Würselen und die Regiotram: Im Stadtrat für die Straßenbahn trommeln

Würselen und die Regiotram : Im Würselener Stadtrat wird für die Straßenbahn getrommelt

Die Schaffung einer Straßenbahnlinie ist ein an Widernissen reiches Unterfangen. Die vielleicht größte Herausforderung besteht darin, sämtliche politischen Gremien hinter das Projekt zu bekommen.

Die Regiotram soll mit Aachen, Würselen, Alsdorf, Herzogenrath und Baesweiler durch nicht weniger als fünf Städte verlaufen. Und in jeder dieser Städte sitzen Politiker und Verwaltungsleute, die versuchen, das Beste für ihre Stadt herauszuholen. Das mag ihre Aufgabe sein, allzu ausgeprägtes Kirchturmdenken könnte allerdings im negativsten Fall dazu führen, dass am Ende alle mit leeren Händen dastehen.

„Die Region muss sich als Ganzes sehen, sonst verschenkt sie ihr Potenzial, auch im Wettbewerb mit anderen Metropolregionen“, lautete der Appell von Hans-Joachim Sistenich im Würselener Stadtrat. „Im Grunde sind wir schon viel zu spät dran, wir hätten vor zehn Jahren anfangen müssen.“

Besondere Bedeutung für Würselen

Sistenich war viele Jahre lang Geschäftsführer des Aachener Verkehrsverbunds (AVV). Mittlerweile ist er pensioniert, aber als Vorstandsmitglied der Initiative Aachen aktiv, die sich der Entwicklung der Region verschrieben hat. Eine Art Lebensaufgabe ist für den Verkehrsexperten geblieben, der Region zu einer Straßenbahn zu verhelfen – ein Unterfangen, das bekanntlich zuletzt 2013 gescheitert ist: Damals ließ ein Bürgerentscheid die Campusbahn krachend scheitern.

In der aktuell von Sistenich und dem AVV zur Anwendung gebrachten Strategie spielt Klinkenputzen in Stadträten, Ausschüssen und Bezirksvertretungen offenbar eine zentrale Rolle. Bei Dutzenden Terminen hat Sistenich schon die Vorzüge des Großprojekts gepriesen, vor ein paar Wochen erst in Baesweiler, davor schon in Alsdorf, am Dienstagabend waren nacheinander Würselen und Herzogenrath (siehe Text unten) an der Reihe.

Für Würselen wäre die Regiotram von besonders großer Bedeutung. Das liegt zunächst einmal daran, dass die Euregiobahn Würselen bislang – ganz im Gegensatz zu den umliegenden Städten – nicht anfährt. Um die Jahrtausendwende hatte die Kommunalpolitik in beiden Städten sich nicht für die Idee erwärmen können, die Trasse über Würselen bis Aachen-Bushof zu führen. Zum anderen liegt es an der besonders großen Nähe zu und den besonders engen Pendlerverflechtungen mit Aachen – genau an den Eigenschaften also, von denen in den vergangenen Monaten im Zusammenhang mit der Innenstadtverdichtung und der Schaffung von Wohnraum ständig die Rede ist. Die Pläne für die Regiotram sind auch in diesem Zusammenhang zu sehen. „Es geht nicht um ein Nostalgieerlebnis, sondern um eine Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft“, sagte Bürgermeister Arno Nelles (SPD).

Die jeweils halbstündig aus Baesweiler und aus Stolberg kommenden Linien, so führte Hans-Joachim Sistenich aus, würden beide durch Würselen fahren, so dass hier jede Viertelstunde eine Tram hielte. Die vorläufige Route führt von Merzbrück über das Gewerbegebiet Aachener Kreuz, Weiden, Aquana und Markt. In nur elf Minuten soll der Aachener Bushof von Würselen aus erreichbar sein.

Falls Sie irgendwo in der Region auf ein Mikrofon treffen, ist die Wahrscheinlichkeit relativ groß, dass es sich in der Hand von Hans-Joachim Sistenich befindet – und dieser für die Regiotram wirbt. Foto: Ralf Roeger

Hans-Joachim Sistenich versteht es, das Projekt nicht nur sinnvoll, sondern geradezu zwingend erscheinen zu lassen. Besonderen Wert legte er bei seinem Besuch in Würselen darauf, dass man anders als 2000 nicht von schweren Dieseltriebwagen und bis zu 76 Zentimeter hohen Bahnsteigen spreche, sondern von einem „simplen und stadtverträglichen“ System, für das die Straßenbahnen in Bordeaux, Frankreich, und in Doha, Katar, Pate stehen.

Abzüge musste man Sistenichs Auftritt in der B-Note geben. Dass er sich nach anderthalb Stunden in Richtung Herzogenrath verabschiedete, wo die nächste kommunalpolitische Runde wartete, kam bei einigen Fraktionen erkennbar schlecht an. „So kann ich keine elemantaren Diskussionen führen“, kritisierte der Fraktionsvorsitzende der UWG, Theo Scherberich, und bestand darauf, dass seine offenen Fragen ins Protokoll aufgenommen werden, insbesondere zur Finanzierung der Regiotram. Auch Hans Carduck (FDP) befand: „Unsere Fragen sind nicht zufriedenstellend beantwortet worden.“ Dass dies nachgeholt wird, darf als ausgemacht gelten, denn Sistenich hatte zuvor erklärt, weiterhin jederzeit zur Verfügung zu stehen.

Foto: WZ/Claßen, Hans-Gerd

Nachdem Sistenich sich verabschiedet hatte, drehte die Diskussion sich auch um die weitere Herangehensweise. Sollte man lieber erst einmal alles möglichst detailliert besprechen und dann loslegen? Oder ist es am wichtigsten, im Vertrauen auf die gemeinsame Problemlösungsfähigkeit so bald wie möglich Nägel mit Köpfen zu machen?

Die SPD-Fraktion neigt zu ersterer Auffassung, und zwar auch mit Blick darauf, dass der angedachte Streckenverlauf bei den Sozialdemokraten eher wenig Anklang findet. Fraktionsvorsitzender Christoph Küppers monierte unter anderem, dass die Haltepunkte teils zu weit von bewohnten Gebieten entfernt lägen, um die Bürger im wörtlichen Sinne abzuholen. Auch sei bei den ständigen Vergleichen mit Bordeaux zu bedenken, dass die Witterung in unseren Breiten eine andere sei und das Bewältigen der „letzten Meile“ – Küppers meinte den Weg vom Haltepunkt zum Bestimmungsort – in seiner Bedeutung nicht unterschätzt werden sollte.

Der CDU hingegen hätte offenbar am liebsten direkt abgestimmt, was jedoch erst in etwas fernerer Zukunft geschehen soll. Wer wolle, dass die Bürger auf Abstand zum Individualverkehr gehen, der müsse auch für entsprechende Alternativen Sorge tragen, hielt Fraktionsvorsitzender Karl-Jürgen Schmitz fest. „Wir dürfen hier nicht wieder jahrelang alles bereden und zerreden. Aber leider sehe ich hier nur Bedenkenträger.“ Auch Michael Jochmann von den Grünen wünschte sich „etwas weniger Skepsis und etwas mehr Offenheit“.

Freidemokrat Hans Carduck war es, der schließlich zu einer konstruktiven Debatte aufrief. Es könne nicht darum gehen, „dass wir uns hier gegenseitig übertrumpfen und darum streiten, wer was erfunden hat“.

Beim AVV wird man diese Feststellung dankbar zur Kenntnis nehmen.

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