Würselen: Im Rat wird über die Arbeitsbedingungen im Rathaus gesprochen

Arbeitsbedingungen im Rathaus : „Immenser Imageverlust der Stadt Würselen“

Das anonyme Schreiben, in dem die Arbeitsbedingungen im Rathaus beklagt werden, wird zum Politikum. Zwei Stellungnahmen liegen vor, über die in der kommenden Ratssitzung gesprochen werden wird.

Dass sein Schreiben zwei Lesarten zulässt, war dem Autor womöglich nicht ganz bewusst. Fragen kann man ihn nicht, denn er schrieb anonym an die Würselener Ratsfraktionen, um die Arbeitsbedingungen im Rathaus zu beklagen. Die seien gar so schlecht, dass viele Mitarbeiter sich krankschreiben ließen oder nur noch „Dienst nach Vorschrift“ machten, stand da. Wer also schon immer zu wissen glaubte, wie schlecht es um die Arbeitsmoral in deutschen Amtsstuben bestellt ist, der durfte sich bestätigt fühlen. Dass das bei den Kollegen, für die der Anonymus sich eigentlich einsetzen wollte, nicht ganz so gut angekommen sein soll, vermag insofern nicht zu überraschen.

Es ist gut einen Monat her, dass das anonyme Schreiben die Fraktionen erreichte, auch unserer Zeitung wurde es zugespielt. Es ging um fehlende Anerkennung, schlechte Bezahlung und zu hohe Belastung (Ausgabe vom 3. August). Die Vorsitzenden der fünf Ratsfraktionen äußerten zwar durch die Bank ihr Missfallen darüber, dass der Absender sich nicht zu erkennen gibt. CDU, FDP, Grüne und UWG nahmen den Vorgang aber doch zum Anlass, Gesprächsbedarf anzumelden – nur die SPD wollte sich nicht äußern. Die CDU richtete sogar schriftlich die Aufforderung zu einer Stellungnahme an Bürgermeister Arno Nelles (SPD). Das mag einerseits mit dem aufziehenden Wahlkampf zu tun haben. Andererseits ging es in dem Schreiben auch um Aspekte, über die schon häufiger im Rat und anderen Gremien gesprochen worden war.

Mittlerweile neigt die politische Sommerpause sich dem Ende entgegen, und für die erste Sitzung des Stadtrats am Dienstag kommender Woche, 18 Uhr, wurde das Thema auf die Tagesordnung gesetzt. Zwei Stellungnahmen werden der Politik an die Hand gegeben. Die eine ist gezeichnet von Personalchef Bernd Schaffrath und Bürgermeister Nelles, die andere vom Personalratsvorsitzendem Jochen Gülpen.

Schaffrath und Nelles weisen die erhobenen Vorwürfe weitgehend zurück. Weder würden im Rathaus „leere Versprechungen“ gemacht noch Aufstiegschancen suggeriert, die sich in Wahrheit gar nicht böten. Eingeräumt wird indes, dass größere Behörden wie Stadt oder Städteregion eine bessere Bezahlung bieten könnten, was aber „systembedingt“ und durch die Stadt Würselen nicht zu beeinflussen sei.

„Persönlich diskreditiert“

Aus der Stellungnahme lässt sich auch ablesen, dass das Schreiben und die anschließende Berichterstattung im Rathaus mit einigem Entsetzen aufgenommen worden sind. Beides habe „zu großem Unverständnis und auch Ärgernis innerhalb der Belegschaft“ und zu einem „immensen Imageverlust der Stadt Würselen“ als Arbeitgeber geführt. Der Anonymus habe wohl „aus dem Blick verloren“, welchen Schaden er anrichte. Zahlreiche Mitarbeiter hätten sich an Verwaltungsleitung, Personalleitung und Personalrat gewendet und um eine Gegenreaktion gebeten, „da sie sich selbst und persönlich diskreditiert fühlen“.

Auch der Personalrat, der die Belange der Mitarbeiter zu vertreten hat, wundert sich in der zweiten vorliegenden Stellungnahme, dass der Anonymus sich an die Ratsfraktionen gewendet hat und nicht an ihn. Er räumt aber ein, dass „sicherlich einige Kritikpunkte aufgeführt“ würden, „die schon seit längerem hausintern bekannt“ seien. „Beispielsweise hat der Personalrat (…) immer wieder auf den hohen Krankenstand hingewiesen und diesbezüglich Abhilfe (…) eingefordert.“ Durch die Wiederbesetzungssperre von 50 Prozent der frei werdenden Stellen finde „seit Jahren eine erhebliche Arbeitsverdichtung“ statt. Die Sperre war 2012 durch den Rat beschlossen worden.

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