die Dinge im Alltagsleben geweckt werden.“ So werden beispielsweise die jeweiligen Vorteile der Materialien aufgezeigt. Während Jutebeutel Pütz seine Festigkeit bei vielen Abenteuern ausspielt, punktet Poly unter anderem mit ihrer Schwimmfähigkeit. Das Werk sensibilisiert, ohne Tabus auszusprechen. Auch Plastik ist ein Material, das viele Vorteile haben kann, wenn es mehrfach und umweltgerecht verwendet wird.

Aus dem Kinderbuch ist längst ein Werk geworden, das auch in der Welt der Erwachsenen Fans gewonnen hat. Eine Leserin berichtete, dass sie fortan nur noch schmunzelnd einkaufen geht bei dem Gedanken, hinter ihrem Rücken tuscheln die Verpackungen und Gegenstände. Inspiration war für Bings außerdem der eigene Hofladen in der Bardenberger Kirchenstraße, den er vor einiger Zeit leider schließen musste. Pfandkörbchen und Eierkartons gehörten zum festen Inventar. „Zu dieser Zeit haben wir gelernt, dass in einer Gemeinschaft viel Verpackungsmüll vermieden werden kann. Die Leute waren sehr traurig, als der Laden schließen musste“, erzählte Bings.

Aufgrund des Erfolgs von „Poly und die Raschelbande“ hat Bings die Geschichte weitergeschrieben. Drei Fortsetzungen sind bereits fertig, eine vierte in Arbeit. Sein großer Traum ist die Verfilmung des Stoffes durch ein Animationsstudio. Unlängst meldete sich sogar die Walt-Disney-Company auf eine Anfrage. Der Weltkonzern erteilte leider eine Absage, da man sich auf die Projekte und Vorschläge der konzerneigenen Autoren konzentriere. Die deutschen Animationsstudios gaben sich bislang noch ähnlich bedeckt. Hier sind die hohen Produktionskosten ein Hauptgrund. „Es bleibt ein Traum und vielleicht geht er ja irgendwann in Erfüllung“, gibt sich Bings zuversichtlich.

Zum Aktionstag für Umwelt und Nachhaltigkeit am Samstag, 23. März, liest Bings aus seinem Buch in der Mayerschen Buchhandlung in Aachen. Beginn der Veranstaltung ist um 13 Uhr, der Eintritt ist frei.