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Seniorenbetreuer steht vor Gericht: Sprengsatz aus Wunderkerzen gebaut

Seniorenbetreuer steht vor Gericht : Sprengsatz aus Wunderkerzen gebaut

Im Fall des wegen versuchten Mordes angeklagten Seniorenbetreuers Stephan L. (36) aus Würselen gab die Schwurgerichtskammer am Aachener Landgericht erste Hinweise, wohin in diesem Fall strafrechtlich die Reise gehen könne.

Der Vorsitzende der Kammer, Richter Roland Klösgen, teilte am Ende des Verhandlungstages am Mittwoch einen rechtlichen Hinweis mit.

Danach komme für die Tat des Angeklagten auch eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung in Frage, „nur“ möchte man da angesichts des Anklagevorwurfs des versuchten Mordes anmerken. Der bei den Bewohnern in einem Würselener Altenheim hoch angesehene und beliebte Betreuer hatte sich am Mittag des 7. April 2020 dazu hinreißen lassen, aus Wut und Verärgerung über einen Wachmann vor der Sparkassenfiliale an der Aachener Straße einen Sprengköper zu zünden.

Es war ein selbstgebauter Sprengsatz, den er von zu Hause geholte hatte. Der Wachmann habe ihm in arroganter Weise den Zutritt zur Filiale versagt, gab er später zu Protokoll. Da sei er wütend geworden. Die Filiale war an diesem Tag für Publikum geschlossen, weil dort ein neuer Tresor eingebaut werden sollte, hatte ein Mitarbeiter der Bank berichtet.

Dieser Umstand hatte sich dem Angeklagten nicht erschlossen. Immer wieder hatte der von Anwältin Martina Nadenau verteidigte Angeklagte später beteuert, er habe mit der Zündung des Sprengkörpers niemanden verletzen, geschweige denn töten wollen.

Ein wenig mehr Licht ins Dunkel brachten die Zeugenaussagen zweier Sprengstoffexperten des LKA, die die Gesamtlage als eher weniger gefährlich einordneten. Der erste der beiden Sprengstoffexperten beschrieb das Objekt als einen Sprengkörper, dessen Explosionswucht wohl kaum höher als diejenige eines jener – sicherlich auch noch ausreichend gefährlichen – sogenannten „Polenböller“ einzuordnen sei.

 Abgesperrt mit Flatterband: Die Sparkassenfiliale in der Aachener Straße kurz nach der Tat.
Abgesperrt mit Flatterband: Die Sparkassenfiliale in der Aachener Straße kurz nach der Tat. Foto: dag/Dagmar Meyer-Roeger

Die Ummantelung des Körpers sei „aus dünnem Metall ähnlich wie der einer Spraydose“ gewesen, so der Zeuge. Einzig eine Abdeckkappe – durch die auch die Zündschnur geführt wurde, sei stabiler als die Blechwände des Körpers gewesen. Gerade jene Kappe hatte denn auch mutmaßlich einen deutlich sichtbaren Katschen ins Glas der neuen Türe der Filiale geschlagen.

Die entzündliche Masse im Sprengkörper war von dem Angeklagten aus dem Abrieb handelsüblicher Wunderkerzen hergestellt worden. „Diese Masse brennt im Gegensatz zu Schwarzpulver, das direkt explodiert, einfach länger ab“, so der Experte.

Deshalb sei es im vorliegenden Fall gut gewesen, dass das Behältnis keine starken Wände gehabt habe, der Hauptteil der Kraft sei mehr oder weniger verpufft. Die gefundenen Nägel – der Angeklagte behauptete, sie keinesfalls in den Sprengsatz gefüllt zu haben – hätten keine große Durchschlagskraft entfaltet. Eine Jeans hätte sie aufgehalten, erklärte der Zeuge. Der gefundene Metalldeckel allerdings, bewerteten die Experten die Gefahr des Sprengköpers, habe durchaus für die umstehenden Personen, darunter ein halbwüchsiger Junge, gefährlich werden können.

Die psychiatrische Sachverständige Dina Mörth (Aachen) bewertete in ihrem Gutachten die beim Angeklagten seit Jahren vorhandene Epilepsie als nicht unmittelbar ausschlaggebend für die Tat, die regelmäßigen Anfälle allerdings und seine Depressionen sowie ein längerer Drogenkonsum hätten zu einer verminderten Schuldfähigkeit in dieser Situation geführt. Das Urteil wird am 18. November im Aachener Landgericht gesprochen.