Würselen: Neue Gesamtschule ist so gut wie fertig

Schuljahr 19/20 : Neue Gesamtschule in Würselen ist so gut wie fertig

Ein Hintertürchen lässt die Stadt sich noch offen, aber nur ein ganz klitzekleines. „Zu 99,999 Prozent“, sagt Lothar Winkler vom Fachdienst Gebäudewirtschaft, „kann der Schulbetrieb zum Schuljahr 19/20 aufgenommen werden.“

Bleiben also 0,001 Prozent Restrisiko, dass es anders kommt – ohne ausgeprägte Zockerleidenschaft würde darauf wohl niemand eine Wette abschließen.

Obwohl noch nicht alles fertig ist, kann man jedenfalls jetzt schon festhalten, dass das neue Würselener Gesamtschulgebäude mit recht eindrucksvoller Geschwindigkeit aus dem Boden geschossen ist. Der Baubeginn war ja erst im März vergangenen Jahres. 14 Monate später sind zwischen Krottstraße und Willy-Brandt-Ring 11.500 Quadratmeter Bruttogeschossfläche beziehungsweise 47.500 Kubikmeter Bruttorauminhalt entstanden, wo in Zukunft der Ernst des Lebens stattfinden soll – neben den Klassenräumen haben auch Differenzierungsräume und Lernnischen unter dem Dach Platz gefunden.

Interessant ist es auch oben drauf. Die Lüftungsanlagen wurden zur Lärmreduktion eingehaust und fallen dadurch recht groß aus. Zu sehen sind Photovoltaikanlagen, Dachbegrünung wird folgen.  Wissenswert ist ferner, dass Wärme vom jenseits der K30 liegenden Aquana bezogen wird. Dort gibt es ein Blockheizkraftwerk.

Gesamtschule Würselen: Eine Baustellenführung

Die Abnahme des Schulgebäudes steht kurz bevor, in den Sommerferien folgt der Umzug. Die Verwaltungsspitze als zufrieden zu bezeichnen, wäre deutlich untertrieben, man darf ruhig von Begeisterung über den Fortgang der Arbeiten sprechen. Wenn die Schüler nur halb so viel Spaß an dem Gebäude haben sollten, wird Würselens Gesamtschulgemeinschaft die glücklichste der Welt.

Blick aus dem Atrium: Der Platz draußen soll den Oberstufenschulhof beherbergen. Foto: Jan Mönch

Bürgermeister Arno Nelles (SPD) betrachtet die Entstehung der Gesamtschule auch als einen Testlauf für mögliche weitere Projekte. Bekanntlich hat die SPD-Fraktion kürzlich ins Gespräch gebracht, auch das Städtische Gymnasium neu zu bauen anstatt es zu sanieren. Entschieden ist das noch nicht, aber der weitgehend problemlose Gesamtschulbau ist für den Vorschlag die beste Werbung. Dahingegen gilt: „Saniert man ein Gebäude aus den 60er oder den 70er Jahren, drohen böse Überraschungen“, erklärt Bürgermeister Nelles.

Blick in die Klassen: Die naturwissenschaftlichen Räume sind mit allerlei Technik für zeitgemäßen Unterricht ausgestattet. Foto: Jan Mönch

Solche blieben beim Bau der Gesamtschule weitgehend aus. Die Firma Goldbeck setzte das Gebäude aus Fertigbauteilen vor Ort zusammen. „Die Teile werden im Werk zusammengebaut und fertig auf die Baustelle geliefert, wo sie mit einem extrem großen Kran zusammengesetzt, dann verschraubt und vergossen werden“, erklärt Projektleiter Arndt Theisgen. Dadurch, dass ein großer Teil des Arbeitsprozesses in Werken stattfinde, sei man viel unabhängiger von der Witterung, was wiederum dem Einhalten des Zeitplans entgegenkomme. Und der wird an der Krottstraße – wie gesagt zu 99,999 Prozent – aufgehen.

Ein Mittel gegen mögliche juristische Probleme stellen Fertigbauteile hingegen nicht dar. Im November waren die Arbeiten kurz ins Stocken geraten, als Anwohner versuchten, den Bau per Dringlichkeitsantrag zu stoppen. In der Tat ruhten die Bauarbeiten daraufhin, die Stadt musste Unterlagen nachreichen, was dann auch die gewünschte Wirkung erzielte: Nach einigen Tagen konnte es weiter gehen, der Spuk war beendet.

Blick übers Dach: Die Belüftungsanlagen auf dem Dach wurden zwecks Lärmreduktion eingehaust – dafür fallen sie ungewöhnlich größer aus. Foto: Jan Mönch

„Da ist mir im ersten Moment ein Schrecken in die Glieder gefahren, das ist klar“, gibt Bürgermeister Nelles im Rückblick zu. Trotz kritischer Stimmen ist er von dem Standort überzeugt. „Eine Schule gehört nicht irgendwo ins Gewerbegebiet auf die grüne Wiese“, stellt Nelles mit Blick auf die umliegenden Wohngebiete fest. Ungeachtet dessen läuft am Oberverwaltungsgericht in Münster noch ein sogenanntes Normenkontrollverfahren, in dessen Rahmen der Bebauungsplan geprüft wird.

Blick auf die Photovoltaikanlagen, die nicht nur die Grünen freuen dürften, sondern auch den Kämmerer: Sie sparen bares Geld ein. Foto: Jan Mönch

Das Gebäude gehört zurzeit noch der Firma Goldbeck. Die Stadt wird es ihr im Sommer, Stichtag ist der 12. Juli, für 25,7 Millionen Euro abkaufen – inbegriffen ist ein großer Teil der Inneneinrichtung wie Smartboards und Beamer, die in den Klassenräumen bereits zu sehen sind, während klassische Tafeln und Kreide der Vergangenheit angehören. Anschließend bleibt Goldbeck 30 Jahre lang für den Betrieb  zuständig und wird Instandhaltung, Reparaturen und Reinigung regeln. Hintergrund ist eine sogenannte Öffentlich-private Partnerschaft.

Offen ist noch die ein oder andere Feinheit. Aktuell wird im Rathaus überlegt, einen Kiss-and-ride-Parkplatz für Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren, einzurichten. Das soll aber die Politik entscheiden.Und womöglich wird auch noch einmal angebaut. Das Gebäude wurde so geplant, dass die Gesamtschule zu einer fünfzügigen Schule erweitert werden kann, und zwar in Richtung des Sportplatzes.

Blick vom Dach in Richtung Norden: Vorplatz und Eingangsbereich haben Formen angenommen. Foto: Jan Mönch
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