Würselen: Stadtrat debattiert über Umgang mit anonymen Briefen

Anonyme Briefe aus der Stadtverwaltung : Emotionale Debatte bleibt ohne greifbares Ergebnis

Es geht weiter um die Arbeitsbedingungen im Rathaus. Würselens Bürgermeister Arno Nelles wehrte sich im Stadtrat gegen die Vorwürfe aus zwei anonymen Briefen. Die Diskussionen im Rat waren oft wenig konstruktiv – aber emotional.

Es hat nicht unbedingt etwas zu bedeuten, wenn ein Bürgermeister behauptet, er sei von irgendetwas „betroffen“. Oft handelt es sich um eine Floskel, an denen der politische Sprachgebrauch so reich ist. Als Arno Nelles am Dienstagabend im Rat erklärte, „betroffen“ zu sein, da hörte man schon an seiner Stimme, dass er genau das in der Tat ist.

Es folgte ein knapp 15-minütiger Wortbeitrag, in dessen Verlauf der Bürgermeister energisch bis emotional auf die Vorwürfe zu den Arbeitsbedingungen in seinem Rathaus einging. Die Affäre um den anonymen Briefeschreiber hat bei ihm Spuren hinterlassen.

Zahlreiche Interna

In bislang zwei Schreiben, die die fünf Ratsfraktionen innerhalb einiger Wochen erreicht hatten, hatte ein Unbekannter über die angeblich miese Bezahlung, angeblich mangelnde Anerkennung und angeblich zu hohe Belastung geklagt und an die Politik appelliert, etwas dagegen zu unternehmen. Der Absender gab sich nicht zu erkennen, jedoch sprachen zahlreiche genannte Interna dafür, dass die Briefe tatsächlich aus der Verwaltung kommen.

Zwar missfiel allen Fraktionen, dass der Absender sich nicht zu erkennen gab. Doch hielten sie den Vorgang für so bemerkenswert, dass sie, von unserer Zeitung angesprochen, Gesprächsbedarf ankündigten. Einzige Ausnahme war die SPD, die es damals komplett ablehnte, sich zu einem anonymen Schreiben zu äußern.

Nun, da der Vorgang es auf CDU-Antrag auf die Tagesordnung des Stadtrats geschafft hatte, traten die Sozialdemokraten mit umso größerer Wortgewalt auf. Sie brandmarkten den Vorgang als „Unverschämtheit“, „bodenlose Frechheit“ (Fraktionsvorsitzender Christoph Küppers) und „Schweinerei“ (Heinz Viehoff). Und Doris Harst bekannte: „Mir war noch nie eine Ratssitzung derart peinlich.“ Es könne doch wohl nicht wahr sein, „dass ein anonymer Briefeschreiber hier solch ein Forum“ bekomme.

Vergleichsweise halbherzig wirkten die Wortmeldungen der anderen Fraktionen, obgleich sie es ja gewesen waren, die über die Sache hatten sprechen wollten, und nicht die SPD. Die Annahme, dass die Klagen des Anonymus zwar alles andere als stilsicher vorgetragen, aber in der Sache nicht völlig aus der Luft gegriffen sind, überdauerte zwar auch die Ratssitzung. Allerdings deutete sich nicht einmal ansatzweise an, inwieweit der Rat Abhilfe schaffen könnte. „Nehmen Sie das bitte ernst“, sagte Theo Scherberich (UWG) an den Verwaltungsvorstand gewandt – wesentlich konstruktiver wurde es nicht.

Aber emotionaler. Nachdem die Fraktionen sich den Ball einige Male hin- und hergespielt hatten, ergriff also Bürgermeister Nelles das Wort, der als Chef der Verwaltung letztlich für die Arbeitsbedingungen im Rathaus verantwortlich ist. „Ich treibe schon seit zehn Jahren mein Unwesen hier im Rathaus, wenn ich in der Diktion des anonymen Briefeschreibers bleiben möchte“, erinnerte er – und legte nahe, dass die Debatte aus politischen Motiven heraus ins Rollen gebracht worden sein könnte. „Und ein Jahr vor der Kommunalwahl kommt plötzlich so ein Schreiben, das sich nur an die politischen Gruppierungen des Rates wendet und nicht an die zuständigen Gremien. Sehen Sie mir bitte nach, dass ich das zumindest erstaunlich finde.“

Und eine rhetorische Frage stellte Nelles: „Können Sie sich ernsthaft vorstellen, dass jemand, der sich hier so kreuzunglücklich fühlt, nicht nach Aachen, zur Städteregion, nach Alsdorf oder nach Herzogenrath oder wohin auch immer geht?“ 

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