Würselen: Besucher erfahren viel Neues über St. Sebastian

Denkmaltage : Selbst Alteingesessene erfahren viel Neues über Würselens „Dom“

Die Besuchten konnten Würselens „Dom“ Sankt Sebastian am Denkmaltag von einer ganz neuen Seite entdecken. Niveauvolle Vorträge und künstlerische Darbietungen vollendeten den Tag.

Organisator Rolf Rüland konnte aufatmen und sich glücklich schätzen: Die Veranstaltungen anlässlich „20 Jahre Würselener Denkmaltage" fanden den erhofften und – angesichts der niveauvollen Vorträge und künstlerischen Darbietungen – vollauf verdienten Zuspruch im Würselener „Dom“ Sankt Sebastian.

Den Anfang machte ein profunder Vortrag von Dr. Martina Langel, Kunsthistorikerin der Universität Köln, über „Die kunstgeschichtliche Bedeutung des Hochaltars in St. Sebastian“. Und obwohl ein Großteil der vielen Besucher schon Jahrzehnte im Dunstkreis der imposanten Pfarrkirche lebt und sie nicht nur bei den Denkmaltagen besucht, konnte jeder viel Neues lernen über den Würselener Dom.

Pfarrer Karl-Josef Pütz führte in den Abend ein, indem er auf die theologische und liturgische Bedeutung des ursprünglichen Zelebrationsaltars aus Stein einging. Als Opferaltar und Tisch des Herren symbolisiert der Altar Jesus Christus, daher wird er geweiht. Christus ist der Gesalbte, und daher wird auch der Altar gesalbt.

Dr. Martina Langel wies in ihrem halbstündigen Referat nach: Bei dem 1732 geweihten, später um weitere Teile ergänzten und 1906 an seinem jetzigen Standort angebrachten Barockaltar hinter dem Steinaltar haben verschiedene Epochen und Stile ihre Spuren hinterlassen. Aus dem eigentlichen Altar wird im 17. und 18. Jahrhundert durch die riesengroße Rückwand (Retabel) ein Werk, das mit seinen Sockeln und Triumphbögen an die Antike und seine Tempel erinnert. Dr. Martina Langel: „Das erinnert an Theater, Bühne, Kulisse – an das barocke Jesuitenspiel“.

Demgegenüber ist das Altarbild des Heiligen Sebastian alles andere als barock. Dieses Zeitalter stellte den von Pfeilen durchbohrten Sebastian noch unbekleidet dar, nicht jedoch das Bildnis des Malers Josef Assenmacher aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Es greift zurück auf mittelalterliche Muster und symbolisiert auch die durch zwei Turbanträger dargestellte Bedrohung durch die Türken – mit Sebastian als Schutz und Schirm dagegen. Wie „hineingestellt“ in die Szenerie wirken die Skuplturen der heiligen Balbina (früher einmal erste Schutzpatronin der Kirche) und Nikolaus sowie im oberen „Stockwerk“ jene der Heiligen Familie. Sie galt im 19. Jahrhundert als Idealbild auch der bürgerlichen Familie – mit dem Heiligen Josef als Arbeiter und „Ernährer“.

Klezmer-Konzert mit der Gruppe „Dance of Joy“ fügte sich gut ins sonstige Programm ein. Foto: Wolfgang Sevenich

Balbina, Nikolaus und auch die Heilige Familie sind nachweisbar aus der Zeit des Pfarrers Kaisers, der von 1871 bis 1876 als Seelsorger an St. Sebastian wirkte. In jener Zeit wurden auch Skulpturen der Apostel-Fürsten Petrus und Paulus erworben, die jedoch keinen Eingang in Nischen des Hochaltars fanden. Dr. Martina Langel resümierte abschließend: „Hochaltäre wie jener in St. Sebastian sind selten Kunstwerke eines Augenblicks, sondern einer geschichtlichen Entwicklung.“

Bei einem Glas Wein kamen die Besucher dann noch mit Dr. Martina Langel ins Gespräch und besichtigten im hinteren Raum der Kirche auch die Foto-Ausstellung von Franz Mause über bekannte und weniger bekannte Friedhöfe dieser Welt – von Paris bis Jerusalem. Der Abend wurde sehr schön und meditativ untermalt mit einzelnen Musikstücken, die Dirk Beyer an der Flöte und Heim-Kantorin Ulrike Botzet an der Eule-Orgel zu Gehör brachten: dem Reigen seliger Geister von Christoph Willibald Gluck und dem Adagio in g-Moll von Tomaso Giovanni Albinoni, einem Barockkomponisten aus jener Zeit, als der Retabel-Hochaltar in St. Sebastian entstand.

Ganz der Musik gewidmet war dann der Abend darauf in der wieder gut gefüllten Pfarrkirche St. Sebastian – bei einem Auftritt der Klezmer-Gruppe „Joy of Dance“. Die Musiker Johanna Schmidt (Geige), Johannes Flamm (Klarinette und Saxophon), Werner Lauscher (Kontrabass) und Alfred Krauss (Akkordeon) präsentierten dabei nach virtuosem Beginn auch ihr „Bach-Projekt“. Dahinter verbirgt sich die Frage: „Wie würde es klingen, wenn Johann Sebastian Bach seine Musik mit der des jüdischen Klezmer gemischt hätte?“. Die Antwort: Gut klänge sie – witzig, gescheit und mit einer Prise Humor und Schalk im Nacken.

Daneben begeisterte die temperamentvolle Gruppe, in dieser Zusammensetzung auch schon zwei Jahrzehnte zusammen, mit klassischer Klezmer-Musik und Melodien etwa aus dem bekannten Musical „Fiddler on the Roof“ und „Anatevka“. Es gab Riesen-Applaus für die Künstler, die sowohl als Ensemble wie auch als Solo-Künstler und mit Improvisationen begeisterten – und erst nach Zugaben ihre Heimreise antreten durften.

Mit einer Kirchenführung am Tag darauf durch Organisator Rolf Rüland endeten die jederzeit anspruchsvollen Denkmaltage in Würselen.

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