Robert Habeck im Alten Rathaus Würselen

Lesung von Robert Habeck : „Die wahre Aufgabe ist Zuversicht“

Im politischen Deutschland ist er einer der großen Gewinner der vergangenen zwei Jahre: Der grüne Bundesparteivorsitzende Robert Habeck, den sogar der „Stern“ unlängst als kommenden Kanzler betitelte.

Bei der Lesung seines Buches „Wer wir sein könnten“ im Alten Rathaus in Würselen zeigte der 49-Jährige, was ihn so beliebt gemacht hat: klare Worte und die Bereitschaft zuzuhören.

Der Politiker aus Schleswig-Holstein sagt zwar „wir können nicht nicht politisch sein“, doch es ging ihm weniger als um parteipolitische Diskussionen, als die Diskussionkultur in Deutschland allgemein, die er bedroht sieht. Direkt zu Anfang stellte er die These auf: „Sprache schafft die Welt und entscheidet, wer wir sein könnten.“

Dabei unterscheidet Habeck klar zwischen demokratischer und fundamentalistischer Sprache und erklärte in dem Zusammenhang auch seine Motivation für das Buch: Die zunehmende Sprachverrohung durch die AfD, aber auch die Übernahme des Gebrauchs von menschenverachtenden Begriffen bei einigen Vertretern der CSU.

Kompromisse finden

Das Ziel von Habeck: Sprachlich und politisch wieder Perspektiven geben, um Kompromisse zu finden. Dass es da ein Ungleichgewicht gebe, sei ihm bereits im Wahlkampf 2017 aufgefallen, als ein politisches Desinteresse sich in vielen Teilen Deutschlands breitmachte.

Es waren Aussagen, mit denen er den Nerv des Publikums im ausverkauften Saal traf. Es ist wohl auch ein großer Vorteil des Politikers, dass er keine gewöhnliche Parteikarriere machte, wie er in einer seiner vielen Anekdoten erzählte. Denn erst 2002 begann seine Laufbahn bei den Grünen – als die Partei in Zeiten der Zustimmung zum Afghanistankrieg ins Wanken geriet.

So besuchte er nach seinem Umzug nach Schleswig-Holstein das Treffen eines vorstandslosen Kreisverbandes – und wurde aus Mangel an Mitbewerbern sofort Vorsitzender. „Es hat sich gefühlt wie eine Partei zu gründen“, so der Familienvater.

Viele Erfahrungen musste er in kurzer Zeit sammeln und schaffte schließlich den Sprung zum Spitzenkandidaten in Deutschlands nördlichstem Bundesland.

Eine Lektion, die er besonders aus den vergangenen Jahren zog: „Wir haben kein stabiles Wertekonzept mehr, wir kommen in der Denke von klassischen Lagern nicht mehr weiter.“

Auch für mehr Bürgerbeteiligung machte er sich stark und nicht zuletzt der Satz „Wenn man führen will, muss man dienen können“ brachte ihm viel Applaus ein. In den Fragen aus dem Publikum, die er bereitwillig beantwortete, ging es auch um die „Sozialen Netzwerke“, von denen sich Habeck mittlerweile zurückgezogen hat. Er plädierte dafür, einen „demokratischen Internetraum“ zu schaffen, um den Filterblasen von milliardenschweren Konzernen wie Facebook und Twitter zu entgehen.

„Aber es ist schön, dass wir so analoge Veranstaltungen haben“, so der Politiker zum Abschluss, „denn die wahre Aufgabe ist Zuversicht!“

(cheb)
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